Kellerland im Soldiner Kiez

Kellerland im Soldiner Kiez  

Rene_LuckhardtDer Wedding bleibt bunt: Einerseits hat man so krasse Performances wie jüngst bei MicaMoca länger nicht gesehen, und auf dem Sommerfest bei Ex-Rotaprint war es auch ganz nett. Andererseits bleiben blinde Flecken nördlich der Osloer Straße und es ist gar nicht einfach, genau zu sagen, wieso man auch als Innenstädter so selten im Soldiner Kiez landet. Hat man zu viel Zeit vor dem Polizeiticker der Berliner Morgenpost verbracht oder fehlt es an Lifestyle-kompatibler Infrastruktur? Wie auch immer: Es ist an der Zeit, sich in den seltsam stillen Seitenstraßen ein wenig genauer umzusehen. Auch, wenn man bisweilen den Eindruck nicht los wird, dass das nicht gern gesehen wird. Immerhin befindet sich dort nämlich im ersten Geschoss eines stinknormalen Berliner Mietshauses, versteckt hinter einer schlichten grauen Wohnungstür, einer der derzeit interessantesten Kunstorte der Hauptstadt, der inzwischen auch von Kulturpromis wie Wim Wenders frequentiert wird: das von dem 39-jährigen Künstler René Luckhardt (Foto) auf mageren sechzig Quadratmetern Wohnfläche betriebene "Wonderloch Kellerland", dessen Namen der Initiator wie folgt erläutert: "Kellerloch bezeichnet, wie Nietzsche das über Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch sagt, einen geistigen Raum an der Peripherie, im kulturellen Schwebezustand. Einen Zustand also, den man als Künstler durchlaufen muss – wie Lewis Carrolls Alice im Hasenloch – um ins Wunderland zu gelangen, um neu zu erblühen, frische Kräfte freizusetzen."

Frische Kräfte brauchen allerdings nicht nur die beteiligten Künstler, die, wie in der Off-Szene üblich, alles selbst organisieren, und ihr Galerist, der kein Galerist sein will und sich am Morgen danach auch schon mal in der eigenen Wohnung den Hinterlassenschaften von hundert oder mehr Eröffnungsgästen widmen darf. Frische Kräfte braucht bisweilen auch der Ausstellungsbesucher, der von René Luckhardt konsequent immer wieder sowohl an die Grenzen der Kunst als auch an die Grenzen des guten Geschmacks und darüber hinaus geführt wird. So hat er in den letzten anderthalb Jahren in zwanzig Ausstellungen, die aufgrund der speziellen räumlichen Situation nur nach vorheriger Vereinbarung geöffnet sind, gleich mehrere Geschmäcker bedient: Den kunstsinnigen bis avantgardistischen, der sich bei der Eröffnungsausstellung beispielsweise an frühen, teils noch nie gezeigten Werken von Albert Oehlen und Martin Kippenberger erfreuen durfte. Ebenfalls spektakulär: Eine "Public Portrait Session", in der Kunsttheoretiker Roberto Ohrt ("Phantom Avantgarde – Eine Geschichte der Situationistischen Internationale und der Modernen Kunst") portraitiert wurde – und zwar gestisch, monochrom und absolut abstrakt. Dann gibt es den vielleicht freigeistig zu nennenden Geschmack, er kam in der den interessanteren Aspekten menschlicher Sexualität gewidmeten Ausstellung "The Magic Sexy Templeloch of Wonderspirit" auf seine Kosten.

Rene_LuckhardtDarüber hinaus existiert jedoch noch eine weitere Kategorie, die in bürgerlichen Maßstäben schon als ziemlich jenseitig aller guten Geister gelten würde. So wurden beispielsweise in der Ausstellung „Zuschütten“ Dokumentationen von Wandmalereien aus dem ­Fahrerbunker gezeigt, und auch Abbildungen des "Chambre des Cauchemars d’Aleister Crowley" aus der Abtei von Telema sind nicht jedermanns Tasse Tee. Erklärung des Galeristen, der in diesem Fall auch ausstellender Künstler war: "Ich finde seine Malerei sehr gut. Man versteht, worum es ihm als Maler geht, wenn man es im Rahmen seiner magischen Arbeit versteht. Sie hat eine Funkion für ihn." Nur gut, dass Künstlerin Bettina Sellmann neulich im Rahmen eines Feng Shui-inspirierten "Templeloch Space Clearing"-Rituals das wunderhafte Kellerloch energetisch aufgeräumt hat. So kann dieses Weddinger Off-Off-Projekt, dessen Fans man im halbwegs geregelten Teil des Kunstbetriebs überraschenderweise anderntags auf gesitteten Galerie-Dinners in Charlottenburg, Nähe Savignyplatz, wiedertrifft, dann von allen störenden Schwingungen befreit zum ganz großen Sprung, zur Global Brand, ansetzen: Ausgerechnet in Los Angeles hat nämlich der mit René Luckhardt befreundete Künstler Bara alias Hans-Peter Thomas eine Dependance gegründet und stellt dort eine Delegation Berliner Künstler aus, während in Berlin zeitgleich eine Ausstellung mit Arbeiten aus Los Angeles eröffnet wird. Dazu ist ein Abstecher nach Wien geplant, wo im Apartment von Künstler Thomas Draschan der nächste Wonderloch-Ableger eröffnet wird.
Und auch in jener unspektakulären Seitenstraße sind die Dinge endlich in Bewegung gekommen: Schräg gegenüber vom Wonderloch Kellerland zeigte nämlich der einst in der Kastanienallee aktive, ebenfalls sehr komplex operierende Künstlerkurator Adam Nankervis in dem Kunstraum namens "Another Vacant Space" jüngst eine Ausstellung zu Paul Thek – womit der letzte bisher unerschlossene Stadtteil dann endgültig auf der Landkarte wäre.

Text: Gunnar Lützow

Foto: Harry Schnittger

www.wonderloch-kellerland.org

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 05.08.2011

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