Kuaratorin Catherine David über "A Blind Spot"

Kuaratorin Catherine David über "A Blind Spot"  

Marcus Lieberenz / bildbuehne.de / Haus der Kulturen der Welt Frau David, seit geraumer Zeit beschäftigen Sie sich mit dem Dokumentarischen in der zeitgenössischen Kunst. Haben Sie Veränderungen beobachtet?  
Ich würde eher sagen, dass ich mich wie viele Kuratoren und Kunstkritiker meiner Generation für die Art und Weise interessiere, wie zeitgenössische Künstler und Fotografen auf dokumentarische Praktiken zurückgreifen, sie neu erfinden und dadurch neue dokumentarische Sichtweisen etablieren. Die Tatsache, dass etliche Künstler heute eine Art "Akademismus" entwickeln und eine Ästhetisierung von Klischees und Elend betreiben, ist ein anderes Thema und liegt nicht in meinen Händen.  

Die dokumentarische Kunst scheint im Aufwind zu sein, oder?
Diese Frage habe ich gerade beantwortet.

Warum, glauben Sie, hat ihre Bedeutung zugenommen? Und gilt das nur für die Künstler oder auch für das Publikum?  
Meinen Sie dokumentarische Praktiken oder den Einsatz von Dokumenten durch zeitgenössische Künstler? Stark vereinfachend kann ich sagen, dass die Künstler versuchen, sich mit der gegenwärtigen Welt und ihren Erscheinungen auseinanderzusetzen und mögliche Darstellungen vorzuschlagen. Es scheint auch, als interessierte sich ein Teil des Publikums für Bilder, die nicht die der Medien sind, Bilder, die keine schiere Ästhetisierung von Mainstream-Klischees sind.  

Ist dokumentarische Kunst überhaupt Kunst?
Fallen wir doch bitte nicht zurück in die Debatten des 19. Jahrhunderts über Kunst und Fotografie! Es gibt keine "dokumentarische Kunst" als solche, sondern Künstler, die in ihren Arbeiten neue dokumentarische Praktiken und Vorgehensweisen verfassen und damit Entwürfe vorlegen, wie sich die Welt repräsentieren lässt.

Wie gehen Sie in der Vorbereitung der Ausstellung vor: Haben Sie bereits bekannte Künstler und ihre Werke gewählt oder nach neuen Positionen Ausschau gehalten?
Die Ausgangsidee war, eine kleine Gruppe von Künstlern, Fotografen und Film- beziehungsweise Videokünstler zu versammeln, die auf unterschiedliche Weise die Indexikalität, also den Wirklichkeitsbezug der Fotografie und ihr kritisches Potenzial hinterfragen. Anders gesagt, es geht darum, dass das fotografische und auch filmische Bild weniger irgendeine Wahrheit verbürgt, sondern sich in einen Diskurs einfügt: Wovon ein Bild handelt, muss nicht unbedingt in ihm "sichtbar" sein. Das reicht von David Goldblatts umfassender dokumentarischer Arbeit über die menschliche Landschaft der Apartheid in Südafrika bis hin zum großformatigen, metaphorischen Schwarz-Weiß-Bild Jeff Walls ("Cold Storage", 2007). Oder von der historischen Serie "Angola To Vietnam" (1989) von Christopher Williams bis zu Joachim Koesters Arbeiten und der jüngsten und gefeierten Videoinstallation "Jewel" von Hassan Khan. Die Schau zeigt auch neuere Filmarbeiten von Vincent Meessen und Eric Baudelaire, die sich mit der Herstellung eines filmischen Dokuments auseinandersetzen, sowie Werke von Elisabetta Benassi, Olaf Nicolai und Efrat Shvily.      

Was erwartet die Besucher der Schau im Haus der Kulturen der Welt? Können Sie noch ein paar Sätze zum Konzept sagen?
Den Architekten Kuehn Malvezzi kommt eine entscheidende Rolle in der Organisation des Raumes zu. Sie mussten einerseits für mein inhaltliches Konzept eine Form finden und andererseits mit der Architektur des Hauses der Kulturen der Welt umgehen und die Vorgaben der Konservatoren respektieren. Ich finde, sie haben eine fast kongeniale Entsprechung für "A Blind Spot" gefunden.

Was ist mit dem Titel "Der blinde Fleck" gemeint? Fakten, die ignoriert werden?
"A Blind Spot" hat wie seine deutsche Entsprechung "Der blinde Fleck" zwei etymologische Bedeutungen. Zum einen bezeichnet er die Lücke im Gesichtsfeld, die der französische Arzt Edme Mariotte im 18. Jahrhundert entdeckte und die dadurch entsteht, dass an dieser Stelle der Netzhaut keine Aufnahme von Lichtreizen möglich ist. Zum anderen bezeichnet der blinde Fleck bei Fahrzeugen jene Zone, die sich dem Blick des Fahrers im Rückspiegel entzieht. Der Begriff tauchte auch in einer Reihe neuerer Texte und Ausstellungen auf, etwa in Hal Fosters Artikel über Joachim Koester, dessen "Morning of The Magicians" wir 2010 in der ersten Ausgabe des Berlin Documentary Forum gezeigt und diskutiert haben.

Dokumentarische Kunst scheint Ausdruck des Wunsches zu sein, die Welt zu verändern. Was denken Sie?
Sagen wir, dass dokumentarische Praktiken teilweise mit Dissens und Unzufriedenheit zu tun haben.

Glauben Sie, dass es möglich ist, die Welt durch Kunst besser zu machen?
Ich fürchte, so funktioniert es nicht.

Fragen: Andrea Hilgenstock

Foto: Marcus Lieberenz / bildbuehne.de / Haus der Kulturen der Welt

A Blind Spot Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, ­Mi–Mo 11–19 Uhr, 31. 5.–1. 7., Mo Eintritt frei

Die Ausstellung "A Blind Spot" ist Teil des Festivals "Documentary Forum 2"

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 11.06.2012

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