Marc Wellmann über seine Arbeit im Haus am Lützowplatz

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Marc Wellmann über seine Arbeit im Haus am Lützowplatz  

Marc_Wellmann_11_c_David_von_BeckerSie haben im April im Haus am Lützowplatz angefangen. Welche Rolle könnte es in der Berliner Kunstszene spielen?
Das Haus am Lützowplatz wird von einem Verein getragen. Er wurde 1960 auf Initiative der Berliner SPD unter Willy Brandt als Kulturclub gegründet und ist damit Berlins ältester Kunstverein. Seit mehr als 50 Jahren finden Ausstellungen, Konzerte, Vorträge und Veranstaltungen statt. Gegenüber dieser vielfältigen und vor allem während des Kalten Krieges bedeutenden Geschichte des Hauses möchte ich ein Programm konturieren, das sowohl die politische Tradition des Ortes als auch zeitgenössische künstlerische Fragen in radikaler und kritischer Form aufgreift.

Wo sehen Sie die Chancen?
Eine große Chance liegt in der Lage des Hauses genau im Scharnier zwischen der östlichen und westlichen Hälfte Berlins. Es kann von dem vibrierenden Galerie-Cluster im historischen Lützowviertel, wozu auch die Potsdamer Straße zählt, profitieren. Aber die Lebendigkeit und Relevanz eines Ortes resultiert nicht aus derartigen äußeren Faktoren. Man muss permanent Gründe liefern, damit die Leute kommen und das Programm wahrnehmen. Das wollen wir schaffen!

Wie groß ist der Verein und was muss ein Mitglied zahlen?
Tatsächlich ist der Verein relativ klein. Er umfasst etwa 80 Mitglieder, und der Jahresbeitrag ist mit 50 Euro vergleichsweise bescheiden. Die Haupteinnahmequelle für unsere Aufgaben als Ausstellungshaus kommen auch nicht aus den Mitgliedsbeiträgen, sondern aus den Mieteinnahmen des Gebäudes, das dem Verein seit 1961 gehört. Er ist unter diesem Aspekt derzeit gut aufgestellt, unter anderem mit den Büros der Kulturstiftung der Länder und der Hauptstadtrepräsentanz der Kulturstiftung des Bundes. Wir arbeiten unabhängig von staatlicher Förderung. Je besser wir wirtschaften, desto mehr Projektmittel stehen zur Verfügung.

Ihre erste Ausstellung zeigt großformatige, kolorierte Zeichnungen der in Berlin lebenden Amerikanerin Jen Ray. Deren „kritische Welthaltigkeit“ steht für Sie modellhaft für die künftige Ausrichtung.
Damit meine ich eine reflektive Beziehung der Kunst zu der Wirklichkeit, in der wir leben, zu gesellschaftlichen und politischen Diskursen. Bei Jen Ray geht es inmitten ihrer zum Teil hochkomplexen apokalyptischen Szenarien um virulente Genderfragen. Als sie 2005 mit ihrem Mann Jason Forrest nach Berlin kam, hat sie sich auch als Künstlerin völlig neu definieren müssen. Ihre Ausstellung bei uns dokumentiert ihr Schaffen der letzten acht Jahre und ist auch das Manifest einer Selbstfindung als Künstlerin.

Jen-Ray-2010-Untitled-Red-Skull-Detail-2-s_c_CourtesyWentrupGalleryBerlinIm Zentrum der Arbeiten stehen wehrhafte Amazonen. Ein Protest gegen den männlich dominierten Kunstmarkt?
Das hat definitiv etwas damit zu tun. Jen ist Mitbegründerin der Künstlerinnengruppe „ff“, die im Frühjahr in der Neuköllner Galerie am Körnerpark mit der viel diskutierten Schau "Erogenous Zone" zu sehen war. Diese Kollaboration wurde als weibliche Interessengemeinschaft formiert, um die weiterhin herrschenden patriarchalischen Strukturen im Kunstbetrieb aufzubrechen. Ich hoffe, dass auch unsere Ausstellung dazu beiträgt.

Wie viele Ateliers besuchen Sie pro Woche?
Übers Jahr verteilt mehr als eines, die Frequenz ist abhängig von den jeweiligen Projekten. Wenn die Recherchen für eine reine Malerei-Ausstellung, die hier ab April gezeigt wird, beginnen, schwärme ich häufiger aus. Nach der in meinen Augen weitgehend inhaltsleeren Leistungsschau „Painting For­ever“ soll unsere Auswahl durch eine thematische Klammer motiviert sein – Arbeitstitel: "Die halluzinierte Welt".

Machen Sie Trends aus?
Darauf achte ich, ehrlich gesagt, nicht so sehr. Wichtig ist mir die einzelne Künstlerin oder der Künstler. Wie gut ist das Werk? Sagt es mir etwas? Trends sind Produkte von Aufmerksamkeitswellen und bilden nicht die Wirklichkeit der Kunst ab.

Warum wird gute Kunst oft nicht wahrgenommen am Markt?
Ich finde, dass sich Kommerzialität und kritische, künstlerische Haltung nicht ausschließen müssen. Sie gehen nur nicht immer einher. Es gibt sicher furchtbar epigonale und rein dekorative Kunst, die am Markt erfolgreich ist, doch in anderen Marktbereichen finden sich gute, unbequeme, die Gesellschaft reflektierende Künstler wie zum Beispiel Hans Haacke.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler für Ihre Ausstellungen aus?
Das ist einerseits ein objektivierbarer Prozess, der aus Ausstellungsbesuchen, Lektüre und Gesprächen mit Kollegen sowie Künstlern gespeist wird. Doch am Ende stehen subjektive Entscheidungen, die nur noch mit der Qualität des Werks zusammenhängen. Für wen kann ich mich wirklich begeistern? Ausstellungen zu machen ist ein sehr persönliches Geschäft. 

Interview: Andrea Hilgenstock

Fotos: David von Bwecker (Portät); Detail aus Jen Ray "Untitled (Apocalypse), 2012, Courtesy Wentrup Gallery, Berlin

Jen Ray – Better to Reign in Hell Than to Serve in Heaven Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, Tiergarten, Di–So 11–18 Uhr, bis 10.11., Eintritt frei

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 07.10.2013

tip Ausgabe 13/2016

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