"Martin Kippenberger: Sehr gut | Very good!" im Hamburger Bahnhof

"Martin Kippenberger: Sehr gut | Very good!" im Hamburger Bahnhof  

Kippenberger_OhneTitelEr war ein Störenfried in der Kunst und Entertainer, rüttelte an Wertmaßstäben und ließ es ordentlich krachen. Ob weiße Bilder oder Frosch am Kreuz, Selbstinszenierung in Picasso-Pose oder Dienstleistung im Rahmen des Büros Kippenberger – Martin Kippenbergers Bandbreite ist enorm. Sein Werk zeichnet sich durch Biss und Esprit aus, gemischt mit Slapstick, Dilettantismus und blasphemischem Pathos. Dem eigenen Mythos eilte er als Schauspieler, Schriftsteller, Musiker und Mitinhaber des legendären Punk-Clubs SO 36 voraus, als exzessiver Trinker, Reisender und Charmeur. Von der Forderung "Berlin muss neu gestrichen werden" (1981) über das entlarvende Gemälde "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken" (1984) bis zum abgestraften "Martin, ab in die Ecke und schäm dich" (1989) drehte sich bei ihm alles um den Bezug zur Realität und zur selbst gestrickten Biografie.

Politik, Moral oder Kunst kommentierte Kippenberger dabei stets ironisch wie selbstironisch. Geradezu ein Ironiegenie war er, schlüpfte in den Filzanzug von Joseph Beuys, parodierte dessen "Jaja-Nene"-Rede und inszenierte sich als „Helmut Newton für Arme“ in der Kluft einer türkischen Putzfrau. Scheinbar immer ein Ziel vor Augen: gute Laune zu verbreiten. Was ihm oftmals gelang. Über seinen Nachruhm sagte er: "Ich arbeite daran, dass die Leute sagen können: Kippenberger war gute Laune!" So erwartet man die große Ausstellung, die der Hamburger Bahnhof dem 1997 mit nur 44 Jahren verstorbenen Künstler widmet, freudig gespannt. Es ist eine Annäherung an das Leben des "Exhibitionisten", wie er sich selbst nannte. Die private und öffentliche Person tritt neben die Kunst in der rund 300 Werke umfassenden Schau, die keine bloße Retrospektive sein will, sondern Durchdringung von Persönlichkeit und Werk. Beide bilden bei "Kippi", der in der Paris Bar mit Bildern bezahlte, eine untrennbare Einheit.

Veranschaulicht wird der biografische Aspekt durch Privatfotos und Zitate, aber auch durch seine Bücher, Gemälde, Skulpturen, Plakate, Plattencover und Filme. Gisela Stelly Augstein drehte mit einem noch schnittig aussehenden Mittzwanziger 1978 "Liebe und Abenteuer". Später trug Kippenberger dann Bauch, war aufgedunsen vom Alkohol. In einer einstündigen Musikcompilation, zusammengestellt durch Gudrun Gut von Malaria!, kann der Besucher eintauchen in die Lieblingsmusik des Jux-Meisters, der gleichzeitig ungeheuer vielschichtig war. "Er machte aus allem wieder etwas anderes", sagt Kuratorin Britta Schmitz, "er war ein echter Avantgardist." Eine Colani-Toilette baute er aus Styropor nach. Dieser "Brummisitz" ist in den Rieckhallen ebenso zu sehen wie sein "Entwurf für ein Müttergenesungswerk in Heilbronn". Nie weiß man sicher: Meint er es ernst oder ist womöglich alles nur Kakao?

Distanz_Martin_Kippenberger"Ende der 70er-Jahre in Berlin, als Kippi noch nicht international bekannt war, haben wir uns über seine Aktionen immer sehr amüsiert und wussten nicht, ob es einfach ausgemachter Blödsinn war oder ob alles eine höhere Bedeutung hatte", sagt Rainer Fetting heute. Mitte der 80er-Jahre, als die genannten Werke entstanden, hatte der 1953 in Dortmund geborene Einzelgänger Berlin allerdings schon verlassen. Zu stark war die Konkurrenz. Auch die von Fetting. Als konzeptueller Künstler habe Kippenberger es schwer gehabt, sich neben den Neuen Wilden zu positionieren. Zu speziell waren die anarchischen Persiflagen und seine Konzeptkunst. "Dafür war die Zeit noch nicht reif", sagt Britta Schmitz. Doch knüpfte er in seinen drei Berliner Jahren wichtige Kontakte – in der Kneipe Exil, der Paris Bar und im SO 36. "Er provozierte mit Plakaten, auf denen ´Luxus im SO 36´ stand, rannte mit Anzug und Schlips herum und erhöhte die Eintritts- und Getränkepreise", sagte "Ratten-Jenny" in einem Interview.

Die Punkerin drückte ihm in einem Streit ein zerbrochenes Bierglas ins Gesicht. Natürlich verwandelte Kippenberger auch diese Erfahrung in ein Gemälde, Titel: "Dialog mit der Jugend". Aber er ließ auch andere für sich malen. In Berlin entwickelte er die Idee, eine ganze Serie in Auftrag zu geben. Mit "Lieber Maler, male mir" untergrub er die Klischees des Malergenies. Auch die Eröffnung seines eigenen "Büros" fällt in die kurze Berliner Phase des Kunst-Vordenkers, Nachahmers und Parodieproduzenten. Andere ackerten im Atelier, er ging ins Büro – ein Angestellter in eigener Sache. Dort gestaltete er wie ein Dienstleister Einladungskarten für seine Ausstellungen, Plakate, feilte an Installationsansichten und plante die nächsten Werke. Rund 20 Arbeiten sind Teil der Flick-Sammlung im Hamburger Bahnhof. Viele Leihgaben, auch aus dem durch die Galerie Gisela Capitain verwalteten Nachlass, sind nun in seiner ersten großen Berliner Museumsschau versammelt. Sie kommt pünktlich zu seinem 60. Geburtstag am 23. Februar.

Das Werkverzeichnis ist immer noch in Arbeit. Unter "Estate Martin Kippenberger" kann jeder Meldung machen, der noch irgendwo eine durch ihn signierte Unterhose aufspürt. "Ich heize durch pupen", verkündet er 1983 auf einem hastig hingeschmierten Akt-Gemälde. In einer Fotoserie erteilt er den süffisanten Ratschlag: "Wenn Sie mit der Freiheit nicht zurechtkommen, versuchen Sie es doch mit Frauen." Flapsige Sprüche hatte der Viel-Redner reichlich drauf. Mitunter öffnen sie Abgründe. Sieht man von diesen originellen Werktiteln ab, sind Zitate überall an den Wänden der Ausstellung zu finden. Alles beginnt mit dem Mann, der 189 Zentimeter groß war und nun in Originalgröße mit abgewendetem Gesicht die Besucher in den Rieckhallen empfängt. Es folgen 64 graue Gemälde, die der Hochschulabbrecher 1976 in Gerhard-Richter-Manier fertigte. Er hatte die fixe Idee, sie zu seiner Körpergröße zu stapeln.

Nun hängen die unkonventionellen Stapelbilder konventionellen Inhalts brav an der Wand. Auf dem Auktionsmarkt zählt "Kippi" inzwischen zu den teuersten deutschen Künstlern. Jüngst wurden 3,5 Millionen Pfund für eine Leinwand von 1992 bezahlt. Neben Gemälden kann der Besucher aber vor allem den Allrounder entdecken, der die Kunst dem Alltag angenähert hat. So wandelt er im Übergang zum Café im Ostflügel des Bahnhofs über eine Fußboden-Collage, 1978/79 entworfen für Claudia Skoda. Man tritt hier die Kunst dieses Künstlers, der so gerne den Clown gab, mit Füßen. Im Obergeschoss des Westflügels, eingelassen in die Wände, verschmelzen elf weiße Bilder mit dem White Cube. Sie geben der Schau ihren Titel: "Sehr gut". Eine Bestnote, die der Künstler sich selbst ausstellte. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm ebenso wenig wie an Ironie.

Text: Andrea Hilgenstock

Foto: Estate Martin Kippenberger / Galerie Gisela Capitain, Köln (Oben), Achim Schaechtele / Distanz Verlag, Berlin, Cover: Distanz Berlag, Berlin

Martin Kippenberger: Sehr gut | Very good! Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße 50/51, Tiergarten, Di–Fr 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr, Sa+So 11–18 Uhr, 23.2.–18.8.

Cover_Martin_KippenbergerBuchtipp: "Kippenberger & Friends." Gespräche über Martin Kippenberger, hrsg. von Josephine von Perfall, ISBN 978-3-95476-005-3, Distanz Berlag, 39,90 Euro - Die Kunsthistorikerin Josephine von Perfall hat mit 25 Weggefährten über den Menschen und Künstler Martin Kippenberger gesprochen, über Freundschaft, Genie, und Provokation und über sein faszinierend unkategorisierbares Werk. 

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 12.03.2013

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