Berlin beim Bachmannpreis

Berlin beim Bachmannpreis  

Mahlke_Inger-Maria_2010_c_Benjamin_Augustin.Zu oft ging das Klagenfurter Preisgeld inzwischen an einen Autor oder eine Autorin aus dieser Stadt, die mit Sicherheit die größte Autoren- bzw. Autorinnendichte im deutschsprachigen Raum aufweist. Kathrin Passig, Tilman Rammstedt und Peter Wawerzinek sorgten für literarische Sommermärchen in den Jahren 2006, 2008, 2010. Nach dem Gesetz der Serie wäre also wieder einmal ein erfolgreicher oder besser eine erfolgreiche B.B. zu erwarten. Mit Inger-Maria Mahlke (Foto) und Sabine Hassinger sind in diesem Jahr zwei zugezogene – aus Lübeck und Bad Kreuznach –, also echte Berlinerinnen vertreten. Und nicht nur der dem Stadtmagazinjournalismus geschuldete, mit einem Schuss Selbstironie versehene Lokalpatriotismus gebietet es, an den diesjährigen Tagen der deutschsprachigen Literatur Flagge zu zeigen, das Wappen mit dem Berliner Bär über den Außenspiegel des Clio zu ziehen und fassadenfüllende Stadtbanner zu entrollen. Alle Termine für das 3sat-Public-Viewing entnehmen Sie bitte dem beiliegenden TV-Programm.

Die Präsentationsvideos der Berliner Teilnehmerinnen sind schon mal vielversprechend. Berlin macht offenbar bescheiden. Beide hierorts in Wohnhaft befindlichen Autorinnen widerstehen der Versuchung einer ranschmeißerischen Selbstdarstellung. Inger-Maria Mahlke, Jahrgang 1977, die den 17. open mike gewann und mit dem Roman "Silberfischchen" debütierte, lässt Gummibälle für sich sprechen. In Farbe getunkt und in einem Pappkarton verpackt, werden sie durch die Gegend geworfen. Zum Schluss ein Bild des auseinandergefalteten Kartons – und siehe da: ein echtes Kunstwerk! Das sollte der Jury zu denken geben, besonders dem in seine Eloquenz verliebten Juryvorsitzenden Burkhard Spinnen, auf dessen Vorschlag hin Inger-Maria Mahlke unsere Stadt in Klagenfurt vertritt. Man kann auch ohne Worte viel sagen. Die Frage ist: Was? Gewiss gibt der Wettbewerbsbeitrag der Autorin eine schlüssige Antwort.

Die neunzehn Jahre ältere Sabine Hassinger hält sich videomäßig weniger in der Pappschachtel auf, sondern zeigt ein bebrilltes Auge, eine Nase, ein Profil in der Unschärfe. Nicht mehr, nicht weniger. Ein Cellist spielt. Zu Sätzen wie „Mein erstes langes Prosamanuskript hatte den Titel ‚Proportionen des Inventars‘“ fährt eine Kamera das Inventar der Autorin ab – ein Wasserglas, ein Teller mit Kresse, eine Plastiklöwenfamilie. "Und jetzt, bald dreißig Jahre später, fährt eine Kamera mein Inventar ab", bemerkt Sabine Hassinger im Off. Ein schönes Staunen über die eigene Redundanz in Wort und Bild schwingt da mit. Wir sind also nicht schlecht aufgestellt. Doch "die Jury ist unberechenbar", wie Kath­rin Passig zurecht bemerkte, obwohl sie als bislang einzige Autorin mit einem extra für diesen Wettbewerb verfassten Text in Klagenfurt gewann. Vielleicht hilft es also dennoch ein wenig, die erfolgreichen Vorgänger zu studieren. Von Tilman Rammstedt kann man beispielsweise lernen, dass humorvolle Texte nicht mehr wie anno 1999 bei Thomas Kapielski einfach nur beschmunzelt werden. Auch ein Blick auf die Rammstedt’sche Vortragskunst, bei der keine Stirn geritzt werden muss, um dem Wort vor Kamera und Publikum Geltung zu verschaffen, kann nicht schaden. Bei Peter Wawerzinek bemerkt man, dass nicht alles "gefantert" sein muss, wie der ausgezeichnete Dichter sagen würde, sondern Erfahrenes und Erlebtes in der Literatur wie im Klagenfurter Sommertheater durchaus Schätzung erfährt.

Mindestens ebenso wichtig wie der Bachmann-Wettbewerb – so hört man – ist inzwischen das Bachmann-Wettschwimmen, das der Wiener Cartoonist und Autor Tex Rubinowitz mit den Wettbewerbsteilnehmern, Jurymitgliedern und Lektoren im Wörthersee veranstaltet. Dabei soll noch nie ein Berliner oder eine Berlinerin gewonnen haben. "Ich wuchs direkt am Fluss auf", verrät Sabine Hassinger in ihrem Video. Keine schlechte Voraussetzung. Wir sind also hoffnungsfroh.

Text: Ralph Gerstenberg

Foto: Benjamin Augustin

Bachmann-Preis Tage der deutschsprachigen Literatur, Klagenfurt, 4.7–8.7, www.bachmannpreis.eu/de

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 07.08.2012

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