Der Synchronsprecher von Robert De Niro betreibt einen Hörbuchverlag

Der Synchronsprecher von Robert De Niro betreibt einen Hörbuchverlag  

Christian_BruecknerEr ruft zurück am frühen Abend, ein knappes „Brückner“ stößt er in den Hörer, betont und klar, dann atmet er, mischt einen kleinen Seufzer in die Stille. Seine Stimme ist ein öffentliches Gut, tief, leicht belegt und sehr beweglich, allzeit exakt im Rhythmus weht sie durch Kinos, Hörbücher, zuweilen durch die Werbung. Christian Brückner ist Synchronsprecher von Robert De Niro. Nicht nur das – viele sagen, er habe die markanteste Stimme im Land.
Ein großer Satz, man muss ihn untermauern. Darum fährt man nach Zehlendorf, nicht fern vom Schlachtensee wohnt Brückner, in einem Hexenhaus, getragen wird es von Regalen voller Bücher. ­Wondratschek und Brecht fallen zuerst ins Auge. Im Wohnzimmer ein tiefes Sofa, das Leder in Hellbraun, und Brückner bittet, Platz zu nehmen. Man versinkt – und ist nicht sicher, ob man aus dieser Tiefe je wieder herausfindet. Weil man sich in dem interessanten Stück verliert, das Brückner bietet. Aus seinen Sätzen formt er Inszenierungen. Er gurrt, seufzt, atmet, fabuliert. Seine Stimme ist ein Werkzeug, mit dem er filigran zugange ist – er weiß, wie seine Stimme wirkt, mitunter macht ihn das ein wenig eitel. Doch eben das gibt ihr den letzten Schliff. Sie klingt so selbstsicher. Beneidenswert.

„Meine Stimme ist mir scheißegal“, behauptet er trotzig, „ich habe mich nie um sie gekümmert, ich habe sie nie gepflegt.“ Einen grauen Anzug trägt er und ein schwarzes Hemd, 68 Jahre ist er. Sein grauer Bart ist haargenau getrimmt. Brückner hat Charme, duzt seinen Gast, es wirkt so selbstverständlich. Er lächelt unentwegt, so fein, dass man es manchmal übersieht. „Meine Stimme hat mich nie interessiert, ich war naiv. Habe zunächst kein Kapital daraus geschlagen. Mit 22, 23 habe ich erstmals synchronisiert, Warren Beatty in ,Bonnie und Clyde‘“. Er machte eine stimmtechnische Ausbildung. Gut, die Technik kann man lernen. Doch das Timbre? „Ich trinke keinen Whisky. Aber habe früher stark geraucht.“
Christian Brückner fährt jetzt die Ernte ein. Im März bekam er den „Sonderpreis für herausragende Leistungen im Hörbuchgenre des Deutschen Hörbuchpreises“ für sein Lebenswerk. Seit 2000 hat er Parlando, seinen eigenen Hörbuchverlag, den er mit seiner Frau führt. Wenn er Bücher einliest, mietet er einen Tonmeister und den Meistersaal in den Kreuzberger Hansa-Studios, Köthener Straße, dort, wo schon Bowie und U2 gearbeitet haben. „Meine Frau führt Regie, sie ist die Einzige, der ich vertraue.“ Nach manchen Passagen sagt sie: „Das war es nicht, wir sollten es noch mal versuchen. Diese Frau hat zwei Seiten, das hat vorher ganz anders geklungen.“

Hält man das aus, Kritik als Künstler von der eigenen Gattin? „Wir haben uns oft genug gestritten“, sagt Brückner, „ich kann ihre Einwürfe meist verstehen. Nicht immer. Wir vertrauen einander, auch wenn der Weg mitunter dornig ist. Aber natürlich ist es gut, wenn sie sagt: Du bist ein toller Hecht.“
Er sitzt barfuß im Studio, wenn er die Texte aufnimmt. „Für den Sprecher ist der gesamte Körper wichtig“, sagt er, „vom Fuß bis zur Haarspitze reagiert man auf die Bücher, der Körper darf nicht eingeschränkt sein.“ Er nimmt sogar die Ringe ab im Studio. Wie er sich vorbereitet auf die Aufnahme? „Ich mache mich bekannt mit dem Buch, ich beginne als naiver Leser und täte einen Teufel, daran zu denken, mit dem Text später zu arbeiten.“ Er präpariert nicht jedes Wort, „ich male keine Strichlein zur Betonung. Die Hälfte ist improvisiert, der Rest ist Planung. Es zählt der Spirit of the Moment“. Oft sitzt er acht, neun Stunden im Studio, schafft 100 Seiten, wenn es gut läuft. „Wasser, Stulle, Apfel“ hat er dabei.

Sein kleiner Hörbuchverlag Parlando sei ein Liebhaberprojekt. „Wir haben kein Buch gemacht, das uns nicht wichtig war: Gedichte von Baudelaire, „Moby-Dick“, Adalbert Stifter. Meine Frau und ich dachten, es sei notwendig, diese Dinge nicht untergehen zu lassen.“ Etwa 140 Titel hat der Verlag bislang herausgebracht. „Es gibt viel Mist in der Hörbuchbranche: Fantasy, Krimis, triviales Zeug, die Leute sind dessen überdrüssig. Kein Wunder, dass der Markt in den letzten Jahren eingebrochen ist.“ Sein Verlag immerhin verzeichne eine „überschaubare, kontinuierliche“ Steigerung beim Umsatz.
Zeit, die Zahlen der Branche nachzuschlagen. Die drei bestverkauften Hörbücher des Jahres 2009 waren in dieser Reihenfolge: „Glück kommt selten allein“ und „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“, jeweils geschrieben und gelesen von Eckart von Hirschhausen. Auf Platz drei folgt Mario Barth mit „Männer sind peinlich, Frauen manchmal auch!“. Der Umsatz auf dem Hörbuchmarkt ist 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 2,4 Prozent gesunken, die Zahlen von 2009 (plus 1,4 Prozent) und 2008 (plus 1,8 Prozent) wiesen jedoch ein Wachstum auf. 2010 wurden 16,4 Millionen Hörbücher verkauft, das ist ein Umsatzanteil von 4,1 Prozent am gesamten Buchmarkt. Neueste Zahlen zeigen, nach zwei mageren Jahren, eine positive Wende: Im März 2012 ist im Vergleich zum März 2011 ein Umsatzplus von 4,1 Prozent erwirtschaftet worden. Die Boomzeiten freilich scheinen passé, noch 2006 ist der Umsatz binnen eines Jahres um 17,4 Prozent gestiegen.

Stephanie Mende, Sprecherin des Arbeitskreises Hörbuchverlage, sagt: „An den Niveau-Verfall der Hörbuchbranche glaube ich nicht. Die Hörbücher spiegeln letztlich die Verkäufe in der Buchbranche wider. Wenn Vampir- und Fantasy-Bücher gekauft werden, stehen diese Gattungen eben auch bei den Hörbüchern hoch im Kurs.“ Neue Technologien wie Streaming oder der Download-Markt würden den Hörbüchern die Zukunft sichern. Stephanie Mende glaubt: „Es gibt genügend gute Stimmen in Deutschland, die der Branche gut tun. Christian Berkel und Andrea Sawatzki zum Beispiel, Ulrich Noethen, natürlich auch Christian Brückner.“
Brückner sitzt noch immer in dem tiefen Sofa seines Wohnzimmers. Auch er sieht, trotz seiner Kritik an Stoffen oder Themen auf dem Hörbuchmarkt, reichliches Potenzial für seine Zunft: „Ein Hörbuchinterpret kann sich ganz anders als der Leser mit einem Buch beschäftigen. Der Vorleser kann einen Kosmos öffnen – eine Interpretation bieten, der sich ein Hörer anvertraut.“ Wieder setzt er eine eloquente Pause. Ruhe im Raum. Man möchte die Starttaste drücken. Damit es weitergeht.    

Text: Lars Grote
Foto: David von Becker

www.parlandoverlag.de/

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 26.06.2012

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