Ein Besuch bei Felicitas Hoppe

Ein Besuch bei Felicitas Hoppe  

Felicitas_Hoppe_c_TobiasBohmAls ich in die Schumannstraße am Deutschen Theater einbiege, guckt Felicitas Hoppe aus dem Fenster und winkt: "Treten Sie ein, Pony Hütchens Küche erwartet Sie!" Sie trägt ein gepunktetes Pony-Hütchen-Kostüm. Moment. Das war jetzt eine reichlich ­kühne Fantasie des Autors. Felicitas Hoppe blickt nicht aus den Fenster. Und sie sieht schon gar nicht aus wie Pony Hütchen, die Erich Kästner einst erschuf. Aber wahr ist zumindest, dass Felicitas Hoppe genau da wohnt, wo auch Kästner lebte – und eben jene Pony, Emils famose Kusine. Und aus diesem Zufall macht sich Hoppe manchmal selbst einen Spaß. Wenn im Sommer die Fremdenführer unter ihrem Arbeitszimmer stehen bleiben und ausrufen "Hier hat Kästner gewohnt", dann beugt sie sich über ihren mit einem Heftpflaster geflickten Laptop und ruft zurück: "Und heute wohnt hier Hoppe."

Sofern sie denn zu Hause ist. Zuletzt war das eher selten der Fall.Darmstadt, Brüssel, Paris, zuletzt Oxford, London. Wie Felicitas Hoppe überhaupt auf ein bewegtes Jahr 2012 zurückblickt. Mit dem Georg-Büchner-Preis, den sie Ende Oktober in Darmstadt bekam, als Höhepunkt. "Das war so schön wie anstrengend", konstatiert die Schriftstellerin, die es allerdings 1997, ein Jahr nach ihrem Debüt "Picknick der Friseure" (siehe tip 21/1996), auf ganz andere Strecken und Entfernungen gebracht hat. Damals nahm sie das Geld des Aspekte-Preises und ging in Hamburg an Bord eines Containerschiffs. Sie fuhr nach New York, passierte den Panamakanal, Tahiti, Neuseeland, Taiwan, die wegen ihrer Piraten gefürchtete Straße von Malakka, ging in Port Said mit minimalem Zeitvorrat an Land, setzte sich in Gizeh aufs Kamel und umkurvte in Windeseile die Pyramiden.

Aus diesem Cross-Over-Abenteuer kreierte sie den Roman "Pigafetta" (1999). Außerdem schrieb sie einträgliche Reiseberichte für die FAZ. Seitdem gilt sie als Reiseschriftstellerin. Was sie streng genommen nicht ist. Die größten Reisen finden bei ihr im Kopf statt und verdichten sich, Folge eines "unbeherrschten Zuviel an Fantasie", zu einer unglaublich eigensinnigen und luftig-leichten Prosa. Das ist ihre Meisterschaft. Die 1960 in Hameln Geborene, die bereits 1986 und nicht, wie bei Wikipedia steht, 1996 nach Berlin zog, liebt den Schabernack. Davon zeugt ihr jüngstes Buch, das sich schlicht "Hoppe" nennt und ein tolldreistes Spiel mit dem eigenen Ich, mit dem eigenen Leben ist. Wer den Roman als Autobiografie liest, ist selber schuld. Hoppes Faible zum Beispiel für Eishockey – totaler Schmus! Die wahre Hoppe stand nie auf dem Eis, jedenfalls nicht als Eishockeyspielerin. Eishockey kennt die 52-Jährige eigentlich nur vom Fernsehen. Aber es imponiert ihr, wenn diese überdimensionierten Typen beim Zweikampf gegen die Bande krachen.

Hoppes aufgeräumte Küche bietet Platz für alles Mögliche: Klavier, Samowar, etliche Meter aufgereihter CDs. Auch einen Fernseher gibt es im Hoppe-Haushalt. Ein Mini-Teil. Praktisch ist das. "Nicht nur beim Kochen, den kann man auch mit ins Bett nehmen." Was sie mit den 50 000 Euro des Büchner-Preises anstellen will? Hoppe präsentiert da ganz bürgerliche Wünsche: "in eine Form von Sesshaftigkeit investieren." Auf der anderen Straßenseite ist man gerade dabei, ihr den Blick zu verbauen. Wo einst ein flacher DDR-Pavillon stand, schießt nun ein Neubau in die Höhe. Hoppe träumt von einer Eigentumswohnung. Aber es gibt noch andere Begehrlichkeiten. Sie kramt ein Foto hervor. Aufgenommen in Pacific Palisades, wo Hoppe ­noch im Frühjahr war, mit Stipendium in Feuchtwangers Villa Aurora. Das Foto zeigt eine Frau mit Lederkappe in einem knallroten Porsche Cabrio. Die Frau am Steuer ist Hoppe selbst und der Wagen ein ureigener Traum. Dabei bewegt sie sich in Berlin vornehmlich mit den Öffentlichen fort.

Wir wechseln die Räumlichkeit. Im Arbeitszimmer reichen die Bücher bis unter die Decke. Alles wirkt picobello. Farblich ordent­lich abgestimmt. Hier eine Edition Manesse, dort die Bibliothek Suhrkamp. Und die berühmten Rowohlt-Monografien. Hoppe hat davon mindestens 50. Natürlich fehlt auch Pinocchio nicht. Collodis Holzpuppe mit der Lügennase ist Frau Hoppes Lieblingslektüre. Gerade erst hat sie die neueste Ausgabe geschenkt bekommen. Ein Exemplar mit Soundeffekten und Pop-ups. Schrecklich schrill. Und allerliebst. Wie übrigens auch die Kinderbücher, die Hoppe schreibt.

Text: Andreas Burkhardt

Foto: Tobias Bohm

Felicitas Hoppe: "Hoppe" Fischer, 336 Seiten, 19,99 €

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 28.02.2013

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