Fußballbuch: „Die Brüder Boateng“

Fußballbuch: „Die Brüder Boateng“  

Wenn jemand ein Buch kauft, dass den deutschen Titel „Die Brüder Boateng“ trägt, dann, so darf man unterstellen, glaubt der Leser in spe nicht etwa, eine Biografie über den britischen Mode-Designer Ozwald Boateng und seine Geschwister in den Händen zu halten. Der Käufer wird auch kaum darauf hoffen, mithilfe dieser Abhandlung mehr über den kanadischen Hochspringer Kwaku Boateng und seine Anverwandten erfahren zu können. Boateng – dieser im Ghanaischen ziemlich gängige Name – steht in Deutschland einzig für eines: für die zwei aus Berlin stammenden Spitzenfußballer, die Brüder Jerôme (FC Bayern München) und Kevin-Prince (AC Mailand) Boateng.

Wer das jüngst erschienene Buch des „FAZ“-Redakteurs Michael Horeni also kauft, dürfte von den beiden Kickern nicht nur schon mal etwas gehört haben, sondern wird Schlagworte wie „Ghetto-Kid“, „Ballack-Treter“ oder „Brüder-Duell“ zuordnen können. Die Brüder sind, beziehungsweise waren, immerhin
Nationalspieler. Der eine, Jerôme, für Deutschland, der andere, Kevin-Prince, für Ghana. Vor allem Letzterer hat schon für jede Menge Schlagzeilen gesorgt. Was die Neugier anstachelt, mehr über den Background der Brüder – und den Dritten im Bunde, den fußballerisch weniger erfolgreichen ältesten Bruder George – zu erfahren.

Dass Michael Horeni die ersten 100 Seiten seines Buches allerdings damit bestreitet, längst bekannte Ereignisse in den Fußball-Karrieren der beiden berühmten Boateng-Brüder auszubreiten und sich endlos über das – längst weltweit bekannte – Geschehen rund um die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika
auslässt, wirkt unglaublich ermüdend. Oder gibt es wirklich noch jemanden, der sich zwar für Fußball interessiert, aber nicht mitbekommen hat, dass der damalige deutsche Fußballgott Michael Ballack aufgrund eines Fouls von Kevin-Prince Boateng nicht an der WM in Südafrika teilnehmen konnte?

Natürlich gehört das Foul zur Geschichte der Boatengs. Aber nicht auf diesen vielen Seiten. Mit ellenlangenZitaten aus Zeitungen, die der Fußballfan längst im Original gelesen hat. Höchst nerv-tötend auch die ewig langen Abhandlungen über „Die deutsche Internationalmannschaft“, ebenfalls Teil der ersten 100 Seiten und ebenfalls in der Öffentlichkeit im Zusammenhang mit Weltmeisterschaften ausgiebig thematisiert. Erst der von 2006, dem „Sommermärchen“ mit Odonkor, Asamoah, Podolski und Klose, und dann eben der WM von 2010 mit Özil, Khedira und Co. Wobei ohnehin die Frage bleibt, warum die Boatengs – sie sind in Deutschland geborene Kinder
deutscher Mütter – eigentlich als Testimonials für Integration herhalten müssen.

Michael Horeni hat die Sekundärtexte zu den Boatengs ungemein fleißig durchgearbeitet – wie auch die vier Seiten Quellennachweise in seinem Buch belegen. Er hat zudem mit Martina Boateng, der Mutter von Jerôme, mit Christina Boateng, der Mutter von George und Kevin-Prince, mit Prince Boateng, dem Vater der
drei Brüder, sowie mit George und Jerôme gesprochen. Kevin-Prince hingegen ließ nur wenige persönliche Kontakte zu. Man kann es ihm nicht verdenken. Denn echtes Einfühlungsvermögen in die Lebenssituationen der Patchwork-Familien entwickelt der Autor nicht. Da wird zwar vom schwierigen sozialen Hintergrund gesprochen, unter dem George und Kevin-Prince aufwachsen. Auf echte Fakten aber wartet man vergeblich.
Denn dass deren Mutter alleinerziehend ist und im Wedding mit ihren Kindern von Hartz IV lebt, beweist keine „Ghetto“-Existenz, von der in Horenis Buch stets mit wohligem Schauer die Rede ist. Ganz abgesehen davon ist der Wedding nicht die Bronx und ein eingezäunter Fußballplatz auch kein Free-Fight-Käfig, zu dem er in Horenis Buch schlimm triefig stilisiert wird.

Doch hat man die ersten 100 Seiten von Horenis Buch erst einmal geschafft, wird es richtig interessant. Man erfährt viel über die in den Anfangstagen der Boateng-Brüder ausgesprochen lückenhafte Jugendförderung von Hertha BSC, dem Club, mit dem sowohl Kevin-Prince als auch Jerôme bekannt wurden. Man liest,
welchen Unterschied engagierte Jugendtrainer machen können und warum bestimmte Nachwuchsjahrgänge plötzlich so erfolgreich waren. Man erfährt, wie die mit Hertha BSC kooperierende, sportbetonte Poelchau-Oberschule funktioniert – und warum Eltern ihre talentierten Kinder lieber nicht vorbehaltlos dort hätten hingeben sollen. Und man
erahnt, welche strukturellen Probleme den Hauptstadt-Club aktuell mal wieder tief in die Krise geführt haben. Denn weder Kevin-Prince noch Jerôme sind die einzigen Talente, die erst außerhalb Berlins im Fußball wirklich etwas werden konnten.

Text: Eva Apraku

Michael Horeni: „Die Brüder Boateng.Drei Deutsche Karrieren“

Tropen/Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 272 Seiten, 18,95 €

Lesung und Gespräch mit George und Jerôme, Bibliothek am Luisenbad, Travemünder Straße 2, Wedding,

Fr 1.6., 19 Uhr

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 04.06.2012

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