Torsten Schulz’ neuer Roman „Nilowsky“

Torsten Schulz’ neuer Roman „Nilowsky“  

NilowskyAls Nilowsky seinen verhassten Vater, den alten Säufer, Kneipenwirt des Bahndamm-Ecks, ins Grab gibt, spielt er „Am Brunnen vor den Toren“ vom Plattenspieler. Der Vater verabscheute das Lied, weil die Mutter, seit 14 Jahren tot, es geliebt hatte. Das ist Nilowskys Rache. Die einzige, die ihm bleibt. Weil er ihn umbringen wollte, mit Salzsäure, und der Alte ihm zuvorkam, mit einer Pulle Meldekorn, auf ex.
Mit diesem Reiner Nilowsky hat sich Torsten Schulz, Berliner Filmautor, -regisseur und Schriftsteller („Boxhagener Platz“), einen beachtlich bizarren Charakter ausgedacht. Nilowsky, 18, der in Ellipsen spricht, ist der Lichtblick für den 14-jährigen Markus Bäcker, als dessen Eltern Ende der 70er-Jahre aus Berlin in eine brandenburgische Stadt ziehen. Dort, wo ein Chemiewerk, Arbeitgeber seiner Eltern, grünlich-gelbe Schwefelwolken ausstößt und er wie Nilowsky bald jeden vorbeirasenden Zug zeitlich zuordnen kann.

Auch sonst gibt es nicht nur im rustikalen Bahndamm-Eck sehr skurrile Gestalten zu bewundern. So hat zum Beispiel die 17-jährige Carola mit 13 beschlossen, nicht älter als eben 13 auszusehen, weil ihr via Buchlektüre, „Mann und Frau intim“, ein DDR-Klassiker übrigens, das Wesen eines Geschlechtsaktes suspekt wird. Jene Carola freilich, die Nilowsky als seine Braut auserkoren hat. Für sie spart er sich buchstäblich auf. Inklusive seines Spermas.

Es ist faszinierend, wie Schulz dieser Dreiecksbeziehung, dieser Jugendfreundschaft, immer wieder neue Wendungen gibt, sie sorgfältig über die Jahre entwickelt, ihnen dabei zeitweise Passanten zur Seite stellt und sie dann wieder abzieht. Wie die sozialistischen Vertragsarbeiter aus Mosambik im Werk, die sich weniger für die Weltrevolution interessieren als für Voodoo-Rituale. Vor allem aber ist es Nilowsky, der zusehends seltsamer wird, unberechenbarer, rätselhafter. Aber ein Freund bleibt ein Freund.  

Text: Erik Heier
tip-Bewertung: Lesenswert

Torsten Schulz: „Nilowsky“
Klett-Cotta, 285 Seiten, 19,95 € (erscheint am 21. Februar)

 

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 16.05.2013

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