Berlin Charlottenburg: Alter Glanz und neue Größe

Berlin Charlottenburg: Alter Glanz und neue Größe  

Charlottenburg-HotelWaldorfAstoriaAus dem 25. Stock hat man einen tollen Blick. Durch bodentiefe Panoramafenster schaut man auf die Gedächtniskirche herab. Man sieht die Autos auf der Budapester Straße, die Ku’dammflaneure. Berliner Gewusel, schallgedämpft. Zur Linken, tief unten, werden der Zoo-Palast und das Bikini-Haus saniert. Zur Rechten gähnt am Breitscheidplatz eine Baugrube: Charlottenburg under con­struction. Man kann aus großer Höhe beobachten, wie ein neues West-Berlin entsteht. So eine Aussicht kostet. Von unschlagbar günstigen 1 275 Euro bis zum Doppelten pro Nacht. Eine Suite im Waldorf Astoria hat eben ihren Preis.

Zoofenster. So haben sie das Gebäude getauft, das 118 Meter misst und neben dem Luxushotel mit dem weltberühmten Namen auch Büros beherbergt. Der dreieckige Bau ist so etwas wie das Flaggschiff der zukünftigen City West. Und die boomt. Was bereits in den 90er-Jahren von den Stadtplanern angebahnt wurde, beginnt sich nun zu verwirklichen. Das als miefig, gestrig, abgehängt verrufene Charlottenburg ersteht als Trendsetter wieder auf. Als Hochhaus-Areal, Kulturmeile, Künstler-Hotspot, Shopping-Eldorado. Letztgültiger Beweis: In Kürze eröffnet Berlins erster Apple-Store. Am Ku’damm, nicht in Mitte. Selbst die „New York Times“ hat schon Wind vom Westtrend bekommen und preist „the other Berlin“.

Andererseits: Der Widerstandsgeist des alten Westens ist nicht zu unterschätzen. Vermutlich wird der Bezirk auch in hundert Jahren noch zwischen den Wolkenkratzern die bürgerliche Trutzburg sein, die nach Sprotten von Rogacki riecht. Gepflastert mit Bildern aus glorreichen Tagen, die in den Kneipen ohne Sperrstunde vor sich hin vergilben.

Charlottenburg heute: zwischen altem Glanz und neuer Größe  

„Es wird ein attraktiver Standort“, sagt Anja Langensiepen. „Auch wenn es noch eine Weile dauert.“ Sie lächelt. „Aber einer muss ja den Anfang machen.“ Die Assistentin des Waldorf-Astoria-Managers führt durchs Hotel. Sie weist auf schwarzen Marmor, der zu den teuersten der Welt zählt. Sie erläutert architektonische Details wie die Neuinterpretation des Art déco in der Lobby. Die Entscheidung der Waldorf-Eigentümer für die eigenartige Verkehrsinsel zwischen Hardenberg- und Kantstraße ist ein Vertrauensvorschuss. Darauf, dass die City West wiederkommt. Langensiepen zeigt die Zimmer, in denen seit Kurzem Kunst aus der Harvest Art Collection hängt, eine Sammlung von 900 Arbeiten von Studenten der UdK. Sie bleibt vor dem Restaurant Les Solistes stehen, wo der Multi-Sterne-Koch Pierre Gagnaire dem Vernehmen nach wilde Geschmacks-Kollisionen kreieren lässt. Sie bittet in den Astor-Saal, einen Tagungsraum, in dem auch Hochzeiten gefeiert werden können. Und von dem aus man eine gute Sicht auf das gegenüberliegende Beate-Uhse-­Erotikmuseum hat. Nicht alles passt.

Keine Frage: Die Nachbarschaft der Nobelherberge lässt noch zu wünschen übrig. Die Joachimsthaler Straße ist eine trashige Dönerbuden-Spielhallen-Pfandleiher-Sexshops-Meile. Das A&O-Hostel in der ersten Etage, dem im vergangenen Jahr schlagzeilenträchtig der Strom abgedreht wurde, hat mittlerweile dichtgemacht. Bald zieht ein neues ein.
Überhaupt wird der Kontrast zwischen Hochpreis- und Billig-Logis bestehen bleiben. Am Breitscheidplatz nebenan, wo sich vormals das Schimmelpfeng-Haus erstreckte, lässt die Strabag AG gerade das Upper West errichten. Ein Hochhaus, das mit 120 Metern das Waldorf knapp überragen wird und das dritthöchste Gebäude Berlins werden soll. In die ersten 18 Geschosse zieht ein Motel One. Wenn alles glatt läuft, anno 2016. Der Rest wird wohl als Bürofläche vermietet, weil, wie Strabag-Mann Thomas Hohwieler so schön sagt, „der klassische Büronachfrager seit fünf, sechs Jahren mit dem Thema West kokettiert“. Weil es günstiger ist als Mitte. „Und spannender.“  

Charlottenburg_Bikinihaus-von-obenDas scheint auch Andreas Murkudis so zu sehen. Der Fashion- und Lifestyle-Unternehmer – Pionier der Hipness-Bewegung an der Potsdamer Straße – zieht noch in diesem Jahr als Ankermieter ins Bikini-Haus. Mit einem 1 200 Quadratmeter großen Concept Store. „Wenn ein Standort zur Destination werden soll, muss er überraschen können“, lässt Murkudis leicht kryptisch vernehmen. „Bikini Berlin hat dieses Potenzial.“ Der denkmalgeschützte 50er-Jahre-Flachbau an der Budapester Straße repräsentiert wie kein anderes Gebäude den Wandel der City West.
Hier war mal das älteste chinesische Restaurant Berlins untergebracht, das Tai Tung. Generationen sind an dem Werbeplakat vorbeiflaniert, auf dem Harald Juhnke entrückt über einer Pekingente grinste. Jetzt wird das Haus zur Marke: „Bikini Berlin“. Geplant ist ein urbaner Marktplatz für Premiummarken und junge Labels. Die Hotel-Company 25th Hours eröffnet in dem komplett neu designten Komplex eine Boutique-Herberge. Das gehypte Kosmetik-Label Uslu Airlines entwirft exklusiv für Bikini Berlin die Nagellacke „BIK“ und „INI“ in Grün und Orange. Der deutsche Star-Illustrator Olaf Hajek bringt eine limitierte Bikini-Edition heraus. Hier shoppt die Avantgarde von morgen.

Ein Facelifting im Denkmalschutz-Rahmen soll auch der Zoo-Palast nebenan erfahren. Der gehört – wie das Bikini-Gebäude – mittlerweile dem Immobilienunternehmen Bayerische Hausbau. Und wird künftig vom Kino-Mogul Hans-Joachim Flebbe betrieben, der am Ku’damm bereits die Astor Lounge hat. Das geschichtsträchtige Premierenkino, dem die Multiplex-Konkurrenz und die Transformation des Ku’damms in den vergangenen 15 Jahren kräftig zugesetzt hatte, soll technisch und komfortmäßig kräftig aufgerüstet werden. „Mit dem Zoo-Palast wollen wir erreichen, dass man sich in die große Zeit des Kinos zurückversetzt fühlt“, so Flebbe im tip-Gespräch.

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 01.05.2013

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