Wochenmärkte in Berlin - ein Test

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Wochenmärkte in Berlin - ein Test  

WinterfeldmarktWinterfeldtmarkt
Der weltläufigste aller Märkte: Es ist historisch kontaminiertes Gelände. Um diesen Markt gab es in den 80ern besetzte Häuser, reichlich Pflastersteine nicht nur für die Anti-Reagan-Demo, und es gab die legendäre Absturzkneipe "Ruine". Von der
damaligen Attitüde ist heute wirklich nur noch ein ganz dezenter Hauch zu spüren. Experimente – zugegeben weniger anarchistisch als früher – gibt es auf dem Schöneberger Wochenmarkt aber weiterhin. Es ist in Berlin "The Place to Be" sowohl für Markthändler als auch für Berliner und ihre Besucher. Jürgen Fürgut mit seinem Unternehmen Steckerlfisch hat hier angefangen und ist mittlerweile erfolgreich. Renate Künast, bündnisgrüne Galionsfigur, trifft man samstags regelmäßig sowohl bei Steckerlfisch als auch bei den zahlreichen Bio-Gemüse-Ständen. Ob wahlpolitisch so erfolgreich? Foodjournalisten kreuzen über das Gelände, um neue Produkte und neue Trends zu finden, Privat-TV-Moderatoren erzählen am Wurststand laut von ihrem Treffen mit einem "Ach-der-war-aber-süß"-Promi. Bei Matthias Ott von Kaaswinkel (Biokäse) legen Greenpeaceaktivisten ihre Infobroschüren auf die Theke. Neben dem ausgesprochen umfangreichen Obst- und Gemüse-Food-Angebot findet man neben Haushaltswaren und Blumen auch ausreichend Klamotten, Accessoires wie Hüte und eben unkonventionelle Kreationen, die entweder Kunden finden oder ganz schnell in Vergessenheit geraten.

Fazit: Der Winterfeldtmarkt ist der Markt der totgesagten, dennoch etablierten sowie genussfähigen Multi-Kulti-Gesellschaft. Text: Eva-Maria Hilker

Termine: Mittwoch 8-14 Uhr, Samstag 8-16 Uhr, Beste Uhrzeit: 10 Uhr um einzukaufen, 11.30 Uhr um in diese spezielle Marktstimmung zu kommen. Unbedingt kaufen: Keramiktassen von Christiane Landbeck (muss man suchen, hat nicht immer den selben Standort)
Winterfeldtmarkt Winterfeldtplatz, Schöneberg, U-Bhf. Nollendorfplatz

ArkonaplatzArkonamarkt
Ein Platz, der entschleunigt und entspannt: Der süße Duft von frisch gebackenen Waffeln liegt in der Luft und mischt sich mit dem qualmigen Aroma von Makrelen, die auf einem offenen Grill brutzeln. Waffelbäcker und Fischgrill trennen wenige Schritte, dazwischen bieten auf einem kleinen Wochenmarkt unterschiedliche Händler ihre Waren an. Es dürften kaum mehr als 15 Marktstände sein, die freitags auf dem Arkonaplatz stehen. Neben Obst, Gemüse, Käse, Wurst und Fleisch gibt es auch Feinkost: Antipasti, frische Pasta, Öle und Wein aus Italien, außerdem Tee und Torten. Für den hohen Bio-Anteil im Sortiment sorgen Anbieter aus Berlin und Umgebung. In der Auslage des Bioladens vom Schloss Storkau stapeln sich Würste, Fleisch und Molkereiprodukte, am Stand vom Naturhof Gaßmann leuchten orangefarbene Kürbisse. Man kennt sich hier, trifft Freunde und Nachbarn, plaudert am Käsestand über die Anmeldefristen von Kitas und Schulen oder tauscht Empfehlungen aus für den Vorarlberger Bergkäse – je höher die Gipfel, desto kräftiger das Aroma. Die Atmosphäre ist entspannt und familiär, niemand scheint es eilig zu haben, lärmende Marktschreier gibt es hier nicht. Die meisten Besucher sind zwischen 30 und 40, viele schieben einen Kinderwagen und verbinden den Bummel über den Markt mit einem Ausflug auf den großen Spielplatz, der direkt nebenan ist. Wer mit dem Auto kommt, findet in den Seitenstraßen ohne Probleme einen Parkplatz – anders als am Wochenende, wenn auf dem Arkonaplatz der Flohmarkt zum Stöbern einlädt.

Fazit: Eher Märktchen als Markt, bietet der Arkonaplatz jeden Freitag ein kleines, feines Sortiment mit hohem Bio-Anteil.
Text: Oliver Burgard
Termine: Freitag 12-19 Uhr, Beste Uhrzeit: die frühen Marktstunden, bevor es dunkel wird. Unbedingt kaufen: Fischbrötchen to go und Bergkäse für Zuhause

Arkonamarkt Arkonaplatz, Mitte, U-Bhf. Bernauer Straße, Tram 12

ChamissoplatzÖkomarkt Chamissoplatz
Nicht nur Dinkel macht hier glücklich: Es kreuzen sich die Wege von alteingesessenen Ökofans und jungen Familien. Auf dem 1994 von Anwohnern gegründeten Ökomarkt ist Qualität nicht nur Ehrensache, sondern man kann sich darauf verlassen. Es gibt Schafsmilchprodukte aus der Lausitz, direkt daneben Teltower Rübchen vom gleichnamigen Biohof, nebenan kann man das Kräutersalz selbst im Steinmörtel stampfen. Ganz nebenbei gewinnt man beim Schlendern über den Markt einen guten Überblick über die gängigen Biozertifikate. Von Demeter und Bioland bis hin zum Verbund Ökohöfe Nordost Brandenburg ist hier alles vertreten. Es gibt zwei Stände mit Kleidung, den Blumenstand Anderer/ Lenzen und am unteren Ende des Marktes Bürsten Schröder, wo Besucher handgemachte Besen und Pinsel erstehen können – allerdings nur bei Sonnenschein. Viele Besucher stärken sich am Imbissstand in der Mitte. Spezialität sind die Dinkelwaffeln, denn "Dinkel macht glücklich". Es geht kommunikativ zu. Spätestens wenn pünktlich um 12 Uhr mittags die Gitarrenmusik losgeht, hat man das Gefühl, dass hier jeder jeden kennt.

Fazit: Der Markt ist typisch Kreuzberg und Familientreffpunkt mit Bio-Garantie.
Text: Annika Zieske
Termine: Samstag 8-14 Uhr, Beste Uhrzeit: Zwischen 11 und 12 Uhr mittags, da kriegt man noch einen Sitzplatz, bevor die Livemusik losgeht. Unbedingt kaufen: Einen selbstgebundenen Besen von Bürsten Schröder

Ökomarkt Chamissoplatz Chamissoplatz, Kreuzberg, U-Bhf. Gneisenaustraße, Platz der Luftbrücke, www.oekomarkt-chamissoplatz.de

H. Siepmannn Schillermarkt
Kleinstadtidyll unterm Kirchturm: Laute Marktschreier, aufdringliche Verkaufsgespräche oder lange Warteschlangen – Fehlanzeige. Die Bänke und Stände vor der imposanten Genezarethkirche sind Treff für die unterschiedlichsten Kiezgestalten, Ausgangspunkt für Spaziergänge über das ehemalige Flugfeld Tempelhof oder Rastplatz nach einem Einkaufsbummel auf der lauten Hermann- oder Karl-Marx-Straße. Die schönste Art, den abgelegenen Wochenmarkt zu erreichen, ist ein Spaziergang über die Schillerpromenade. Zwischen gelb-rotem Laub und Kinderstimmen vom Spielplatz fühlt man sich in eine Brandenburger Kleinstadtidylle versetzt. Nach einem kleinen Rundgang zwischen den 15 bis 20 liebevoll, fast spießig dekorierten Ständen sollte man an der Heckklappe eines kleinen lilafarbenen Lieferwagens haltmachen, sich einen Milchkaffee oder Schwarztee holen und auf der Bierbank ein Plätzchen suchen. Hier wird getratscht, gelacht und es werden Pläne für den Samstagabend gemacht. Ein Stück Zwiebelkuchen oder Falafel im Brot stillen den kleinen Hunger. Nach einem Plausch mit dem Nachbarn hilft Martin, ein vollbärtiger Bauer aus Rüdnitz, die Zutaten für die sonntägliche Kürbis- oder Möhrensuppe zusammenzusammeln. Neben regionalen Produkten wie Imkerhonig, Heide-Kartoffeln vom Bauern, frischen Pilze oder selbst gemachten Marmeladen, werden Bio-Gemüse und –Backwaren, aber auch Appenzeller Käse und Federweißer aus Baden angeboten. Kleidung, Kunst oder Waren des täglichen Bedarfs gibt es nur an Motto-Samstagen.

Fazit: Man kennt sich. Man gehört schnell zur Marktgemeinschaft.
Text: Susan Schiedlofsky
Termine: Samstag 10-16 Uhr, Beste Uhrzeit: ab 14.30 Uhr zum Kiez-Kaffeeklatsch. Unbedingt kaufen: Apfel-Sanddorn-Saft von der "Wilden Gärtnerei", abgefüllt in der Mosterei Neumann

Schillermarkt Herrfurthplatz, Neukölln, U-Bhf. Boddinstraße, Leinestraße, Bus M29, www.schillerkiez.de

Fotos: Sven Lambert (Winterfeldtmarkt), Andreas Kottlorz (Chamissoplatz), H. Spiemann_Pixelio.de (Schillermarkt), Nina Zimmermann (Arkonaplatz) 

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Übersicht: Die besten Flohmärkte in Berlin

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 27.01.2012

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