Ihr selbst kreiertes Bier zu trinken macht sie stolz. Die kleinen Gasthausbrauer sind Berlins Hopfen-Avantgarde. Sie erfinden das kühle Blonde neu, versuchen sich aber auch an exotischen Kirsch-Chili-Sorten oder alten babylonischen Rezepten. So erobern sie die Herzen der Berliner. Und manchmal sogar das einer einzelnen Dame.
Einmal hat Thorsten Schoppe mit Bier nachgeholfen, um das Herz einer Frau zu erobern. Aber nicht wie der Normalsterbliche durch schnödes Abfüllen der Herzensdame – sondern subtiler. Schließlich ist der Mann nicht bloß Biertrinker, sondern auch Braumeister. „Ich habe ihr ein ganz persönliches Bier gebraut“, sagt Schoppe und grinst. „Mit Kirschgeschmack, da stehen die Frauen drauf.“
Der 37-Jährige baut sich in T-Shirt und Camouflage-Hose vor drei mannshohen Edelstahlkesseln rechts hinter dem Eingang des Brauhauses Südstern an der Hasenheide auf. Aus einem Plastikeimer kippt er Malz durch eine Luke in den mittleren Behälter. Es ist acht Uhr morgens. Der Brauer setzt gerade den neuesten Sud für 700 Liter Heller Stern an, den Bestseller seiner Zweimannbrauerei. Es riecht warm-süßlich nach Brot. „Grundlage für jedes Bier ist die Maische“, erklärt er den ersten Arbeitsschritt. „Ehrliches Kreuzberger Wasser und Malz.“
Schoppe gehört zu einer wachsenden Gruppe junger selbstständiger Berliner Brauer, die jenseits der bekannten Großbrauereien versuchen, ihr eigenes „Süppchen“ zu kochen. Statt sich schnöde Fassweiße liefern zu lassen, brauen sie in eigenen Gaststätten an eigens konstruierten Brauanlagen – mit Kreativität und Liebe zum Bier. „Der größte Unterschied zu industriell hergestelltem Bier ist, dass wir auf die Haltbarmachung verzichten“, erklärt Schoppe das Motto der neuen „Generation B“ – B wie Bier. Denn die Biere von Beck’s, Warsteiner, Schultheiss und Co. werden allesamt nach dem Brauen gefiltert und pasteurisiert, damit sie lange haltbar bleiben – die Biere Marke Eigenbrau nicht. So bleiben alle Geschmacks- und Aromastoffe erhalten. „Das ist wie bei der Milch“, sagt Schoppe. „Unser Bier ist die Frischmilch, die Großen machen alle H-Milch.“
Vor drei Jahren hat der gebürtige Braunschweiger nach dem Studium an der TU zum Diplom-Brauingenieur im Brauhaus Südstern seine eigene Brauerei eingerichtet. Braukessel und Gärkeller sind offen in den Gastraum gebaut, die Edelstahlleitungen verlaufen über den Köpfen der Gäste, und selbst den Lagerkeller kann man durch dicke Panzerglasscheiben im Boden bestaunen. „Das ist eine Art Showbrauerei“, sagt Schoppe über die Anlage, die er selbst mitentworfen hat. „Wir wollen den Prozess der Bierherstellung transparent machen. Auch wenn Deutschland das Land der Biertrinker ist, wissen die meisten Menschen ja gar nicht mehr, wie es hergestellt wird.“
Während er erzählt, schiebt er eine Schaufel durch die Maische, eine schleimige Masse, die leise vor sich hinblubbert. Mehrmals wird die Brühe im Lauf des Tage zwischen den drei Kesseln umhergepumpt und umgerührt, gesiebt, gekocht und am Ende bei 100 Grad mit Hefe versetzt. Rund 25.000 Liter (oder 250 Hektoliter, wie der Brauer sagt) laufen hier jährlich in die elf Lagertanks. Ein Drittel wird gleich vor Ort im Südstern getrunken. Mit dem Rest beliefert die Kleinbrauerei zehn weitere Berliner Gaststätten.
Die kleinen Brauer brauen mit wachsendem Erfolg. Im Gegensatz zu den Großbrauereien werden sie in Deutschland kontinuierlich mehr. Um 37 Prozent stieg die Zahl der Kleinen (bis 5000 Hektoliter) in den vergangenen 16 Jahren an. Im letzten Jahr waren es insgesamt 870 Brauereien. Mehr als die Hälfte davon steht zwar in Bayern und Baden-Württemberg, aber immerhin ein Dutzend auch in Berlin. Während hier alte Großbrauereien in Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Neukölln in den letzten Jahren dichtgemacht wurden und nun fast alle großen Berliner Marken unter einem Dach – Dr. Oetker – vereint sind, gründeten sich in den Bezirken neue kleine Gasthaus-Brauereien.
Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 10/09 auf Seite 28.
Text: Björn Trautwein
Fotos: Jens Berger/tip
Zum tip Bier-Test
Brauhaus Südstern, Hasenheide 69, Kreuzberg, Tel. 69 00 16 24, www.brauhaus-suedstern.de
Eschenbräu, Triftstraße 67, Wedding, Tel. 462 68 37, www.eschenbraeu.de
Hops & Barley, Wühlischstraße 38, Friedrichshain, Tel. 29 36 75 34, www.hopsandbarley-berlin.de
Microbrauerei Barkowsky, Münzstraße 1-3, Mitte, Tel. 247 69 85, www.brau-dein-bier.de
Schlossplatzbrauerei Coepenick, Auf dem Schlossplatz/Grünstraße, Köpenick, Tel. 42 09 68 76, www.brauhaus-coepenick.de
Und ein paar Biergärten dazu
Mode im Biergarten
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