Der Club Italia Berlino plant den Aufstieg

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Der Club Italia Berlino plant den Aufstieg  

Club_Italia_Foto_von_Harry_SchnitgerEr zieht sie alle in seinen Bann, der Neue, der Deutsche. Im Innenhof der Osteria Maria in Steglitz warten sie auf ihn, "unseren Oberhäuptling", wie ihn Peter Silke nennt. Silke nimmt noch einen Schluck von seinem Espresso, zückt zum zweiten Mal sein Handy und versucht, Florian Sinnig zu erreichen. Dann kommt Sinnig. Seit knapp einem Jahr ist er Präsident des Club Italia Berlino, des einzigen ita­lienischen Fußballvereins in Ber­lin. Sein weißes Baumwollhemd hat er hochgekrempelt, eine runde Designersonnenbrille verdunkelt seine Augen. An dem Holztisch mit den Wartenden läuft er vorbei, hält kurz, macht einen Schritt zurück, grüßt – und eilt schon weiter. Er ist ständig in Bewegung, verlangt Getränkenachschub, beantwortet die alle paar Minuten eingehenden Anrufe und blickt regelmäßig auf die Uhr.

Zwei Männer laden Beamer aus einem Bus aus. Sinnig blickt sich kurz um und dirigiert: "Ich will einen oben und einen unten haben!" Die erste Mannschaft des Club Italia ist letzte Saison in die Bezirksliga aufgestiegen, doch der 42-Jährige plant bereits Größeres: "Wir brauchen noch acht Jahre bis zur Bundesliga", sagt er, ohne die Miene zu verziehen. Von der Kreis­liga in die Bundesliga: In dieser Saison ist das nur dem Dorfverein TSG Hoffenheim gelungen – mit den Millionen seines Mäzens Dietmar Hopp. Der Mitbegründer der Softwarefirma SAP hat über 100 Millionen Euro in den Verein investiert: Er hat den ehemaligen Trainer von Schalke 04, Ralf Rang­nick, angeheuert, für 20 Millionen Euro Spieler gekauft, und zurzeit lässt er ein Stadion samt Trainingsgelände bauen. Der Fußballverein des 3000-Einwohner-Stadt­teils von Sinsheim hat inzwischen auch einen Fanclub in Berlin: Johann Just (54), gebürtiger Hoffenheimer, hat ihn gegründet und feiert mit einem Dutzend Mitgliedern den sechsten Verein in der Geschichte der Bun­desliga, der es aus der Kreisliga nach ganz oben geschafft hat.

Club_Italia_Foto_von_Harry_SchnitgerFußball und Menü

Der Club Italia will der siebte sein. "Das glaubt uns natürlich keiner, aber das kann schon was werden", sagt Sinnig. Das Potenzial dafür sei vorhanden: 15.000 Italiener leben in Berlin – und es gebe mit dem Club Italia nur einen italienischen Verein. Das verspricht viele Zuschauer, wenn denn die sportlichen Leistungen und die Angebote an die Fans stimmen. Sponsoren sollen durch einen besonderen Service angelockt werden: Im Vereinsheim, der Osteria Maria, werden sie vor den Spielen zunächst mit einem Vier- Gänge-Menü verköstigt. Eine Spezialität sei etwa Salsiccia mit Sauerkraut – ein italienisches Wurstgericht. Anschließend werden sie im Shuttlebus in das Stadion Lichterfelde gefahren, welches das kleinere Preußenstadion als Austragungsort für die Heimspiele abgelöst hat.

Als Sinnig vor einem Jahr den Verein übernahm, glich jener einem Scherbenhaufen: Misswirtschaft, in die Kreisliga abgestiegen, die Spieler davongelaufen, die Glaubwürdigkeit ruiniert. "In­nerhalb von zwei Wochen muss­ten wir eine komplett neue Mannschaft aufbauen", erzählt der Präsident. Er hat es geschafft, die Anhänger und Sponsoren wieder für den Verein zu begeistern. So etwa Peter Silke, Chef von PS Haus & Grundbesitzmarketing GmbH und nun Hauptsponsor. "Hier lässt sich was bewegen, hier passt einfach alles", sagt der. Seinen Espresso hat er inzwischen ausgetrunken, greift nach seinen Schlüsseln und fährt mit seinem Ferrari vom Hof.

Zu wenig Italiener

Von der Euphorie angesteckt ist auch Salvatore Parisi. Seit 25 Jahren lebt er in Berlin, seit 20 Jahren ist er Fan des Club Italia. Hier findet er ein Stück Heimat, trifft Freunde und jubelt den Spielern zu. "Das alles ist bombas­tisch", sagt der 38-Jährige auf der Steintribüne des Stadions Lichterfelde. Es ist der 1. Juni 2008: Gerade hat der Club Italia mit 6:0 Berolina Mitte geschlagen und damit die Meisterschaft in der Kreisklasse und den Aufstieg in die Bezirksliga perfekt gemacht. Auf der Tribüne herrscht italienisches Familienfest: Die Männer flehen: "Per que?!", wenn der Schiedsrichter für die Gegenseite pfeift und rufen: "Oh, oh, attenzione!", wenn ein Berolina-Mitte-Spieler in den gegnerischen Straf­raum gelangt, was an diesem Tag nicht allzu oft vorkommt.

Club_Italia_LaFiesta_Fotograf_Harry_Schnitger
Etwas zu beanstanden hat Parisi dann doch: "Es spielen zu wenig Italiener in dem Verein." Vor Kurzem habe er erst "drei gute Italiener" eingekauft, womit es dann fünf im Kader seien, würde Sinnig darauf entgegnen, doch in diesem Moment denkt er an anderes: Mit Zigarre im Mund läuft er die Steintreppen der Tribüne auf das Spielfeld, reckt beim Abschlusstreffer die Zeigefinger in die Luft, umarmt Trainer Alexander Fütting und tanzt mit den Spielern. "Jede Liga soll nur eine Zwischenstation sein. Wir müssen nach ganz oben!", erinnert der Stadionsprecher unter Applaus und dem "Volare"-Gesang aus den Lautsprechern.

Prominente Unterstützung

Solche Momente hat Sinnig sich wohl gewünscht, als er das Angebot annahm, Präsident zu werden. "Ich habe ja nie gedacht, dass ich Fußball mache", sagt er. Trotzdem war es kein Zufall, dass man auf ihn zuging: "Auf Italienisch mache ich schon lange", sagt er und meint damit seine Res­taurants Die 12 Apostel. Doch sei ihm das auf Dauer zu langweilig geworden: Wenn das Restaurant voll ist, sei das Ziel erreicht, den Verein aber könne er über acht Jahre aufbauen. Wie das gemacht wird, weiß er aus seiner Zeit als Sportvermarkter. So hat er für den Vereinsvorstand den ehe­ma­ligen Nationalspieler Fredi Bobic und Hertha-Torwarttrainer Nello di Mar­­tino gewonnen, eine Clubzeitung und Fernsehsendung ins Leben gerufen. Sinnig will möglichst viele der 15.000 Italiener in Berlin dazu gewinnen, ins Stadion zu kommen, er will die italienischen Gastronomen in Berlin vernetzen und ab Herbst eine italienische Sprachschule für Kinder in der Os­teria eröffnen. „Alles, was mit Italien zu tun hat, will ich in den Verein integrieren“, beschreibt Florian Sin­­nig seine Visionen. "Es geht jetzt erst los."

Text: Benjamin von Brackel

www.club-italia-80ev.de

 

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 19.08.2008

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