Der Nachhall der Schüsse: Der Fall Hatun Sürücü

Der Nachhall der Schüsse: Der Fall Hatun Sürücü  

reportIm Schnee liegt ein Plüsch-Pinguin, etwas weiter eine Handtasche. Auf dem großen Hinterhof ist niemand zu sehen. Zwischen Oberlandstraße, Oberlandgarten und Bacharacher Straße sind die Häuser grau, manche Fenster verklebt. Berliner Aufbauprogramm von 1951, stark renovierungsbedürftig. Hier wohnte Hatun Sürücü mit ihrem damals fünfjährigen Sohn Can im vierten Stock in einer Zwei-Zimmer-Wohnung.

Als sie am 7. Februar 2005 kurz vor 21 Uhr das Haus verließ, war es eisig, minus acht Grad. Ihr jüngster Bruder wartete mit einer Pistole neben einer Bushaltestelle auf sie. "Zwei Kugeln haben ihr das Gesicht zerrissen, die dritte Kugel durchschlug den Kopf am rechten Ohr. In der Hand hielt sie noch eine brennende Zigarette. Über ihren Körper floss Blut, das Blut der Ehre – nein, nicht der Ehre – das Blut der Schande des Ayhan Sürücü." Das sagte Ekkehard Band in seiner Rede am zweiten Jahrestag ihrer Ermordung. Seit 2007 legt der Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg Jahr für Jahr einen Kranz am Tatort nieder. Auch in diesem Jahr wird er am 7. Februar wieder klare Sätze formulieren gegen falsch verstandene Familienehre, Zwangsheirat, Gewalt und Mord. Am fünften Jahrestag des so genannten Ehrenmordes. Der Schock hallt bis heute nach.

Hatun Sürücü wurde zum Symbol gegen rückständige patriarchale Familienstrukturen, Zwang und Unterdrückung. Nicht, weil sie erst 23 Jahre alt war, als sie erschossen wurde. Auch nicht, weil die angehende Elektroinstallateurin alleinerziehende Mutter war. Hatun Sürücü hatte sich von ihrem türkischen Mann getrennt, mit dem sie zwangsverheiratet wurde, ihr Kopftuch abgelegt und sich entschlossen, ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen. Ihre Ermordung wurde seinerzeit in einer Neuköllner Schule von drei Schülern mit den Worten gerechtfertigt: "Die hat doch selbst Schuld. Die Hure lief rum wie eine Deutsche." Der Schuldirektor schrieb daraufhin in einem Brief an die Eltern: "Wir dulden keine Hetze gegen die Freiheit". Die Äußerungen lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Sogar Bundespräsident Horst Köhler äußerte sein Befremden und warnte vor zunehmender Intoleranz in der Gesellschaft. In Berlin wurde darauf hin über einen verpflichtenden Werteunterricht an Schulen diskutiert – der Senat führte das Fach Ethik schließlich 2006 für die siebte bis zur zehnten Klasse ein.

reportAuch der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky mischte sich in die emotionsgeladene Debatte. Seine Warnung vor Parallelgesellschaften und sein Urteil "Multikulti ist am Ende" machten ihn bundesweit bekannt. Dennoch vergingen drei Jahre, bis eine Gedenktafel für Hatun Sürücü auf einem großen Naturstein an der zugigen Hausecke Oberlandgarten 1 angebracht wurde. Noch länger dauerte die Finanzierung des Grabsteins auf dem Landschaftsfriedhof Gatow. Die Familie Sürücü hatte den Stein zwar, wie es auch bei islamischen Beerdigungen üblich ist, in Auftrag gegeben, aber bis 2009 nicht bezahlt. Auch die Pflege des Grabes kümmerte die Angehörigen wenig. So übernahm der Verein Hatun & Can, 2006 von Hatun Sürücüs Freunden und Kollegen gegründet, mit Hilfe von Spenden die Kosten. Ähnlich wie der Frauennothilfeverein Papatya beraten die ehrenamtlichen Mitarbeiter von Hatun & Can Frauen, die von familiärer Gewalt oder Zwangsverheiratung betroffen sind und vermitteln Zufluchtswohnungen. Papatya bringt zwischen 60 und 70 Frauen jährlich in Krisenwohnungen unter. Wie viele Frauen tatsächlich Opfer ihrer Familien werden, ist unklar.

Offizielle Datensammlungen sind lückenhaft. So geht die Uno von etwa 5000 Ehrenmorden pro Jahr weltweit aus, Tendenz steigend. In Berlin ermordeten Brüder, Väter, Onkel und Cousins laut einer Statistik von Papatya und Terre des Femmes seit 1996 15 Frauen und Männer und verletzten fünf Opfer lebensgefährlich im Namen der Ehre. Ein solcher Fall liegt vor, wenn "Übergriffe vom Täter damit begründet werden, er müsse die Ehre der Familie schützen oder Verteidigen", lautet die Definition von Terre des Femmes.
„Viele Täter haben einen türkischen beziehungsweise kurdischen Migrationshintergrund, kommen ursprünglich aus dem Libanon, aus Palästina oder auch aus dem Kosovo“, sagt Birim Bayam von Papatya. Ein spezielles Gesetz oder einen generellen Schutz vor Zwangsverheiratungen gibt es nicht. ...

Den gesamten Artikel der tip-Autorin Britta Geithe lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe 04/2010.

Kranzniederlegung am So 7.2., 11 Uhr, mit Bezirksbürgermeister Ekkehard Band in der Oberlandstraße/Ecke Oberlandgarten, Tempelhof

Adressen: www.papatya.org; www.hatunundcan-ev.com

 
von  tip-Redaktion
Veröffentlicht: 02.02.2010 , Zuletzt aktualisiert: 15.02.2010
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