Die neue Gründerszene in Berlin

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Die neue Gründerszene in Berlin  

wimduIm September reiste der Kalifornier Chris Olsen für drei Tage nach Berlin. Er kam nicht wegen des "Brandenburg Gate" und nicht wegen der "Berlin Wall". Den Checkpoint Charlie sah er nur durch das Fenster eines Taxis. Der Yale-Absolvent und Investmentbanker kam, um die Protagonisten einer neuen Gründergeneration kennenzulernen, deren Unternehmergeist sich bis an die 9.000 Kilometer entfernte Pazifikküste herumgesprochen hat. Ihre Firmen heißen 6Wunderkinder, EyeEm, Tweek TV oder Gidsy. Sie bauen die digitale Welt, die uns in Zukunft umgeben wird: online, vernetzt, global.

25 dieser jungen Unternehmensgründer traf Chris Olsen zum Dinner in einem thailändischen Restaurant in der Chausseestraße. Mit jedem von ihnen sprach Chris Olsen fünf Minuten. Speed Dating. "Keiner von ihnen will einfach nur schnell reich werden", sagt Olsen am Telefon, inzwischen zurück in Kalifornien. "Die Berliner Entrepreneure haben andere Träume, denen sie hinterherjagen." Chris Olsen kann diese Träume wahr werden lassen. Er arbeitet für Sequoia, eine Risikokapital­firma. Adresse: 3000 Sand Hill Road, Menlo Park, Silicon Valley. Sequoia investiert in IT-Unter­nehmen, manchmal 100.000 Dollar, manchmal 100 Millionen. Mit dem Geld von Sequoia wurden Google, YouTube, Facebook, Apple oder PayPal finanziert. "Berlin ist die einzige Stadt in Europa, die dem Silicon Valley gleicht", sagt Chris Olson. "Die Berliner Start-ups werden die Welt verändern."

Nach Schätzungen der Internetplattform Deutsche Start-Ups wurden in Berlin seit 2005 rund 400 Start-Ups gegründet, davon allein 250 in den letzten beiden Jahren. Die Industrie- und Handelskammer zählt sogar mehr als 1.300 Neugründungen von Web-, Software- und IT-Unternehmen seit 2008. Eine Umfrage der Facebook-Gruppe Berlin Startups unter den Entrepreneuren der Stadt ergab außerdem, dass in den vergangenen zwölf Monaten rund 20 Berliner Firmengründungen aus dem Hightech-Bereich jeweils mehr als eine Million Euro Startkapital erhalten haben sollen.

Und längst fliegen die Scouts der großen Geldgeber nicht mehr nur wie Sequoia-Mann Chris Olsen auf eine Stippvisite ein. Das erste Venture Capital, wie die Risikokapitalunternehmen im Wirtschafts­jargon heißen, zog Anfang August nach Berlin: Earlybird, gegründet 1997 in München, der Technologiestadt, das dann eine Dependance in Hamburg, der Medienstadt, aufmachte, verlegt nun das gesamte Unternehmen nach Berlin. Das britische Venture Capital Balderton verkündete ebenfalls seinen Umzug von London nach Berlin. Man sei auf der Suche nach dem neuen Facebook, lautete die Begründung. Auch der Investor Springstar eröffnete im August in Mitte ein Büro mit 80 Mitarbeitern und machte es zum Hauptsitz seines globalen Finanznetzwerks.

Die Szeneblogs schreien wöchentlich neue Schlagzeilen aus der Berliner Gründerszene hinaus in die Netzwelt. Crowdpark bekommt sechs Millionen. Madvertise: zehn Millionen. Wooga: 17 Millionen. Researchgate: siebenstellige Finanzierung aus dem Silicon Valley. Die "New York Times", das "Wall Street Journal" und CNN berichten.

Auch darüber, dass der 35-jährige Berliner Felix Petersen seit ein paar Monaten einen neuen Bekannten hat, der Ashton Kutcher heißt. Petersen besuchte ihn in Hollywood, danach gab Kutcher ihm und seinen zwei Freunden Florian Weber, 32, und Caitlin Winner, 28, zwei Millionen Dollar. Wer immer es wissen will, erfährt seitdem, dass Kutchers Frau Demi Moore findet, das Café Cabana sei das beste Café in Beverly Hills und "Hard Time" die beste Dokumentarfilmserie aller Zeiten. Und der beste Zustand, um all das zu verkünden, sei nach dem Sex. Denn mit Kutchers Geld haben Felix Petersen und seine beiden Mitgründer ein soziales Netzwerk gebaut. Amen heißt es, und die Nutzer können dort nur eines posten: Meinungen in Superlativen. Die anderen können dann mit "Amen" oder "Hell No!" darauf reagieren, also zustimmen oder dagegen sein. Petersen vergleicht das gerne mit einer Diskussion in der Kneipe. Amen soll so etwas wie die Kneipe der globalen Netzgesellschaft werden.

Felix Petersen trägt Schnurrbart und Strickjacke, eine runde Brille, die seine Augen vergrößert; sein Haar ist seitlich gescheitelt. Er sitzt in der Küche eines riesigen Büros mit knarzigem Parkett. Unten an der Eingangstür am Schiffbauerdamm prangt das mattgolden glänzende Firmenschild von Amen gleich unter dem des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Felix Petersen ist Berliner, deswegen muss er nicht erklären, was ihn hergebracht hat. Eher, warum er geblieben ist. Er sagt: "Berlin ist selbst eine Art Start-Up. Die ganze Stadt ist ständig im Umbruch." Das ist das eine: das Image der Stadt, die weltweit als cool gilt, der Underdog unter den Metropolen, nicht wie New York, Paris oder London, eher wie Portland oder Seattle. In Berlin gibt es Clubs und Bars, Künstler, Studenten, Designer, Blogger, Musiker. In Berlin sind die Mieten günstig. Nur das alleine reicht natürlich nicht. Denn im Silicon Valley sind die Mieten zwar horrend, dafür werden Programmierer und Designer aber auch viel besser bezahlt als in Berlin. "Was lange Zeit fehlte, waren die Jobs, die fähige Leute aus der ganzen Welt anziehen", sagt Petersen. "Weil die Unternehmen nicht hier waren, die sie bieten können."

Den kompletten Text von Anna Lena Mösken lesen Sie in der tip-Ausgabe 24/2011 ab Seite 26.

Foto: wimdu.de

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 08.11.2011

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