Im Gespräch mit Eisschnellläuferin Claudia Pechstein

Im Gespräch mit Eisschnellläuferin Claudia Pechstein  

ClaudiaPechstein_Portraet_C_RogerHagmannFrau Pechstein, als Sie heute Morgen aufgestanden sind, was tat Ihnen da alles weh?
Nur mein Rücken. Das liegt aber wahrscheinlich am Hotelbett. Aber grundsätzlich gucke ich in meinen Körper aufgrund meines Alters nicht mehr hinein als die jüngeren Sportler. Bis jetzt tat mir noch nicht so viel weh. Außer schon mal mein Rücken, da knackt’s dann mal, aber dann ist auch wieder gut.

Anfang 2009 wurden Sie von der Internationalen Eislaufunion (ISU) damit konfrontiert, dass Ihre Blutwerte auf Doping hinweisen würden, weshalb Sie dann auch gesperrt wurden. Damals waren Sie 37 Jahre alt. Wie sah bis dahin Ihre Karriereplanung aus?
Eigentlich war der Plan, nach den Mehrkampfweltmeisterschaften in Hamar noch 2010 bei den Olympischen Spielen in Vancouver meine hoffentlich zehnte olympische Medaille zu gewinnen und dann entweder noch ein Jahr dranzuhängen oder aufzuhören. Doch weil ich in Vancouver nicht dabei sein durfte und die nächsten Olympischen Spiele erst wieder 2014 in Sotschi sind, muss ich halt bis 2014 trainieren. Das ist jetzt der Plan.

Hatten Sie, bevor Sie des Dopings beschuldigt wurden, konkrete Vorstellungen, was Sie nach Ihrem Karriereende machen wollten?
Ich wäre in kein Loch gefallen, sondern hätte ganz normal meinen Job als Bundespolizistin machen können. Von daher hatte ich mir da keine großen Gedanken gemacht, wie es nach der sportlichen Karriere weitergegangen wäre. Wobei ich mir grundsätzlich auch die Möglichkeit offen gelassen hatte, eine Trainerlaufbahn einzuschlagen. Das ist auch immer noch ein späteres Ziel.

Wenn man Ihren Namen bei Wikipedia eingibt, taucht dort eine ellenlange Medaillentabelle auf. Haben Sie noch einen Überblick, wie viele internationale Medaillen Sie gewonnen haben?
Durch die Silbermedaille kürzlich bei der EM in Budapest habe ich die Zahl letztens noch mal gehört: 56 internationale Medaillen sollen es sein. Am interessantesten für mich sind aber die Olympischen Spiele, da habe ich fünf goldene, zwei silberne und zwei bronzene Medaillen, insgesamt neun. Es wäre schön, wenn ich bei den nächsten Olympischen Winterspielen noch eine zehnte holen könnte.

Warum sind gerade die Olympischen Spiele so wichtig für Sie?
Die Olympischen Spiele sind das Größte, was man in meiner Sportart erleben kann. Im Eisschnelllaufen gibt es jedes Jahr eine Europameisterschaft, eine Mehrkampf- und eine Einzelstreckenweltmeisterschaft. Aber die Olympischen Spiele finden nur alle vier Jahre statt. Außerdem spricht man zwar von „Ex-Weltmeistern“, aber man sagt nie „Ex-Olympiasieger“. Olympiasieger bleibt man für immer.

Die Eisschnellläuferin Anni Friesinger-Postma hat ihre Karriere mit 33 Jahren beendet, Daniela Anschütz-Thoms mit 35 Jahren und Gunda Niemann-Stirnemann mit 39 Jahren. Sie werden am 22. Februar 40 Jahre alt. Wo sehen Sie altersmäßig eine Schallgrenze?
Eine altersmäßige Grenze kann man weder im Eisschnelllaufen noch in anderen Sportarten generell festlegen. Jeder muss selber wissen, wie weit er sich mit seinen Leistungen noch identifizieren kann oder wie weit er sich noch quälen möchte. Und ich hab immer noch sehr viel Spaß an meinem Sport und ich kann es scheinbar auch ganz gut. Von daher sehe ich mich so alt, wie ich mich fühle. Manchmal fühle ich mich viel, viel älter als ich bin. Manchmal aber denke ich: Was die Jungen können, kann ich auch. Teilweise fällt mir das Training leichter als den Jüngeren. Die sagen: Ach, mir zieht’s hier, mir zieht’s da. Die meckern oder jammern öfter herum als ich.

Wie motiviert man sich, über 30 Jahre lang vereiste Ovalstrecken in schnellstmöglichem Tempo zu absolvieren?
Das ist wie im normalen Leben, da gibt es auch Leute, die seit Jahren ins gleiche Büro rennen und dort ihre Arbeit leisten. Auch das ist eine Motivationsfrage. Natürlich denke auch ich manchmal: Oh, heute schon wieder zum Training, ich hab eigentlich keine Lust. Andererseits weiß ich, dass die Konkurrenz nicht schläft. Und wenn die trainieren und ich nicht, dann freuen die sich am Ende womöglich bei irgendeinem Wettkampf darüber, dass ich ein bisschen langsamer war. Das will ich natürlich vermeiden, das ist für mich die Motivation. Und natürlich kommt jetzt noch dazu, dass ich mir nach den Dopingbeschuldigungen sage, ich komme definitiv zurück. Das stand für mich damals schon fest. Und „Ich komme definitiv zurück“ heißt natürlich auch, dass ich wieder aufs Podium möchte. Meine Motivation ist, es der ISU von dort oben aus zu zeigen: So, mich kriegt ihr nicht klein. Ich kämpfe, egal wie weit ich im Training gehen muss. Ich kämpfe dafür, dass ich wieder ganz oben stehe und mir die Leute von der ISU auch mal die Hände schütteln müssen. Das ist meine Motivation. Diese Aggressivität hab ich über diesen ganzen sogenannten Fall entwickelt. Und das hilft mir sowohl im Training als auch im Wettkampf.

ClaudiaPechstein_C_RogerHagmannZiehen Sie Ihren Kampfgeist nur aus dieser Auseinandersetzung?
Den Kampfgeist habe ich immer schon, das kann man, glaube ich, auch nicht groß lernen. Klar habe ich auch mal Phasen, in denen ich mich ein bisschen mehr zurücklehne. Aber wenn es drauf ankommt, dann überwinde ich meinen inneren Schweinehund. Trotzdem hat sich diese Agressivität seit den Dopingbeschuldigungen schon sehr gesteigert. Jeder, der unschuldig verurteilt ist, versteht, dass man diesen Kampf einfach aufnehmen muss. Denn wenn ich nicht weiterkämpfe, dann hab ich schon verloren. Ich kämpfe so lange, bis ich gewonnen habe – oder tot bin. Das ist irgendwie mein Motto. Denn was mir da widerfahren ist, ist einfach unfassbar. Es gibt mittlerweile Hämatologen von Berlin bis München, von Amsterdam bis Zürich und von Mailand bis Boston, die sich mit dem Fall beschäftigen und die schwarz auf weiß bescheinigen: Es ist eine Blutanomalie, die meine schwankenden Retikulozytenzahlen verursacht. Ich habe sie von meinem Vater geerbt. Aber die Funktionäre vom Weltverband sagen: Na ja, jetzt ist es halt zu spät, das Urteil steht im Raum. Trotz neuer Beweismittel kann man in der Sportschiedsgerichtsbarkeit den Fall nicht mehr aufrollen. Das ist einfach unglaublich. Mein Kampf wird sicherlich noch eine Weile dauern, vielleicht sogar noch lange bis nach meinem Karriereende.

Auch Leute wie der Läufer Dieter Baumann haben nach Dopingvorwürfen darum gekämpft, ihre Unschuld zu beweisen.

...LESEN SIE WEITER IN TIP 04/2012 AB SEITE 12

Interview: Eva Apraku
Fotos: Roger Hagmann

Claudia Pechstein „Von Gold und Blut. Mein Leben zwischen Olymp und Hölle“,
Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2010, 19,95 €

Eisschnelllauf-Weltcup
Eisschnelllaufhalle Sportforum, Konrad-Wolf-Straße 39, Hohenschönhausen,
9.-11.3.,
www.eissport-berlin.de

 

 
von  tip-Redaktion
Veröffentlicht: 06.02.2012 , Zuletzt aktualisiert: 06.02.2012
tip Ausgabe 12/2012

tip Ausgabe 12/2012

Touristen in der Stadt: Pro und Kontra || Jüdisches Filmfest || Arbeitswut bei Martin Wuttke || Machtkampf bei der SPD: Stöß gegen Müller || Spezial: Weiterbildung.

Tip Top Ten: Am häufigsten gelesen