Interview mit Simon Halsey über das Singen im Chor

Interview mit Simon Halsey über das Singen im Chor  

SimonHalseySingen macht glücklich. Im Chor zu singen, ist längst nicht mehr nur ein Vergnügen für ältere Herrschaften in Kirchenchören oder Geschmacksverwirrte in Fischer-Chören. Chorgesang ist dabei, hip zu werden. Eine schwer sympathische Berliner Massenbewegung ist er schon. Das nächste große Ding: Sing! Rund 60 000 Berliner geben sich in gut 2 000 Laien-Chören den Freuden des Gesangs hin – vom lässigen Berliner ­Kneipenchor (Foto) bis zum Schwulen-Chor Männer-Minne. Das Festival Chor@Berlin im Radialsystem findet von Jahr zu Jahr ein größeres Publikum, und wenn Star-Dirigent Simon Halsey mit dem Rundfunkchor auftritt, ist die Philharmonie schnell ausverkauft. Zeit für einen Rundblick auf Berlins Chorszene – von der Hochkultur bis zum Kneipenchor

Der Brite Simon Halsey, der Leiter des Rundfunkchors Berlin, ist einer der berühmtesten Chordirigenten der Welt. Seine Klassik-CD-Aufnahmen werden in schöner ­Regelmäßigkeit mit dem Grammy ausgezeichnet. Dafür, dass das Chorsingen in Berlin zu einer Massen­bewegung geworden ist, hat er eine Menge getan: Wenn er in der ­Philharmonie mit Begeisterung ­Laien-Chöre dirigiert, singen Tausende mit. Wir haben Simon Halsey zum Gespräch getroffen und uns mit ihm über das Chorsingen als Droge und Massenbewegung unterhalten

Herr Halsey, angeblich macht Singen glücklich. Können Sie als Chor-Profi uns bitte erklären, was beim Singen psychologisch abläuft?
SIMON HALSEY
Wer gut singt, atmet gut. Man wird Energie los und tankt zugleich neue auf. Man arbeitet hart und empfindet die Sache trotzdem wie ein Geschenk. Man schwingt halt im selben Takt. Gestern um 10 Uhr in Birmingham kamen alle ängstlich und ein bisschen nervös zur Probe. Vier Stunden später zogen sie enthusiastisch wieder von dannen. Es ist eine Begeisterungsmaschine. Eine ganz körperliche Angelegenheit.

Chorsingen ist ein Trend und eine Massenbewegung geworden. Woran liegt das?
Es gibt tatsächlich weltweit eine Renaissance der Chormusik. Das liegt daran, dass Chorsingen „social“ ist. Die Leute wollen zusammen sein und etwas gemeinsam tun. Nicht nur die ganze Zeit allein hinterm Computer sitzen. Wir alle suchen Kontakt, und dafür sind Sport und Musik besonders geeignet.

ist das gemeinsame Singen im Chor erfolgreicher als Instrumentalmusik?
Weil man im Chor singen kann, ohne zuerst fünf Jahre Unterricht zu nehmen. Man kann am Montag entscheiden, dass man am Dienstag anfangen will. Ich habe zum Beispiel gestern Abend in Birmingham ein großes Mitsingkonzert dirigiert. Da waren viele dabei, die 15 Jahre alt waren. Und etliche über 80. Es ist ein Hobby für alle.

Woran machen Sie selber diese Erfolgsgeschichte fest?
Daran, dass ich überall hin eingeladen werde. Ich habe in Neuseeland und in Australien, in Südafrika und in fast allen europäischen Ländern Chöre dirigiert. Interessant ist, dass das Singen die jeweiligen Traditionen neu miteinander verknüpft. In Neuseeland entdecken die Menschen wieder die einheimische Tradition der Maoris. Es gibt dort einen Jugendchor auf Weltklasse-Niveau – mit 20 bis 30 Prozent Maoris. In Australien gibt es ähnliche Entwicklungen mit den Aborigines. In Südafrika hat sich Rainbow Nation vom ersten Tag an im Singen zusammengefunden. Wir in Deutschland tun auch Ähnliches, wenn wir deutsche Volkslieder mit Gospel oder Rap mixen. Das sind viele neue Chancen.

Ist Chorsingen tatsächlich so etwas wie Sport?
Der Vergleich ist jedenfalls nicht schlecht. Ich bin jetzt 55 Jahre alt und spiele gern Fußball, wenn auch nur langsam und nicht sehr gut. Mein Sohn ist 23 und viel fitter. Er spielt eine Stunde lang, während ich schon nach zehn Minuten müde werde. Mein Vater ist 83. Er kann kein Fußball mehr spielen. Aber er dirigiert immer noch einmal die Woche den Chor. Wenn ich 65 Jahre alt bin, werden sich 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung im Ruhestand befinden. Gut, dass überall Senioren-Chöre gegründet werden.

Welches sind die wichtigsten Formate, mit denen Sie die Entwicklung befördert haben?
Zum Beispiel ein Projekt wie „Sing!“, mit dem der Rundfunkchor Berlin in zehn Berliner Grundschulen gegangen ist. Da geht es nicht darum, Chöre zu gründen, sondern alle zum Singen zu bringen. Es ist leichter als miteinander zu reden. Kommunikationsprobleme kommen nicht auf. Ich finde Chorgesang übrigens auch als ‚Aufwecker‘ sehr gut. In Skandinavien fängt man in der Schule an zu singen, wenn die Schüler nach einer halben Stunde müde werden. Singen sollte Teil des Alltagslebens sein. Nicht nur für eine Stunde pro Woche.

MitsingkonzertWorin besteht der Unterschied zwischen britischen und deutschen Chorsängern?
Wir haben in England ein ziemliches Interesse an Präzision, denken aber nicht viel über den Chor-Klang nach. Die deutschen Ensembles sind dagegen besonders für ihren Klang berühmt. Auch der amerikanische Einfluss ist in Großbritannien viel stärker. Wir singen auswendig, es gibt Bewegung oder Tanz. Man endet mit Popsongs. Auch davon wollte ich ein Stückchen auf Berlin übertragen. Wie zum Beispiel beim „Human Requiem“ nach Brahms, mit der Tanzcompagnie von Sasha Waltz.

Können Sie sich an Ihr erstes Mal bei einem Massenchor-Event erinnern?
Die britische Queen feierte 1977 ihr 25. Thronjubiläum. Ich war damals Student am King’s College in Cambridge, und wir führten „Music for Royal Occasions“ auf. Mit 500 bis 600 Musikern. Für die Werke von Hubert Parry hatten wir 42 Trompeten. Ich erinnere mich auch an eine „Schöpfung“ von Joseph Haydn mit drei Orchestern und drei Chören. So wie man es 1810 in der Westminster Abbey geplant hatte – mit Haydn als Dirigent. Er war nur kurz vorher gestorben, sodass das Projekt erst 175 Jahre später nachgeholt werden konnte. Wir probten um Mitternacht, weil die Profi-Musiker erst dann frei waren. War das toll!

Klassik-Puristen und Hochkultur-Snobs könnten ihre Schwierigkeiten mit Aufführungen haben, in denen Sie riesige Laien-Chöre dirigieren. Finden Sie nicht, dass z.B. Händels „Messiah“, wenn man es, wie Sie, mit fast 1 300 Mitwirkenden aufführt, eine etwas absurde Sache ist?
Überhaupt nicht! Händel selbst hat zu seiner Zeit Chöre mit 900 Sängern dirigiert. Auch Haydn hat Aufführungen mit 900 Chorsängern erlebt und daraufhin die „Schöpfung“ und „Die Jahreszeiten“ komponiert. Mendelssohn lud man im 19. Jahrhundert nach Birmingham ein, wo er eine Händel-Aufführung mit 300 Mitwirkenden hörte. Er hat deswegen „Elias“ komponiert. Das ist alles durchaus nicht absurd. Es ist einfach eine ungeheure Energie im Raum, wenn über tausend Mitwirkende das „Hallelujah“ singen. Warum also nicht? Übrigens tue ich derlei nur ein bis zwei Mal im Jahr. Unser Ziel ist, wunderbar zu sein. Egal in welcher Größe.

Können Sie erklären, was Manager dazu bringt, in dem von Ihnen initiierten Berliner „Leader-Chor“ zu singen?
Bei diesen Managern handelt es sich um Menschen, die ständig unterwegs sind, heute in Japan, morgen in London, übermorgen in Buenos Aires. Sie können nicht jede Woche dienstags eine Chorprobe besuchen. Vier Tage am Stück können sie aber einrichten. Es ist wie Urlaub für sie. Und das muss für ein ganzes Jahr halten.

Und Ihr eigenes Interesse am Manager-Chor?
Wir müssen mehr Arbeit in der Community tun! Wir brauchen die Leute, die Einfluss haben. Kontakt zu Politikern. Zu Sponsoren, zu Förderern in der Zukunft. Deswegen haben wir auch im Bundestag gesungen. Ich bin da ganz ehrlich. Wir brauchen Bündnisse.

Chorleiter haben meistens, anders als etwa große Orchester-Digirenten, ein bisschen die Ausstrahlung von Herbergsvätern. Warum?
Weil man als Chorleiter viel enger eingebunden ist als bei einem Orchester. Man probt mehr. Vor allem musiziert ein Chorsänger mit seinem ganzen Körper. Daher ist es für mich wichtig zu wissen, ob es gut geht mit dem Ehemann oder mit der Ex. Ich bin bereit, Teil eines Teams zu sein. Und muss es. Übrigens muss ich auch viel mehr reden, als Dirigenten es tun. Chorsänger wollen immer genau wissen, warum man etwas von ihnen will.

Sie sind kurz vor Simon Rattle aus Birmingham nach Berlin gekommen. Bleiben Sie länger als er?
Mein Vertrag geht bis 2016. Dann werde ich fast 16 Jahre in Berlin sein. Ich war überrascht, dass Rattle nicht über 2018 hinaus verlängern will. Ehrlich gesagt: In der Chor-Welt planen wir nicht so weit im Voraus. Ich liebe Berlin und meine Arbeit hier. Ich wohne auch jeweils ein halbes Jahr in Berlin. Ich sehe es nicht so, dass meine Arbeit, wenn Rattle­ geht, hier automatisch vorbei wäre. Die Zusammenarbeit mit ihm fing übrigens schon viel früher an, vor 31 Jahren. Wir sind untrennbar, fast wie Geschwister. Nur mit dem Vorteil, dass wir eben weder verwandt noch verheiratet sind.

Gibt es Erkenntnisse darüber, wie viele Ehen und Partnerschaften in Ihren Projekten gestiftet wurden?
Ziemlich viele jedenfalls! In Birmingham ist es uns relativ oft passiert, dass sich die Leute im Chor kennenlernten, heirateten und den Chor wegen der Kinder wieder verließen. Dann gingen die Kinder aus dem Haus. Und die Paare kamen wieder. Das nenne ich Nachhaltigkeit in der Partnerschaftsvermittlung.

Haben Sie auch Ihre eigenen Kinder zum Chorsingen bekehrt?
Mein Sohn hat im Domchor gesungen und später in Oxford. Jetzt arbeitet er für den Verlag Faber Music in London. Er hatte schon als Kind den Wunsch, kein Profi-Sänger zu werden. „Man ist nie zu Hause“, meinte er. „Ich will ein Wochenende!“ Meine Tochter hat immer im Chor gesungen und ist anschließend Lehrerin geworden. Sie singt nicht mehr im Chor. Bei ihr singen die anderen.

Für Ihr nächstes Berliner Mitsingkonzert im Januar 2014 beginnt der Vorverkauf am 1. März um 7 Uhr früh. Letztes Mal war das Ganze innerhalb von 35 Stunden ausverkauft. Woher ein solcher Run?
Es ist halt eine knackige Sache. Und fast alle, die einmal dabei waren, wollen wiederkommen. Sie kommen oft in Gruppen. Ich bin stolz darauf! Die Leute haben irgendwie Spaß daran.

Interview: Kai-Luehrs-Kaiser
Fotos: Matthias Heyde

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 28.03.2013

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