Interview über den Prinzessinnengarten in Kreuzberg

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Interview über den Prinzessinnengarten in Kreuzberg  

Wo fängt man an, wenn man einen Garten mitten in der Großstadt anlegen will?
ROBERT SHAW Wir mussten erst einmal aufräumen. Als wir im Juni 2009 zum ersten Mal über die Brachfläche am Moritzplatz liefen, lag da unglaublich viel Müll. Also haben wir öffentlich zum gemeinsamen Müllwegräumen aufgerufen. Das war ja jetzt nicht unbedingt ein attraktives Angebot, wir haben mit etwa 15 Leuten gerechnet. Am Ende kamen dann ungefähr 150 Leute, innerhalb von drei Stunden waren knapp 2,5 Tonnen Müll weg. Das war ein guter erster Tag für den Garten.

Da sich ja scheinbar lange niemand für das Grundstück inte­ressiert hat, war es bestimmt einfach, die Brache für ein Garten­projekt zu bekommen.
Nein, überhaupt nicht. Man denkt ja, wenn auf so einer Brachfläche 50 Jahre lang nichts passiert, müsste der Besitzer doch froh sein, dass jemand dort etwas Sinnvolles machen will und auch noch Miete zahlt. Aber so ist das nicht, denn Brachflächen sind Spekulationsobjekte. Acht Monate mussten wir verhandeln, bis wir endlich den Mietvertrag bekommen haben und anfangen konnten.

Werden Sie und Ihre Mitarbeiter heute von der Stadt unterstützt?
Wir bekommen ganz viel Wertschätzung in Form von Schulterklopfen. Aber die konkrete Hilfe bleibt in wichtigen Punkten aus. Die beste Unterstützung wäre es, wenn die Stadt anerkennen würde, dass der Prinzessinnengarten ein wertvolles Projekt ist und wir zumindest mal die Erlaubnis bekämen, fünf Jahre an einem Ort zu bleiben. Bisher fehlt uns jede Planungssicherheit: Wir haben zuerst nur Mietverträge für ein Jahr bekommen, dieses Mal für zwei Jahre. Dabei sind wir mittlerweile auch ein Unternehmen, wir haben Angestellte und leisten wichtige soziale Arbeit mit Jugend- und Nachbarschaftsprojekten. Da wäre es schon nett zu wissen, ob wir in zwei Jahren noch eine Fläche haben, um all das auch fortführen zu können.

Woher kommt die Idee des Urban Gardening? Eine Berliner Erfindung ist das ja nicht.
Das ist eigentlich ein Import aus Kuba. Dort betreiben die Leute urbane Landwirtschaft, um sich selbst zu versorgen. Ich habe dort als Student ein Jahr verbracht und war fasziniert von dieser Idee. Ich kam dann mit der Frage zurück, ob und wie so etwas auch in Berlin machbar wäre. Daraus ist schließlich in einem langen Prozess vor drei Jahren der Prinzessinnengarten entstanden.

Wie sieht es heute im Prinzessinnengarten aus?
Heute stehen hier 4 000 Kisten und 600 Säcke als Beete, acht ausgebaute Container mit einer Küche und einer Bar, und es sind vor allem Leute da! Sehr viele verschiedene Leute, die aus den unterschiedlichsten Gründen kommen: Manche wollen einfach mal gucken, aber viele wollen auch mitgärtnern. Bei uns hat niemand ein eigenes Beet, wir gärtnern alle gemeinsam, jeder, der Lust hat, kann mithelfen. Und die Idee der Selbstversorgung aus Kuba, die haben wir auch in unserem Garten: Das Gemüse, das wir anbauen, wird gleich im Garten­café verarbeitet.

Was erwartet die Leute, die einfach mal so im Garten vorbeischauen wollen?
Das kommt darauf an – der Ort lässt es zu, dass man ganz individuell bestimmt, was man hier tun will: Man kann einfach nur ein Bier trinken und ein ziemlich leckeres Essen genießen, man kann mitarbeiten oder auch ein eigenes Projekt entwickeln. Der Garten ist auch ein guter Ort, um sich auszutauschen, nicht nur übers Gärtnern. Eine Art Nachbarschaftstreff im Grünen, ein Ort zum gemeinsam Lernen.

Sie und Ihre Mitarbeiter machen sehr viel Netzwerkarbeit: Sie stellen das Konzept an vielen Orten vor und berichten von Ihren Erfahrungen. Welche Überzeugungen stecken hinter dem Prinzessinnen­garten?
Es geht natürlich nicht nur da­rum, dass man hier Gemüse pflanzt, so lecker das auch ist. Es gibt auch die agrarpolitische Seite. Wenn du hier zum Beispiel ein Radieschen pflanzt und siehst, wie viel Mühe dahinter steckt, eine einzige Pflanze hochzuziehen, dann fragst du dich, warum beim Discounter ein Bund mit 24 Stück so wenig kostet. Der Prinzessinnengarten wirft ganz viele solcher Fragen auf. Im Kern geht es eigentlich darum: Wie wollen wir im 21. Jahrhundert in der Stadt leben?

Anfang April ist das Buch „Prinzessinnengärten – Anders gärtnern in der Stadt“ erschienen.Geht es darin auch um die Frage, wie wir leben wollen?
Ja, das ist eine der zentralen Fragen in unserem Buch. Insgesamt ist das Buch aber einfach eine schöne Mischung, genau wie unser Garten. Es gibt Gartentipps und Pflanzenporträts, man findet Infos über unsere Art zu gärtnern, einen Gartenkalender und viele Rezepte. Es gibt aber auch Texte zu all den Dingen, die drumherum stattfinden: zum Beispiel, als wir im Herbst 2010 für das Festival Life Science and Urban Farming in wenigen Tagen das Hebbel-Theater in einen Garten mit Gewächshaus und Komposthaufen verwandelt haben. Oder über unsere Zusammenarbeit mit Jugendlichen. Ich bin selber immer noch erstaunt darüber, dass man diese Vielfalt tatsächlich in ein Buch packen kann. Es ist eine sehr schöne Sammlung von all den Dingen geworden, die im Prinzessinnengarten eine Rolle spielen.

In Berlin gibt es ja genügend Freiflächen, die man als Gemeinschafts- oder Nachbarschaftsgärten nutzen könnte, etwa viele der Berliner Hinterhöfe, um die sich meist niemand kümmert. Was braucht man denn, wenn man in der Großstadt lebt und seinen eigenen Salat ernten will?
Man braucht eine Fläche, die mindestens fünf Stunden am Tag Sonne hat. Ob die auf dem Balkon, im Hof oder im Vorgarten ist, spielt keine Rolle. Außerdem braucht man einen guten, gesunden Boden, am besten in einem eigenen Behälter, denn im normalen Stadtboden sind meistens Schwermetalle. Wenn man dann noch Zeit hat, um die Pflanzen regelmäßig zu pflegen und zu bewässern, dann kann man sich problemfrei Gemüse in der Stadt ziehen. Wie man das genau organisiert, kann man alles in unserem Buch lesen.

Haben Sie vorab schon ein paar praktische Tipps, was man jetzt am besten anpflanzt? Vielleicht auch für Leute, die jetzt gerade ihren Balkon fertig machen für den Sommer.
Wenn man jetzt drinnen auf der Fensterbank Tomaten pflanzt, ist man gut dran. Draußen geht alles, was nicht frostempfindlich ist. Man kann natürlich jetzt schon die meisten Arten von Salaten säen, ebenso Wurzel­gemüse wie Karotten, Rettiche, Radieschen oder alle Zwiebel­gewächse.

Interview: Sven Stienen
Fotos: David von Becker

nomadisch Grün (HG.): „Prinzessinnengärten – Anders Gärtnern in der Stadt“
Dumont, 247 Seiten, 29,95 €

Prinzessinnengarten
Prinzessinnenstraße 15, am Moritzplatz, Kreuzberg,         
Gartenarbeitstage: Do 15–18 Uhr, Sa 11–14 Uhr
Gartenpatenschaft: kleine Patenschaft: pro Jahr 55 €, große Patenschaft: pro Jahr 275 €

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http://urbanacker.net 

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 14.02.2013

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