Street Lights: Das Medienfassaden Festival zeigt die Chancen und Risiken interaktiver Gebäude-Architektur
Leuchtende Blumen bringen Bürohäuser zum Wachsen und Welken, überdimensionale Augenpaare blicken von sechs Stockwerken herunter, Wolken ziehen über Gebäude. Leuchtende Fassaden spielen eine immer größere Rolle in der Architektur. Kombiniert mit einem Internetportal reagieren diese Medienfassaden zum Beispiel auf Wind, Licht und Geräusche wie der Tower of Winds in Yokohama (Japan). Sie können aber auch für interaktive Botschaften und Spiele genutzt werden wie das Haus des Lehrers. Dort animierte der Chaos Computer Club vor fünf Jahren auf der Fensterfront den Computer-Klassiker Pong. Diese "Blinkenlights" genannte Aktion gilt heute als Schlüsselprojekt für die künstlerische Entwicklung von Medienfassaden. Im Gegensatz dazu stehen überdimensionale digitale Litfasssäulen zum Beispiel am Times Square, die zu Werbezwecken genutzt werden.
Mit den Chancen, aber auch Risiken dieser neuen technisch-architektonischen Entwicklung beschäftigt sich das Medienfassaden Festival. Während einer Konferenz werden Architekturtheoretiker die Gefahren einer totalen Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes erörtern, aber auch die Möglichkeiten von Kunst und Interaktion – etwa wenn Fassaden beginnen, eine Persönlichkeit zu entwickeln und mit Menschen zu kommunizieren. So etwas funktioniert bereits im New Yorker Rockefeller Center. Dort reagieren die Scheiben einer interaktiven Ladenfront auf Berührung und Sprache.
Begleitet wird die Konferenz von einer Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum. Dort sind in acht doppelseitigen Leuchtkästen Gebäude zu sehen, deren Oberflächen sich permanent verändern. Über eine digitale Haut verfügt zum Beispiel die Allianz Arena in München oder das Kunsthaus in Graz. Dessen Außenhülle, entwickelt von der Berliner Architektengruppe realities:united, besteht aus 930 Leuchtstofflampen und kann Filme und Animationen realisieren. Darüber hinaus zeigen Installationen und
Videos aktuelle Entwicklungen in Design und Technik von Medienarchitekturen. Hauptteil des Festivals sind vier Berliner Medienfassaden. Die sogenannten "Urban Screenings" sind ab dem 17. Oktober in der Stadt zu sehen. Der Schöneberger Gasometer wird leuchten. Ebenso die O2 World, das Collegium Hungaricum und das SAP-Gebäude in der Rosenthaler Straße. Zwei Wochen lang bespielen 24 Berliner Künstler diese Medienfassaden. Über interaktive City-Terminals hat man sogar selbst die Möglichkeit, an der leuchtenden Gestaltung mitzuwirken. Ziel des Medienfassaden Festivals ist es, eine neue Infrastruktur für die digitale Künstlerszene zu schaffen.
Doch der weltweite Trend zur großformatigen digitalen Ornamentik hat nicht nur Förderer, sondern auch Kritiker. So führte die Lichtkunst bereits zur Gründung einer "Initiative gegen Lichtverschmutzung", die sich für die natürliche nächtliche Dunkelheit einsetzt und Gesetze für zeitlich begrenzte Beleuchtungen und energiesparende Lampen fordert. Weltweit betrachtet, sind europäische Lichtquellen aber nichts im Vergleich zum Lichtermeer zum Beispiel in Dubai. Dort entsteht gerade ein Hochhaus, dessen Fassade komplett mit LEDs ausgestattet ist. Das heißt, der 100 Meter hohe und 20 Meter breite Riesenbildschirm wird noch in kilometerweiter Entfernung in der arabischen Wüste zu sehen sein.
Text: Britta Geithe
Medienfassaden Festival
Ausstellung: Do 16.10. bis Fr 12.12.,
Deutsches Architektur Zentrum (Scharoun-Saal)
Di-Fr 12-19 Uhr, Sa+So 14-19 Uhr
Eintritt frei
Konferenz 17.-18.10., ganztägig
Deutsches Architektur Zentrum (Taut-Saal), 70 €/Tag
Anmeldung und Programm unter www.mediaarchitecture.org/mediafaces2008/conference
Urban Screenings Fr 17.10.-3.11.,
Multimediascreen: SAP, Rosenthaler Straße 30, Mitte;
Riesenscreen: O2 World, Mühlenstraße 12-30, Friedrichshain;
Nightscreen: Gasometer Schöneberg, Torgauer Straße;
Kulturfenster: Collegium Hungaricum, Dorotheenstraße 12, Mitte;
Interaktive Schnittstelle:
65 Wall-Terminals in der Stadt, z.B. vor dem Collegium Hungaricum
BILDERGALERIE ZUM FESTIVAL OF LIGHTS