Neukölln im Aufbruch

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Neukölln im Aufbruch  

freiesneukoellnSpekulanten, Alteingesessene und neu Zugezogene handeln gerade die Zukunft des Bezirks aus. Am Anfang hatten sie noch gedacht: Neukölln? Wirklich? War die Idee, die sie für einen eigenen Laden hatten, nicht eher etwas, das nach Mitte passte? Aber die Räume in der Sanderstraße waren wie gemacht für Tasha Arana und Diana Durdic: zwei Eingänge, einer für das Café, einer für den Vintage-Store. Und dann der niedrige Preis! Sie unterschrieben den Mietvertrag. Drei Monate schufteten sie. Rissen die Decke raus und entdeckten darunter wunderschönen Stuck. Schleppten Kisten voller alter Pornobilder aus dem Keller – vorher war hier ein Erotik-Call-Center mit Fotostudio darunter.

Tasha Arana und Diana Durdic sind das neue Neukölln. Zwei Mädchen Ende 20 mit einer Idee und wenig Kapital. Die bis vor Kurzem nicht viel mehr wussten über die Gegend, als dass sie irgendwie hip ist, jung und kreativ, arm zwar, aber dass sich das gerade ändere. Dass die Stimmung ein bisschen so sein soll wie im New York der 80er. Tasha Arana kniet vor einem Mädchen, das gerade einen geblümten Rock anprobiert, steckt den Saum mit Nadeln ab. Sie ändert die Kleider gleich, wenn etwas nicht passt. Nach sechs Monaten im Sing Blackbird sagt Tasha: "Die Hässlichkeit wächst dir ans Herz." Aber es dauerte nicht lange, da klebte auf der Tür zu ihren Toiletten auf einmal dieser Aufkleber: "You are Kiezkiller."

Man kommt derzeit kaum hinterher. Nahezu im Wochentakt machen neue Bars in Neukölln auf. Selbst gestandene Mitte-Leute kommen, zuletzt übernahm Weekend-Besitzer Marcus Trojan das Pigalle in der Sanderstraße, das ehemalige Bordell bekam ein minimalistisches Innendesign. Und die ersten Anwohner halten es nicht mehr aus. Am Maybachufer ist der Türkenmarkt zur Touristenattraktion geworden. Seit ein paar Monaten gibt es einen dritten Markttag. Für manche unerträglich. Ihnen reichte der Trubel vor der Tür. Sie klagen jetzt. Die ersten Vermieter wollen ihre Mieten erhöhen, dreist, um 80 Prozent. Am Haus in der Fuldastraße 31/32, direkt am Weigand­ufer, beste Lage, haben die Leute mit wütendem Pinselstrich gemalte Transparente an die Fassaden gehängt: "Gegen Aufwertung und Verdrängung". Ein Protestmarsch zog am 1. Mai über den Hermannplatz: "Mieten stoppen".

Die Angst geht um in Neukölln. Man liest darüber an den Häuserwänden, "Kreuzkotze" prangt in fetten weißen Lettern auf einem Dach am Paul-Lincke-Ufer, gut zu lesen für alle, die am Kanal entlangflanieren. "Yuppiepack verpiss dich aus Neukölln!" ist an eine Hauswand in der Weserstraße gesprüht, nicht zu übersehen für jeden, der nachts aus dem Ä stolpert oder aus dem Tier gegenüber.

Flannierstraße statt Pannierstraße, so hat ein Künstler im vergangenen Sommer die Straßenschilder vor dem Freien Neukölln überklebt. Matthias Merkle hat die Bar 2005 zusammen mit Antje Borchardt eröffnet, weil sie ein Lokal wollten, in das sie selbst gern gehen würden. Gutes Bier, guter Kaffee, gutes Essen. Zu dem Zeitpunkt lebten sie schon eine Weile dort, waren von Kreuzberg nach Neukölln gezogen, weil sie wieder in einem "normalen Kiez" wohnen wollten, wie Merkle sagt. Er hat gerade einen Teller mit selbst gemachten Bandnudeln in öligem Pesto vor einen Gast gestellt. Jetzt wischt er sich die Hände an der Schürze ab und zündet sich eine Zigarette an. "Neukölln ist für mich der Bezirk, wo sich Berlin am meisten wie eine Großstadt anfühlt", sagt er. Die billigen Call-Shops auf der Karl-Marx-Straße, Imbisse, in denen der Döner nur einen Euro kostet, die Ramschläden, das babylonische Sprachgewirr auf den Straßen, Türken, Araber, Libanesen, Vietnamesen. Deutsche. Dreihunderttausend Einwohner. Arbeitslose, Junkies, Straßengangs. Ein Bezirk, der andere Sorgen hat als die nächste Party oder die nächste Semesterarbeit.

Neukölln war immer ein raues Pflaster. Kaiser Wilhelm II hatte den Stadtteil 1912 einst so nennen lassen, um den schlechten Ruf von Rixdorf, dem historischen Kern des heutigen Neuköllns, vergessen zu machen. Rixdorf war ein Arbeitermoloch, Amüsierviertel für die ärmeren Bevölkerungsschichten, eine Hochburg der Kleinkriminellen. "Schmuddelviertel" nannte man es damals. "Problemkiez" heißt es heute. Und jetzt wird Neukölln auch noch gentrifiziert. Der Sozialwissenschaftler Andrej Holm von der Humboldt-Universität beo­bachtet den Bezirk schon lange. Vor vier Jahren warnte er bereits, dass sich die Gentrifizierung hier in "Lauerstellung" befinde. Heute sagt er: "Im Vergleich zu Prenzlauer Berg oder Friedrichshain ist Neukölln immer noch in der Startphase." Dann erklärt er noch einmal: "Der Kern von Gentrifizierung ist die ökonomische Aufwertung bisher preiswerter Grundstücke, Gewerberäume und Wohnungen."

Den Kiez aufwerten. Hat Matthias Merkle nicht genau das mit dem Freien Neukölln gemacht? Im Erdgeschoss an der Pannier- Ecke Weserstraße war seit den 20er-Jahren eine Kneipe, Otto's Bierhaus hieß sie zuletzt, dann blieb sie ein Jahr lang geschlossen, bis Merkle die Räume entdeckte. "Wir wollten nur eine neue Eckkneipe", sagt er. So wie das Tellstübchen einige Blocks weiter auch mal eine gewesen sein muss, damals in den 70ern, ehe das Publikum alt und die Barhocker speckig wurden. "Wir fühlten uns in dieser Tradition." "Szenelokal", sagt er, wenn er vom Freien Neukölln spricht. Und die Szene – das waren sie. Ihre Adresse hieß am Anfang "Pannierstraße", denn die Weserstraße war bedeutungslos. Eine schmale Einbahnstraße, Kopfsteinpflaster, das die Zeit zu Wellen geformt hat, großflächig mit dunklem Teer geflickt, wo die Schlaglöcher allzu tief waren. Merkle drückt seine Zigarette aus, zieht die Augenbrauen hoch und sagt: "Es ist schön hier." Bäume säumen die Straße. Wie durch einen grünen Tunnel verlässt man den lärmigen Hermannplatz. Die Weserstraße ist eine Straße, auf der die Schritte langsamer werden.

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 27.05.2011

tip Ausgabe 11/2016

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