
Neukölln
Wer schon immer mal wissen wollte, ob er für den anstrengenden Beruf des Terroristen geeignet ist, konnte dies neulich in Neukölln bei einem besonderen Casting herausfinden. In der Jury saßen eine Soziologie-Professorin, ein ehemaliges PLO-Mitglied und ein fiktiver Geldgeber. Die Casting-Teilnehmer mussten sich Stroboskopblitzen, geheimdienstartigen Verhörmethoden und anderen Strapazen stellen, bevor der robusteste Kandidat zum Sieger ernannt wurde. Das Terroristencasting hat sich Sebastian Backhaus ausgedacht, der Betreiber der PoPo Bar, wo in unregelmäßigen Abständen Konzerte und Kunstperformances stattfinden. Backhaus hat es sich zum Ziel gesetzt, Tabus zu brechen und das Publikum bei seinen Aktionen auf irritierende Weise mit einzubeziehen.
Die PoPo Bar ist nur einer von zahlreichen Orten im nördlichen Teil von Neukölln, in denen seit einiger Zeit wild mit künstlerischen und musikalischen Ausdrucksformen herumexperimentiert wird. Das Quartier ist zum Spielplatz einer internationalen Avantgarde geworden, die sich über die Regeln des etablierten Kulturbetriebs hinwegsetzt und ihr eigenes Ding macht. Bei seinen Recherchen in der Gegend zwischen Schönleinstraße und Rathaus Neukölln sind tip-Autor Jacek Slaski einige charakteristische Merkmale aufgefallen, die das heutige Neukölln mit New Yorks Lower East Side in den späten 70er und frühen 80er Jahren verbinden. "Der Bezirk liegt zentral und hat neben den günstigen Mieten und dem Leerstand eine ungestüme Energie und einen spannenden schlechten Ruf zu bieten", schreibt er in unserer Titelgeschichte. Mit ihrer Experimentierfreude und ihrem radikalen Nonkonformismus haben Künstler und Musiker der Lower East Side die amerikanische Kultur nachhaltig beeinflusst. Ein ähnliches Potenzial sieht Slaski nun auch im Norden von Neukölln heranwachsen.
Dass die Durchmischung der Gegend nur gut tun kann, glauben auch die beiden Filmemacher Agostino Imondi und Dietmar Ratsch, die bei der Berlinale für ihr Projekt "Neukölln Unlimited" ausgezeichnet wurden, einer Dokumentation über drei Neuköllner Geschwister, die seit Jahren gegen die Abschiebung ihrer Familie kämpfen. "Wenn Neukölln als irgendwie hip gilt", sagt Ratsch im Gespräch mit dem tip, "kann das dem Image des Bezirks nicht schaden."
Heiko Zwirner
P.S.: Das in der letzten Heftvorschau angekündigte Fahrrad-Booklet haben wir auf die Ausgabe 9/2010 verschoben, die Mitte April an den Kiosk kommt.
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