Touristen in Berlin: Wirtschaftsfaktor & Ärgernis?

Touristen in Berlin: Wirtschaftsfaktor & Ärgernis?  

LAUTSTARKE DISKUSSIONEN

Touristenhasser sind zum Glück eine Randerscheinung, doch immer mehr Berliner ärgern sich über grölende Horden, träge Massen und Bike-Touren, die ganze Straßen unpassierbar machen. Wohin geht die Reise für Berlin?

Freitagabend auf der U-Bahnlinie 1 Richtung Warschauer Straße: Um Mitternacht sind am Schlesischen Tor die Dönerläden und Lokale zu, am vollen Taxistand nicken die Fahrer langsam weg. Die Oberbaumbrücke verwaist, die Simon-Dach-Straße totenstill, in den Kneipen werden die Lichter ausgeknipst. Am Frankfurter Tor steigt man in die menschenleere M10, auch an der Eberswalder Straße rührt sich nichts mehr.
Friedhofsruhe, das wäre das Berliner Nachtleben ohne Touristen: keine zu späten Stunden klackernden Rollkoffer, keine Großgruppen angeschickerter Teenager auf Schulreise, keine enthemmten Spontanpartys in der Tram. Keine Schlangen vorm Berghain, halbleere Konzerthallen, Kneipensterben aller­orten. Ob das Schreckensvision oder süße Utopie ist, bleibt dabei eine Frage der Per­spektive.

Die Diskussionen über den Tourismus in Berlin werden hitzig, lautstark und oft unversöhnlich in wechselnden Allianzen geführt. Jeder hat seine Gründe, es gibt Ängste und Unsicherheiten.
Die Zahlen sind dabei eindeutig: Mehr als 9 Millionen Besucher („Ankünfte“) kamen 2011 nach Berlin, es gab 22 Millionen Übernachtungen im Beherbergungsgewerbe – den Hotels, Hostels und Pensionen der Stadt. In diesem Jahr werden es wohl noch mehr werden, die Daten für die ersten drei Monate deuten für 2012 ein weiteres Plus an, das Wachstum scheint grenzenlos. Für die Stadt sind die Besucher zum wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden, eine Studie veranschlagte für 2008 die tourismusbedingten Umsätze auf knapp neun Milliarden Euro.
Diese imposante Summe wird auch heute oft und gerne benutzt: Jede Großveranstaltung, ob Messe oder Festival, Karneval der Kulturen, Fashion-Week, Berlinale oder Gerhard-Richter-Ausstellung, wirbt mit ihren Besucherzahlen und den tatsächlichen oder angeblichen Mehreinnahmen, die so nach Berlin geholt werden. Doch der Tourismus sorgt in der Stadt nicht nur für glänzende Erfolgsmeldungen, längst macht sich in Berlin auch Unwohlsein breit über Reisebus-Kolonnen und Party-Tourismus, über Hotel-Neubauten und Ferienwohnungen.
Denn viele Orte und Plätze der Stadt scheinen schon den Berlin-Besuchern zu gehören: Mauerpark, Potsdamer Platz, Kastanienallee, Hackescher Markt könnten auch in London, Barcelona, Amsterdam oder Zürich sein.

WEM GEHÖRT DIE STADT?

Und wenn Reisebusse Touristengruppen durch sogenannte Problemviertel fahren oder Berlin-Besucher schnell in Geschäfte laufen, ein Foto machen und rasch wieder verschwinden, degradiert das uns Berliner zu Ausstellungsstücken und Zoo­bewohnern. Wer an einem Sommerabend müde von der Arbeit kommt und dann in der Tram oder U-Bahn von großen Cliquen beschwipst-enthemmter Party-Urlauber umringt wird, braucht kein dogmatischer Tourismus-Kritiker sein, um sich zu fragen: Wem gehört diese Stadt eigentlich?

Besonders in Friedrichshain-Kreuzberg beschäftigt man sich sehr intensiv mit den Risiken und Nebenwirkungen des Tourismus. Kein Bezirk hat sich in den letzten Jahren rasanter verändert. Die Fronten zwischen Tourismus-Kritikern, Bezirk und Senat sind verhärtet. Einzelaktionen wie die anonyme „Berlin doesn’t love you“-Aufkleber-Kampag­ne waren nur der Auftakt zu verschiedenen Protesten, die auch die Wahlen im letzten Herbst beeinflussten: In ihrem Programm haben die Grünen im Bezirk „Lärm und Müll auf der Admiralbrücke und der Simon-Dach-Straße“ und das „Easyjetset“ kritisiert, vor „weiteren Hostel-Riesen“ gewarnt und einen Übernachtungsaufschlag von 2,50 Euro zugunsten der vom Tourismus „betroffenen Bezirke“ gefordert. Ob da
erfolgreich mit Ängsten Wahlkampf gemacht oder lediglich die im Stadtteil vorhandene Besorgnis über die Verdrängung von Kiezkultur aufgegriffen wurde, ist Auslegungssache.

TOURIZONEN

Klar ist jedoch, dass die Touristen als Vorhut oder Nachzügler von Gentrifizierungsentwicklungen immer weiterziehen auf der Suche nach neuen Spielorten und unverbrauchten Stadtteilen. Nach Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg werden jetzt die angrenzenden Viertel interessant.
Südlich von Kreuzberg 36 ist so der Neuköllner Reuterkiez als „Kreuzkölln“ attraktiv geworden, die Folgeerscheinungen kennt man schon. Neben dem Eingang ihrer Kneipe haben Unbekannte „Fuck Tourists!“ an die Wand gemalt, erzählt Lokalbetreiberin und tip-Fotoredakteurin Susan Schiedlofsky. „Was macht man da? Übermalen ist ja doch irgendwie peinlich“, sagt sie. Das war nicht nötig, am nächsten Morgen hatte jemand „No Nazis!“ dahin gesprayt.
Schiedlofsky lebt seit acht Jahren am Hermannplatz, die Veränderungen besonders entlang der Weserstraße sind für sie schon auffällig, nicht nur im Straßenbild, sondern auch in den Köpfen. „Vor Kurzem waren ein paar junge Männer in meinem Laden“, berichtet sie. „Die haben halblaut über das angeblich teure Bier gemosert und irgendwann gesagt: Ihr seid doch alle Schwaben!“ Und sie fügt etwas ernüchtert an: „Ich habe wirklich keine Lust, mich und meine Biografie irgendeinem 18-Jährigen zu erklären. Und muss ich mich wirklich schämen, wenn ich meinen Rollkoffer benutze, weil Leute denken könnten, ich sei Touristin?“

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 04.06.2012

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