Ulrike Hamann über das Camp am südlichen Kotti

Ulrike Hamann über das Camp am südlichen Kotti  

Kotti_Ulrike_Hamann_c_Oliver_WolffWorum geht es der Initiative "Kotti & Co", für wen setzen Sie sich hier ein?
Es geht um die Bestandsmieter am südlichen Teil des Kottbusser Tors. Also um die Mieter, die seit Generationen hier wohnen und diesen Kiez eigentlich zu dem gemacht haben, was er ist. Die hier aufgewachsen sind, Familie und Freunde hier haben. Und die jetzt die Mieten nicht mehr bezahlen können und wegziehen müssen.

Um wie viele Wohnungen geht es?
Allein vom Kotti zum Wassertorplatz sind es um die 1 000 Wohnungen, und dann nochmal runter bis zur Prinzenstraße geschätzte 3 000 Wohnungen.

In diesem Fall von Verdrängung ist aber nicht die Gentrifizierung schuld?
Nein, die wird erst im zweiten Schritt zum Thema. Was hier passiert, ist zunächst ein vorprogrammiertes Problem des ehemaligen Westberliner Sozialen Wohnungsbaus. Es wurde sehr teuer gebaut damals, niemand hat die Kosten kontrolliert. Daraus sind hohe Mieten in diesem Gebiet entstanden, von denen ein Teil die Stadt bezahlt hat und ein Teil die Mieter. Das, was die Mieter zahlen, wird seit 30 Jahren immer mehr und das, was die Stadt zahlt, jährlich weniger. Und jetzt sind wir an einem Punkt, an dem viele der alten Mieter diese Miete nicht mehr bezahlen können. Und auch nicht die irgendwo anders in der Innenstadt, womit wir beim Thema Gentrifizierung wären.

Aber es werden doch immer noch Sub­ventionen gezahlt?
Aber es sind weniger. Und was gezahlt wird, fließt an die Wohnungsbauunternehmen und von da in deren Rendite ein. Ohne dass Unternehmen wie die GSW oder Hermes im Gegenzug verpflichtet werden, die Mieten sozialverträglich zu halten.

Das wäre Ihrer Meinung nach bei einer Grenze von 4 Euro kalt erreicht?
Mehr geht nicht, weil die Betriebskosten hier so stark gestiegen sind. Nachzahlungen von bis zu 2 000 Euro sind keine Seltenheit. Wir haben das auch dem Bauausschuss vorgetragen, aber da die GSW jetzt ein privates Unternehmen ist, kommt von da nicht viel Hilfe.

Wie versuchen Sie sich jetzt selber zu helfen?
Wir suchten vor einem Jahr zunächst Kontakt zur Hausverwaltung, als das nichts brachte, dann Unterstützung in Bezirk und  Senat. Vergeblich. Wir versuchen jetzt ganz deutlich auf unsere Situation aufmerksam zu machen – mit diesem Camp das Tag und Nacht besetzt ist und vor allem mit den Lärm-Demos, bei denen wir mit Trillerpfeifen, Topfgerassel und Vuvuzelas durch den Bezirk ziehen. Und nicht zu überhören sind.

Wie viele sind Sie?
Der Kern der Gruppe sind zwanzig Leute plus deren Familien. Zu den Demos kamen zuletzt fast 600 Leute.

Neben Aufmerksamkeit – was erwarten Sie?
Wir sind jetzt im Gespräch mit Vertretern des Bezirks und des Senats. Auch wenn wir uns wirklich wundern, wie viel Unwissenheit beim Thema sozialer Wohnungsbau herrscht. Immerhin hört man jetzt zu.

Glauben Sie, dass Ihre Gruppe eine Chance hat, dieses Viertel so zu erhalten?
Wir wissen, dass sich unser Kiez dauernd verändert. Und wir wollen ihn weiterhin mitgestalten.

Interview: Iris Braun

Foto: Oliver Wolff

Kotti & Co Camp am südlichen Kotti, Info: www.kottiundco.wordpress.com

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 10.07.2012

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