Weihnachten allein in Berlin

Weihnachten allein in Berlin  

WeihnachtsgedeckLetztes Jahr hätte ich es fast geschafft. Auf dem Küchentisch brannten die Kerzen, aus dem Ofen kam der Geruch von frisch gebackenem Brot und im Radio spielte ein Orchester das Weih­nachts-Oratorium. Weihnachten alleine. Nur ich, ein Buch und der zwölfjährige Single Malt, der honiggolden im Regal wartete.
Ich war wirklich fest entschlossen. Bis mich am heiligen Nachmittag mein Vater anrief, und etwas von einer Gans erzählte, die in seinem kleinen ostdeutschen Dorf aufwuchs, dort auch gerade geschlachtet wurde und nun im Ofen bruzzelte. Ich gab die Isolation auf. Ich wurde schwach.

Laut einer Studie aus diesem Jahr ist der häufigste Streitgrund unter Paaren zum Fest die Frage, wo man feiert. Gleich danach folgt der Streit um die Weihnachtsdekoration. Bitte, den ganzen unnötigen Ärger kann man sich doch ersparen. Deswegen habe ich die letzten Jahre an den Feiertagen einen großen Bogen um die Familie gemacht. Da es aber auch in den Freundeskreisen überhaupt nicht besser ist, überlege ich seit längerem ernsthaft, ganz allein zu fei­ern. Oder eben gar nicht. Möglich, dass es daran liegt, dass mein Künstlervater irgendwann um die Wendezeit eine Beuys’sche Fettecke mit Deutschlandflagge anstatt eines Weih­nachtsbaumes installierte, was eine kleine Familienkrise zur Folge hatte. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich immer schon vor dem heiligen Abend wusste, wo meine Geschenke versteckt waren und auch gerne vorher mit ihnen spielte, was die Bescherung nicht nur recht unspannend, sondern auch zu einer großen Lüge machte. Genau weiß ich es nicht, aber mir graut vor Weihnachten und seinem ganzen Zeremonienwahnsinn. Jedes Jahr aufs Neue. Das Einzige, das ich an Weihnachten mag, sind Kochen und Knabenchöre im Deutschlandradio. Sonst nix. Schnee gibt es ja nicht mehr.

"Einfach tun, worauf man Lust hat. Wer allein feiert, stärkt sein Selbstbewusstsein und befreit sich von Gruppenzwang", heißt es im Klappentext des Ratgebers "Die Kunst allein zu feiern" von Jessica Lütge. Genau. Auch einem meiner Kollegen geht es so. Während seine Freundin von ihren Eltern gezwungen wird, zu Omi zu fahren, sitzt er zu Hause und tut so, als ob nichts wäre. Für ihn ist das "völliges Ausspannen", schließ­lich sei Weihnachten eine der wenigen Zeiten, in denen das Telefon mal nicht klingelt, in denen man nicht das Gefühl hat, eine wichtige Party oder ein tolles Konzert zu verpassen. Rituale braucht er für die Feiertage nicht.

Wie viele Leute Weihnachten alleine verbringen, ist schwer zu schätzen. Die einen haben Nachtschicht, die anderen gehören einer anderen Religionsgemeinschaft an. Manche verlassen das Land in Richtung weihnachtsfreie-Zone. Einige haben schlicht und traurigerweise niemanden. Auch wenn der Weihnachtsbaumanbau in den letzten Jahren in Berlin und Brandenburg zugenommen hat, muss dass nicht unbedingt auf die Zunahme von Weihnachtsfesten in der Gemeinschaft sprechen. Es kann auch einfach darauf hindeuten, das es mehr und mehr Singlehaushalte in Berlin gibt, die ihren eigenen Baum brauchen. Die Partneragentur Parship hat über 5.000 Singles in ganz Deutschland gefragt, wie sie ihr Weihnachten am liebsten verbringen würden. Rund 60 Prozent wünschen sich ein Fest mit der ganzen Familie, während 40 Prozent gerne ohne die Familie feiern würden, zehn Prozent davon möchten gerne alleine zu Hause sein. Ob die Realität mit dem Wunsch auch übereinstimmt, wissen wir allerdings nicht.


Die Klischeepflege der aufgeklärten Kulturpessimisten vom familiären Kriegszustand und Konsumwahn an Weihnachten als Boykottgrund des Festes ist natürlich im Vergleich zu den wirklich einsamen Menschen, die alleine feiern müssen, fast schon Luxus. Die Flucht kann man sich wenigstens schön reden. Bloß weg von dem Erziehungsdrama befreundeter junger Eltern samt undurchsichtiger Patchworkstruk­turen, weg von Freunden, die plötzlich fieserweise Geschenkverbote brechen, weg von befreundeten Pärchen, die sich Unmengen an tollen Sachen bescheren, während man seinem eigenen Freund einen lausigen Bademantel schenkt. Und Socken. Weg von herrischen Omas, besserwissenden Tanten, nörgelnden Eltern. Ich will ja gar nicht so tun, als sei das mit dem alleine Feiern eine einfache Entscheidung. Als Beispiel eine zweite Studie aus diesem Jahr: Auf die Frage, was für Situationen für Singles die unangenehmsten seien, antworteten 41 Prozent: "Weihnachten".

Allein feiern. Ich habe mir das gut vorgestellt letztes Jahr. Leicht panisch zwar, aber fest entschlossen. Also setzte ich mich am frühen heiligen Abend in den Zug, der relativ leer war und fuhr in das kleine ostdeutsche Dorf, das nah an der neuen Autobahn, aber nicht nah an einer Autobahnauffahrt liegt. Ich kam in einen großen Raum des größten Hauses im Dorf, mit langer Tafel, an der das halbe Dorf und die halbe Familie saß - also etwa zehn Leute. Es gab nur selbst gemachten Glühwein, keinen schönen schweren Rotwein. Auf dem Tisch standen Schüsseln mit mayonnaisigem Nudelsalat. So einer mit Mandarinen aus der Dose drin.
Super, dachte ich, gleich bringt die Lebensgefährtin meines Vaters bestimmt die Gans, aber dann kam nur ein Topf mit Wiener Würstchen und ein Blech mit Klopsen. Dass ich selbst keine Geschenke, außer einer Flasche Champagner vom Aldi dabei hatte, wurde nur noch unangenehmer dadurch, dass ich einen selbst geschweißten Kerzenständer bekam und mich wieder die Freuden-Zwang-Panik packte. Wenigstens konnte ich erfolgreich abwenden, dass das Ex-Rockkneipen-Betreiber-Pärchen, das schon den halben Abend Rock-Kneipen-Geschichten aus der westdeutschen Provinz erzählte, einen Karton mit Ärzte-CDs zu nah an der Stereoanlage platzierte. Nicht abwenden konnte ich, dass der betrunkene Junggesellen-Nachbar, Mitte 40, etwas zu laut Ringelnatz zum Nachtisch zitierte. Ebenfalls nicht zu verhindern war der angestrengt peinliche Versuch, gemeinsam auf selbstgebauten Instrumenten zu musizieren. "Jetzt im Kanon!" Als dann um elf der Glühwein immer noch nicht genügend Wirkung zeigte, beschloss ich, dass es spät genug sei, ins Bett zu gehen. Und als dann der Fernseher nur ein Programm zeigte, auf dem irgendein Schwarz-Weiß-Film mit singenden Menschen lief, beschloss ich, Weihnachten ganz, ganz sicher nur noch allein zu feiern.

Text: Laura Ewert

TIPPS, WO UND WIEMAN WEIHNACHTEN IN BERLIN ALLEIN FEIERN KANN

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 17.12.2009

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