100° Berlin 2010 im HAU und den Sophiensaelen

100° Berlin 2010 im HAU und den Sophiensaelen  

NightmareBeforeValentineKatharina Kummer, eine offenbar höchst effiziente Puppenspiel-Studentin der Ernst-Busch-Schule, macht den Stadttheatern ernsthaft Konkurrenz: Während der drei Stunden, die eine Dramenheldin in den Tragödientempeln des Landes durchschnittlich zum Sterben braucht, schafft Kummer lo­cker eine ganze Hundertschaft. Unter dem Motto "Ach und Weh – eine Liebesmüllabfuhr unter Aufsicht von Elfriede Jelinek" lässt sie in ihrem Objekttheater all die tragischen Julias, verstrahlten Ophelias und frommen Greten der Weltliteratur im Schnelldurchlauf verenden. Ein Jelinek-Konterfei liefert den luziden Todesartenkommentar dazu. Und wer dann trotzdem noch Dramatik-fit ist, kann im Anschluss Wohnungen passionierter Tierpräparatoren besichtigen, Menschen treffen, die nicht zu ihren Hunden passen oder sich mit einem MP3-Player selbst auf die Suche nach ominösen "Handlungsreisenden" machen.

ElektrodysseeDass "100° Berlin" – der "Vier-Tage-Marathon des freien Theaters" im HAU und in den Sophiensälen – auch in seiner siebten Auflage eine hohe Trefferquote des persönlichen Geschmacks verspricht, ist bei seiner gigantischen Quantität quasi unvermeidlich. Bei diesem Festival müssen die Bewerber keine Kuratoren-Schwellen über­winden, sondern ihre Expressivität lediglich auf 60 Minuten beschränken und die Anmeldeunterlagen rechtzeitig abschicken, um einen der 140 Programmplätze zu bekommen – sämtliche Treppen, Garderoben und Foyer­nischen inklusive. Für Freie-Szene-Scouts ist "100° Berlin" längst ein Pflichttermin: Gewinner früherer Jahrgänge wie Malte Scholz oder Beatrice Fleisch­lin haben gezeigt, wie kurz der Weg vom Berliner Festival zum Theatertreffen-Äquivalent der freien Szene, "Impulse", sein kann.
Und mäkele noch ein Kulturkonservativer, die junge (Theater-)Generation sei nicht politisch: Die Gruppe bunny mob sensibilisiert uns für "die räumliche Vereinheitlichung und gleichzeitige Vereinnahmung pri­vater und öffentlicher Lebensräume durch den Weltkonzern IKEA" und ruft wacker zum bewaffneten Aufstand auf: "Kill Billy!"

Text: Christine Wahl
Fotos: Andriana Seecker, Kuzio Liebold, Arne Schmidt

100° Berlin
im HAU 1, HAU 2, HAU 3 und Sophiensaele
4.-7.3.

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von  tip-Redaktion
Veröffentlicht: 04.03.2010 , Zuletzt aktualisiert: 04.03.2010
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