Die Freie Szene Berlins will endlich bessere Finanzierung

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Die Freie Szene Berlins will endlich bessere Finanzierung  

NeukoellnerOperFür ihre Pressekonferenz hat sich die Koalition der Freien Szene einen passenden Ort ausgesucht: den Senatsreservenspeicher in der Kreuzberger Cuvrystraße. Früher diente der Speicher der Lagerung der Senatsreserve, mit deren Hilfe die Stadt einer Blockade der Russen standhalten sollte. Heute hat Berlin keine Reserven mehr, jedenfalls keine finanziellen. Und für die Blockaden sorgt aus Sicht der Off-Künstler der Kultursenator persönlich. Dafür, dass er merkt, dass sie sauer sind, wollen sie in den nächsten Wochen, parallel zu den Haushaltsberatungen, mit Demonstrationen vor Theatern, Podiumsdiskussionen und den unterschiedlichsten Aktionen sorgen.
Die Freie Szene hat keine Lust mehr auf die Rolle des bescheidenen Bittstellers, in der sie der regierende Kultursenator am liebsten sieht. Wie es aussieht, eskaliert gerade der lange nur leise gärende Konflikt zwischen unzufriedenen Künstlern und dem Nebenbei-Kultursenator Wowereit und seinem getreuen Staatssekretär André Schmitz.

Die Koalition der Freien Szene ist kein Verein geltungsbedürftiger Möchtegern-Künstler. So ziemlich alle wichtigen Gruppen und Veranstalter der freien, also nicht institionell abgesicherten Kulturszene der Stadt haben sich in ihr organisiert: Neuköllner Oper, Tanzbüro, Radialsystem, Unerhörte Musik, Heimathafen Neukölln, Berliner Kammeroper, Literaturwerkstatt, DOCK 11, English Theatre Berlin, Initiative Neue Musik Berlin, Theaterkapelle, Sophiensæle und viele andere. Zusammen stehen sie für einen großen Teil des Berliner Kulturlebens. Und alle fühlen sie sich von der Berliner Kulturpolitik entschieden unter Wert behandelt.
Bis vor Kurzem hat die Koalition der Freien Szene ihre Lobbyarbeit ausgesprochen höflich betrieben. Von der Industrie- und Handelskammer bis zum Tourismusmarketing und Wirtschaftspolitikern hat sie Verbündete gefunden. Schließlich sind die Sohiensaele, die Neuköllner Oper oder das Ballhaus Naunynstrasse Imageträger, mit denen sich Berlin gerne schmückt.
Die kulturpolitischen Sprecher der Fraktionen im Abgeordnetenhaus, auch der Regierungsfraktionen, haben öffentlich Sympathie für die Forderung bekundet, einen Teil der Einnahmen aus der geplanten City Tax, einer Übernachtungssteuer für Touristen, zum Stopfen der Finanzlöcher der Freien Szene zu nutzen. Die Politiker signalisierten Verständnis, wenn die Szene-Lobbyisten beklagten, dass in die nicht etablierte Kultur der Stadt nicht einmal vier Prozent der Berliner Kultursubventionen fließen. Auch Kulturstaatssekretär Schmitz hat gerne unverbindlich Sympathie und Interesse für die Nöte der Freien Szene demonstriert. Bei einem aufwendig organisierten Symposium im vergangenen November hat er Akteure der bildenden Kunst in Berlin um ihre Zukunftsvisionen für die Stadt gebeten. Das war zwar nicht viel mehr als eine Geste des Dialogs, aber es war nicht umsonst. Zumindest für die Agentur, die, sehr zur Irritation vieler Off-Akteure, für die Ausrichtung des Events einen mittleren fünfstelligen Betrag von der Kulturverewaltung kassiert haben soll, hat sich der Spaß gelohnt.
Dass die Koalition der Freien Szene jetzt die Konfrontation sucht, hat einen einfachen Grund. Heute weiß sie, was die höflichen Worte aus der Politik wert waren. Aus ihrer Sicht: nichts. Die Hoffnung auf die City Tax hat sich fürs Erste erledigt. Die City Tax kommt frühestens 2014. Und darüber, was aus ihren Einnahmen in der Freien Szene landet, sind die Aussagen des Kulturstaats-sekretärs ausgesprochen nebelig. Im Kulturetat bleibt es bei den kümmerlichen Zuwendungen für die Freie Szene. André Schmitz hält das „angesichts der schwierigen Situation der öffentlichen Haushalte“ allen Ernstes für „einen großen Erfolg für die Kultur in Berlin“. Kein Wunder, dass für Christophe Knoch, einem der Sprecher der Koalition der Freien Szene, dieses Eigenlob schlicht „ein massiver Affront“ ist: „Der Kulturstaatssekretär hat offensichtlich nicht verstanden, was die Freie Szene für diese Stadt bedeutet.“
Und auch der Rat für die Künste, ein Zusammenschluss der wichtigen Berliner Kultur-institutionen vom Deutschen Theater bis zum Haus der Kulturen der Welt und der Deutschen Oper, reagiert unmissverständlich: Was der Kulturstaatssekretär für einen großen Erfolg hält, ist aus Sicht der Kultur-Profis eine „Katastrophe für die Stadt.“ Die Folge in ihren Augen: „Eine noch größere Selbstausbeutung der Akteure und ein regelrechter Existenzkampf um die knappen flexiblen Mittel.“ Der Rat schätzt, dass die Freie Szene einen „jährlichen Mehrbedarf in Höhe von mindestens 17 Millionen Euro“ hat, und rechnet süffisant vor, wie viel das im Berliner Landeshaushalt ausmacht: „Weniger als die Hälfte des Defizits, das der BER in einem Monat verursacht.“

Ganz unberechtigt ist die Selbstzufriedenheit, die der Kulturstaatssekretär etwas zu dröhnend demonstriert, dennoch nicht. Immerhin hat die Landesregierung vor, den Kulturetat leicht zu erhöhen. Im Doppelhaushalt 2014/15 sind für die Kultur 377,9 Millionen Euro in kommenden und 395,8 Millionen Euro im übernächsten Jahr vorgesehen. Damit steigt der Kulturetat um 2,7 beziehungsweise 4,7 Prozent. Also etwas mehr als der Inflationsausgleich und etwas weniger als die Kostensteigerungen, die die Theater, Museen, Opern infolge der Tarif-erhöhungen verkraften müssen. Die nominelle Erhöhung ist im Ergebnis ein Nullsummenspiel. Angesichts von Schuldenbremse und Haushaltsnotlage ist das vielleicht sogar eine gute Nachricht für die Kultur.
Aber was für die großen Bühnen und Museen beruhigend ist, die Fortsetzung des Status quo, ist für die Koalition der Freien Szene eine Zumutung. Ihre Statements lassen an Deutlichkeit denn auch nichts zu wünschen übrig: „Der Senat versteht die Stadt nicht mehr.“

Natürlich geht es um Geld, aber nicht nur. Aus Sicht der Kultur-Aktivisten geht es zum Beispiel um die Frage, ob die Relationen zwischen den Zuwendungen für die etablierte Hochkultur und für die Freie Szene stimmen. Darum, ob die Politik die unzähligen Kunsträume, Tanz-Compagnien, Off-Bühnen und Künstler jenseits der gediegen subventionierten Opern, Museen und Staatstheater überhaupt ernst nimmt. Oder ob sie in ihnen nur billige Gimmicks für das Stadtmarketing und die Tourismus-Werbung sieht. „Wenn nicht mehr Geld in die Freie Szene fließt, ist Berlin irgendwann ein großes Düsseldorf“, sagt Andreas Altenhof von der Neuköllner Oper.

Die Unterfinanzierung bekommt selbst Sasha Waltz zu spüren. 20 Jahre nach Gründung ihrer Compagnie, ist sie zwar ein von Moskau bis Paris gefeierter Weltstar des Tanzes, muss aber in Berlin immer noch um ihren Etat kämpfen. Nur durch die Einnahmen aus den weltweiten Gastspielen konnte sie  bisher die 500 000 Euro ausgleichen, die ihr jedes Jahr fehlen. Jetzt muss sie, falls die Politik nicht zur Besinnung kommt, einem Teil ihrer Tänzer und Mitarbeiter kündigen. Auch eine Belohnung für eine Weltkarriere: Entlassungen.
Aber verglichen mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen im Rest der Freien Szene sind die Sorgen einer Sasha Waltz Luxusprobleme. „Viele professionelle Künstler der Freien Szene mussten sich an einen Dauerzustand am Rand des Existenzminimums gewöhnen“, berichtet Andreas Altenhof von der Neuköllner Oper. Seine Bühne, „Berlins vierte Oper“ (Klaus Wowereit), ist mit Subventionen von 1,1 Millionen Euro für Off-Verhältnisse relativ gut ausgestattet. Die Künstler leben trotzdem prekär. „Wir haben Einheitsgagen, 100 Euro Abendgage für jeden. Wir zahlen als eines von ganz wenigen Häusern in der Szene für acht Wochen Proben eine Gage von 1200 Euro“, sagt Altenhof. Das ist relativ viel. An anderen Off-Bühnen sind Proben ohne Gage und winzige Abendgagen oder Beteiligung an den Eintrittsgeldern üblich. Da treten Schauspieler dann für 30 bis 60 Euro am Abend auf. Es gibt viele Aufstocker und Künstler, die von Hartz IV leben und sich tageweise für ihre Auftritte abmelden. Das gilt nicht für ein paar verkrachte Spinner, sondern für einen Großteil der Berliner Freien Szene. Wie heißt es so schön in einem Lied der Band Britta: „Ist das noch Boheme oder schon Unterschicht?“ Gute Frage.

Kulturstaatssekretär André Schmitz kann das nicht aus der Ruhe bringen. Er kann beim besten Willen keinen Handlungsbedarf erkennen. „So katastrophal können die Arbeitsbedingungen für junge Künstler in Berlin nicht sein, sie würden sonst wohl nicht in die Stadt kommen“, gibt er in einem Interview mit der „BZ“ zum Besten. Kein Wunder, dass sich die Off-Künstler fragen, ob er die Stadt noch versteht. „Nur noch zynisch“ findet Christophe Knoch von der Koalition der Freien Szene das nassforsche Statement des Kulturstaatssekretärs.
Dabei hat Schmitz mit seiner These von den Künstlern, die gerne nach Berlin kommen, noch nicht einmal unrecht. Allerdings anders, als er denkt. „Wir spüren die Arbeitsmigration von professionellen Künstlern aus Südeuropa“, berichtet Altenhof. Das sorgt für neue Konkurrenz – und weiter sinkende Gagen. Die Neuköllner Oper ist für praktizierte europäische Solidarität. Im August hat sie bei ihrem Festival für europäisches Musiktheater unter prekären Bedingungen Produktionen aus Euro-Krisenländern gezeigt. Aber gleichzeitig macht sich Andreas Altenhof keine Illusionen darüber, was die Armuts- und Arbeitsmigration für den Berliner Künstler-Arbeitsmarkt bedeutet: „Heute kann man in Berlin gute, professionelle Sänger, Orchestermusiker oder Dirigenten für einen Apfel und ein Ei engagieren. Aber wir wollen nicht in ein Lohndumping kommen.“

Schöne Aussichten: die unterfinanzierte Freie Szene als Feld harter Konkurrenz, die für Gagen im freien Fall sorgt. Spätestens hier ist die Frage, ob in Teilen der Off-Szene charmante Boheme-Armut oder schlichte Not herrscht, beantwortet. Die etwas hilflose Forderung, in der Freien Szene Mindestgagen durchzusetzen, drückt nur die Ohnmacht der Akteure aus. Würden sie ihre Künstler so bezahlen, wie die Staatstheater ihre Souffleusen oder Putzfrauen, müssten viele Off-Bühnen umgehend Insolvenz anmelden.
Dass die Freie Szene über Geldnöte klagt, ist nicht neu. Das tut sie, seit es sie gibt. Auch die üblichen Hysteriker, die in aller Unschuld erwarten, dass der Rest der Gesellschaft jede obskure Pseudokunst alimentiert, gehören zum Gesamtbild. Würden die Klagegesänge der Freien Szene verstummen, müsste man sich Sorgen um sie machen. Aber die Zeiten, in denen man die Geld-Klagen getrost als Gejammer abtun konnte, sind vorbei. Heute geht es um die Frage, was in ein paar Jahren von der Freien Szene noch übrig ist. Nur die Berliner Kulturpolitik scheint das noch nicht begriffen zu haben.
Gentrifizierung und steigende Mieten sorgen dafür, dass die Off-Künstler und deutlich härteren ökonomischen Druck geraten. Dieser Prozess hat gerade erst begonnen. „Wenn, wie in Berlin, in der Stadt ein großer Ausverkauf stattfindet von Gebäuden, Flächen und damit Möglichkeitsräumen und nur noch Räume zu hohen Marktpreisen übrig bleiben, fehlen Experimentierräume“, beobachtet Leonie Baumann, Rektorin der Kunsthochschule Weißensee und Sprecherin des Rats für die Künste. Ihre Dia-gnose: „Dann wird sich Berlin relativ schnell verändern.“

Durch die europäische Wirtschaftskrise brechen den Off-Bühnen viele ausländische Koproduktionspartner und damit Gelder weg. „Du arbeitest mit Partnern, von denen du nicht weißt, wie lange sie als Theater noch existieren werden“, berichtet Altenhof von der Neuköllner Oper. Zwei Beispiele: Das Teatro Praga aus Lissabon sagt, es könne „wahrscheinlich noch bis Oktober überleben.“ Eigentlich wollte die Neuköllner Oper mit den Portugiesen gemeinsam ein Stück produzieren. Das Balletto Civile aus Parma, vor Kurzem zu Gast beim Festival der Neuköllner Oper, weiß „seit einer Woche, dass sie ihre Zuschüsse für 2012 bekommen. Sie wissen nicht, wie sie sich 2013 finanzieren können“, erzählt Altenhof. Solche Geschichten kennt jeder, der mit Theatern aus den europäischen Krisenstaaten kooperiert.
Dazu kommt, dass die Freie Szene Opfer des eigenen Erfolgs geworden ist. Sie trug das Ihre zum Image Berlins als Kreativ-Metropole bei – und sorgte so dafür, dass der stete Strom von Künstlern und Möchtegern-Künstlern, die hier ihr Glück versuchen, nicht abreißt. Immer mehr Akteure wollen ihren Teil vom kleinen Förderkuchen. So wird die Szene gleichzeitig größer und internationaler – und prekärer, ärmer, konkurrenzbewusster und in weiten Teilen ökonomisch perspektivlos.
Eine arrogante Kulturpolitik, die das mit gelangweiltem Schulterzucken ignoriert und gleichzeitig Geld in Renommee-Projekten versenkt, ist zynisch. 

Text: Peter Laudenbach
Foto:Matthias Heyde

Die Kampagne: die Freie Szene diskutiert
- Podiumsdiskussion: Welche Rolle spielt die Freie Szene für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Berlin?
Hertie School of Governance, Friedrichstraße 180,
Di 3.9., 18.30 Uhr
- Podiumsdiskussion der Music Commission: Pop im Kiez – ein Auslaufmodell? Szene-Freiräume und Musikspielstätten in
den Plänen der Berliner Stadtentwicklung,
Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8
Do 5.9., 16 Uhr
- Podiumsdiskussion Kreativwirtschaft, u. a. mit Jürgen Schepers (IHK), Tim Renner (Musikproduzent), Christophe Knoch (Koalition Freie Szene),
Galerie im Kurt-Schumacher-Haus, Müllerstraße 163,
Fr 6.9., 18 Uhr
- Quo vadis Kulturpolitik?, Podiumsdiskussion u. a. mit Klaus Schöpp (Initiative Neue Musik), Rainer Rubbert
(Unerhörte Musik), Dr. Konrad Schmidt-Werthern (Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten),
BKA-Theater, , Mehringdamm 34
Di 10.9., 18.30 Uhr
- Podiumsdiskussion: Vom Wert der künstlerischen Arbeit,
Uferstudios, Badstraße 41a,
Di 24.9., 19 Uhr
- Abschlussaktion der Kampagne,
Sa 28.9., 6 Uhr,
Ort wird kurzfristig bekannt gegeben

www.koalition-derfreien-szene-berlin.com

Mehr:

Berlin wird 2013 die City Tax einführen, eine ­Sondersteuer
auf Hotelübernachtungen, geschätzte ­Einnahmen: 40 Millionen Euro im
Jahr. Die Koalition der Freien Szene, ein Zusammenschluss der Berliner
Off-­Kultur-Macher,
fordert, daraus gezielt die schlecht finanzierten
Einrichtungen jenseits der Hochkultur zu unterstützen. Um die
öffentliche Diskussion voranzutreiben, veranstalten die Künstler dazu
eine Diskussion im Radialsystem, unter anderem mit Kulturstaatssekretär
André Schmitz. Wir haben Christophe Knoch, einen der Sprecher der
­Koalition der Freien Szene, getroffen 

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 16.09.2013

tip Ausgabe 11/2016

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