Interview mit Dieter Hildebrandt und Arnulf Rating

Interview mit Dieter Hildebrandt und Arnulf Rating  

Hildebrandt_Rating_c_POP-EYE_HeinrichHerr Hildebrandt, Herr Rating, danke, dass Sie sich Zeit für das Gespräch nehmen ...
DIETER HILDEBRANDT
Gerne, ich habe ja Zeit, ich muss keine Aufgaben im Dschungelcamp lösen.

Sind Jahre, in denen Bundestagswahlen stattfinden, für Kabarettisten eigentlich besonders ergiebige Zeiten? Oder sind sie eher schmerzhaft, weil das Kabarett die Realsatire, die das politische Personal zu bieten hat, nur mit Mühe überholen kann?
HILDEBRANDT
Wahlen sind für mich fast immer schmerzhaft, weil ich so gut wie nie zu den Siegern gehöre. Aber es stimmt nicht, dass wir auf dem Kabarett nur nachvollziehen, was die Politik uns vorspielt. Was Sie die Realsatire der Politik nennen, ist ja nicht zu Ende formuliert. Das machen wir, wir erklären, wo der ganze Unsinn hinläuft. Und dann laufen die uns immer nach.
ARNULF RATING Das heißt, du treibst die Leute seit Jahrzehnten vor dir her.
HILDEBRANDT Das ist die alte Geschichte: Wer seinem Publikum hinterherläuft, wird auf Dauer nur sein Arschloch sehen.
Herr Rating, beschert Ihnen das Wahljahr schönen Stoff für Kabarett-Nummern?
RATING Meine alte Devise ist, dass bei Wahlen der Trog der gleiche bleibt, nur die Schweine wechseln. Jetzt wird die Alternative Merkel oder Steinbrück aufgebaut. Die waren beide führend politisch tätig, nämlich in der damaligen Bundesregierung, als es darum ging, die Finanzkrise einzudämmen, und sie haben es nicht hingekriegt. Wo der große Unterschied zwischen ihnen liegen soll, kann ich nicht sehen.
HILDEBRANDT Ich sehe das heiterer als du. Die beiden versuchen jetzt, einzeln die Spuren dessen zu verwischen, was sie in der Finanzkrise zusammen angestellt haben.

Aber die SPD macht Fortschritte. Der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler ist erst nach dem Ende seiner Amtszeit mit Jobs in der Wirtschaft zum Millionär geworden. Der jetzige Kanzlerkandidat ist da wesentlich weiter. Er hat schon, bevor er überhaupt gewählt wird, ordentlich verdient.
HILDEBRANDT
Ich habe mal durchgerechnet, was der Herr Steinbrück mit seinen Vorträgen verdient hat. Ich muss sagen, das wird überbewertet. Ihn konnte man ja schon für 15 000 Euro buchen. Joschka Fischer kostet 40 000 Euro. Was verdient eigentlich ein Helmut Schmidt mit einem Vortrag? Da kann Steinbrück nicht mithalten. Wenn er die Wahl nicht gewinnt, kann er ja weiter Vorträge halten. Und dann kriegt er wahrscheinlich 30 000 Euro pro Auftritt.

Dieter_Hildebrandt_c_Christian_FranzkowiakSchön, dass sich Politik auf diese Weise lohnt: Man wird Kanzler oder Außenminister oder auch nur Kanzlerkandidat, um anschließend als Vortragskünstler zu tingeln.
HILDEBRANDT
Das ist etwas vereinfacht, aber manche Vereinfachungen sind leider treffend.

Sie sind als Kabarettisten Vortragskünstler. Auch die Herren Joschka Fischer oder Herr Steinbrück sind als Vortragskünstler tätig – arbeiten Sie im selben Gewerbe?
HILDEBRANDT
Wir sind Kollegen, das habe ich immer gesagt, nur ab und zu haben wir die besseren Solo-Nummern.
RATING Wir sind in derselben Branche, nur mit dem Unterschied, dass wir beim Politischen Aschermittwoch nicht solche Gagen zahlen können. Während alle Parteiredner am Aschermittwoch in der Bayerischen Provinz auftreten, halten wir in Berlin die Stellung und halten für kleines Geld dagegen.
HILDEBRANDT Lustigerweise machen die Parteien immer noch Plakate und schreiben drauf, dass sie beispielsweise nach Straubing kommen. So sind dann die Leute in Straubing gewarnt und gehen nicht mehr hin. Bei uns ist es umgekehrt.

Immerhin versorgt die Politik Sie als Kabarettisten zuverlässig mit Material.
HILDEBRANDT
Im Moment werde ich überschüttet von Material. Die Politik, die Wirtschaft, Ihr Berliner Flughafen – das ist doch reiner Kabarett-Stoff. Die Wirtschaft ist ja sehr ergiebig, das geht bei Ehrenmännern wie Herrn Cromme bei Thyssen-Krupp oder Herrn Pierer von Siemens direkt hinein in den nächsten Skandal. Die einen haben Leichen im Keller, die anderen lassen ihre Gegner ins Messer laufen, sie vergessen alle Moral-Reste und blättern sich vor uns auf. ­
Wenn das kein Kabarett-Stoff ist, dann weiß ich nicht.
RATING Es gibt ja auch im Kabarett Kollegen, die behaupten, uns Deutschen gehe es doch gut, wir jammerten ja angeblich auf hohem Niveau. Da kann ich nur sagen: Vielen geht es schlecht, auf die wird Druck ausgeübt. Mit Angst wird Politik gemacht. Nur Banker müssen keine Angst haben. Wenn sie sich verzocken, zahlt der Steuerzahler. Vor ­Kurzem hat Herr Steinbrück erstaunlicherweise mal etwas Vernünf­tiges gesagt. Er sagte, den Finanzinstituten sei es gelungen, Infek­tionskanäle in die Staatshaushalte zu legen. Aber er hat vergessen, dazu zu sagen, dass er damals als Finanzminister daran selbst beteiligt war.­­
HILDEBRANDT Die Politik kümmert sich nicht nur um die Banken, sie kümmert sich natürlich auch um die Armen. Herr Lindner von der FDP hat das Armutsproblem gelöst. Er hat gesagt, es gebe gar keine Zunahme von Armut in diesem Land. Das Einzige, was zunehme, seien die Berichte über Armut.

Es war ja auch ein besonders eleganter Schachzug des FDP-Wirtschaftsministers Rösler, den Armutsbericht der Bundesregierung so umschreiben zu lassen, dass die Armut zumindest auf dem Papier kein größeres Problem mehr ist. 
HILDEBRANDT
Das war sehr elegant. Die Damen und Herren in den Ministerien haben ab und zu ihre genialen Momente, ­da gibt’s nichts.

Arnulf_Rating_c_Christian_FranzkowiakHerr Hildebrandt, Sie sagten, das Berliner Flughafen-Chaos sei reiner Kabarett-Stoff. Aber ist es denn so überraschend, dass Berlin ­auch das nicht hinkriegt? Überraschend wäre doch eher gewesen, wenn in Berlin zur Abwechslung mal etwas funktioniert hätte, ­oder?
HILDEBRANDT
Na ja, ich möchte darauf hinweisen, dass die Münchner ihren Flughafen mit dem schönen Namen „Franz Josef Strauß“ gegen alle Widerstände tatsächlich in der vorgesehenen Zeit gebaut haben. Und von dort fliegen tatsächlich jeden Tag Flugzeuge ab! Wir haben 18 Bänder für die Koffer, stellen Sie sich das vor. In Berlin begnügen­ Sie sich mit acht Kofferbändern, die wahrscheinlich nicht mal funktionieren.
RATING Dieter, auf welchem Berliner Flughafen landest du, wenn du zum Politischen Aschermittwoch kommst?
HILDEBRANDT Auf demselben, wie wahrscheinlich auch in den nächsten zehn Jahren: Tegel.
RATING Willst du sagen, wir in Berlin können es einfach nicht und leben auf Kosten der Bayern, die unseren Landeshaushalt via Länderfinanzausgleich jedes Jahr mit Milliarden finanzieren?
HILDEBRANDT Du sagst es völlig richtig, genau so ist es. Ich bin der Meinung von Peter Gauweiler und Horst Seehofer: Ihr lebt in Berlin alle auf unsere Kosten. Wir sehen mit Schrecken, wie ihr unser Geld verprasst.
RATING Ich muss dir sagen, ich bin in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Wir konnten uns früher keine Wurst auf dem Brot leisten, weil Nordrhein-Westfalen damals Bayern mit durchgefüttert hat, das ist lange her. Jetzt bin ich in Berlin und genieße es, dass es mal andersrum läuft.
HILDEBRANDT Bevor du weiterredest, ich bin aus Schlesien. Wenn ihr keine Wurst auf dem Brot hattet, hatten wir nicht mal Brot. Wir waren die absoluten Ossis.

Herr Hildebrandt, haben Sie als früherer Fernsehschaffender die völlig überraschende Entdeckung, dass die Dauerwerbesendung „Wetten, dass ...“ hauptsächlich aus Produktpräsentationen besteht, nicht mit einer gewissen Schadenfreude zur Kenntnis genommen?
HILDEBRANDT
Das ist eine großartige Geschichte. Ich bin immer noch nicht ganz sicher, ob die dem Gottschalk Bescheid gesagt haben, dass sie dafür Geld nehmen. Ich dachte immer, er freut sich halt so über die Gummibärchen und Audis. Ich war auch davon überzeugt, dass all die Autos da nur rumstehen, weil die so schön sind. Es wäre doch kein Mensch auf die Idee gekommen, dass das Werbung sein könnte. 

Interview: Peter Laudenbach
Fotos: POP-EYE, Christian Franzkowiak

Politischer Aschermittwoch
Tempodrom, 13.2., 20 Uhr, mit Dieter Hildebrandt, Arnulf Rating, Urban Priol, Simone Solga, Tobias Mann, Florian Schröder, Karten-Tel. 84 10 89 09

 

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 26.02.2013

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