Matthias Lilienthals Intendanz am HAU endet 2012

Matthias Lilienthals Intendanz am HAU endet 2012  

MatthiasLilienthal_c_DavidvonBeckerDie sicherste Möglichkeit, Matthias Lilienthal zu treffen, dürfte darin bestehen, sich einfach am Flughafen Tegel ins Café zu setzen. Irgendwann kommt Lilienthal garantiert vorbeigeschlurft, der Mann mit den meisten Flugmeilen und der katastrophalsten CO2-Bilanz im deutschen Theaterbetrieb. Zwischen New York, Tokio und Peking, wo er im Herbst das Publikum wieder mal in „X Wohnungen“ schicken wird, pendelt er wie andere Leute zwischen Kreuzberg und Mitte. In Beirut übernimmt Lilienthal nach der HAU-Intendanz für ein Jahr eine Professur. Aus Buenos Aires, Kairo, Istanbul, Sao Paulo, Lagos oder Riga kommen die Künstler, die in sein Theater holt.
Seit er vor neun Jahren das Hebbel Theater und zwei kleinere Theater  am Halleschen Ufer übernommen und als HAU 1, HAU 2, HAU 3 zu einem hochtourig laufenden Kreuzberger Theaterkombinat gemacht hat, hat Lilienthal sein Theater radikal internationalisiert. Das ist nur einer der Innovationsschübe, die er dem Theater verpasst hat, um es in die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zu holen.

Peaches_c_Doro_TuchLilienthal, mit 52 Jahren immer noch bekennender Berufsjugendlicher mit verwuschelter Nicht-Frisur, T-Shirt und angegammelter Jeansjacke, sitzt morgens um elf in der HAU-Theaterkneipe, schlürft seinen ersten Cappuccino und ist, ein halbes Jahr bevor seine Intendanz ausläuft, alles andere als sentimental. Die Kulturverwaltung hätte ihn gerne gehalten, es war seine Entscheidung, den Vertrag nicht zu verlängern. Nach neun HAU-Jahren und einem schwindelerregenden Output von rund 1000 Produktionen ist sein Theater für ihn nicht unbedingt ausgereizt. Aber aufzuhören, bevor es zu gemütlich wird, ist der beste Schutz vor Routine und Selbstgefälligkeit – es müssen ja nicht alle Intendanten enden wie die Peymanns dieser Welt.

So einen selbstgewählten Schnitt hat Lilienthal schon einmal gemacht, als er 1998 nach den aufregenden ersten sieben Castorf-Jahren an der Volksbühne als Chefdramaturg in aller Freundschaft kündigte. Seitdem wirkt die Volksbühne so, als bräuchten sie dort dringend jemanden, der die Leerstelle ausfüllt, die sein Weggang hinterlassen hat. Wie damals wusste Lilienthal auch diesmal nicht, was nach der Kündigung kommt. Nach der Volkbühne hatte er erstmal ein arbeitsloses Jahr lang Zeit, sich um seinen Sohn zu kümmern, bevor er das Festival „Theater der Welt“ übernahm. Nach seiner Nicht-Verlängerung am HAU waren die Kulturpolitiker in Hamburg und Stuttgart, mit denen Lilienthal im letzten Sommer über Intendanzen verhandelte, am Ende zu zaghaft, ihm das Württembergische Staats­theater Stuttgart oder das Deutsche Schauspielhaus Hamburg zur inhaltlichen Komplett-Renovierung zu überlassen. Pech für Hamburg und Stuttgart.

Hellonearth_c_Thomas_AurinVielleicht ist der Mann, der sich die unprätentiösen Umgangsformen seiner Neuköllner Jugend bewahrt hat, die Berliner Mischung aus Schnoddrigkeit, Intelligenz und dem Komplett-Desinteresse an Wichtigtuerei und Status-Quatsch, außerhalb Berlins für Jobs in der Chef-Etage schwer vermittelbar. Das lässige Auftreten sollte nicht täuschen: Lilienthal ist ein zu allem entschlossener Workaholic, der mit ästhetisch wie politisch radikalem Denken, einer im Betrieb seltenen Integrität und hochprofessionellem Theatermanagement seinen Laden wirft. Neco Celik,  früher ein Kreuzberger Underground-Filmer, den Lilienthal ans Theater geholt hat, nennt den HAU-Chef in einer Mischung aus Spott und Respekt den „Paten“. Das trifft es. Auch weil er Berlin mit dem HAU ein Angebot gemacht hat, das wir nicht ablehnen konnten.Andere Intendanten legen sich irgendwann edle Schuhe, Professorentitel, eine teure Sucht oder ein Haus im Grünen zu. Lilienthal gammelt im Sommer zwischen Bürotag und Premierenabend lieber im Prinzenbad rum, sieht dabei aus, wie ein verkrachter Geisteswissenschaftler auf Hartz IV und schwimmt stoisch seine Bahnen im Kaltwasserbecken.

Der HAU-Chef schmollt nicht, weil aus den Staatstheater-Intendanzen nichts geworden ist: „Ich bin prinzipiell nie beleidigt.“ Wenn das Theater in Deutschland noch nicht so weit ist, geht er halt erst mal nach New York, nach Tokio, nach Beirut. Diese Gier, sich in immer neue Welten, Länder, Milieus zu arbeiten, bei gleichzeitig leichter Distanz zu den Hierarchie- und  Eitelkeitsspielchen im überschaubaren deutschen Stadttheaterbetrieb, gehörte von Anfang an zur besonderen Duftmarke des HAU. Sie sorgt seit 2003 dafür, dass HAU-Gängern die Angebote anderer Berliner Theater öfter mal ein bisschen provinziell und etwa so saturiert wie die alte Bundesrepublik vorkommen.

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 24.01.2012

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