"Platonov" in der Inszenierung von Alvis Hermanis

"Platonov" in der Inszenierung von Alvis Hermanis  

PlatonovAlvis Hermanis ist ein Verfechter der im Theater längst aus der Mode gekommenen Verwandlung des Schauspielers. Auch naturalistische Bühnenbilder, wie sie heute kaum noch gebaut werden, sind bei ihm nichts Außergewöhnliches. Das Setting, das Monika Pormale für Hermanis’ erste Tschechow-Inszenierung „Platonov“ am Wiener Akademietheater entworfen hat, ist trotzdem überraschend. Die Szenerie mutet dermaßen museal an, dass sie beinahe schon surreal wirkt. Drei ineinander verschachtelte Räume – ein Vorzimmer, ein Esszimmer und eine Veranda – sind bis in die sich an den Rändern wellenden Tapeten minuziös durchgestaltet, die Vögel zwitschern, und den Bühnenhintergrund bildet der obligate Birkenwaldprospekt.

Wer sich auf einen gediegenen Abend im Salon Tschechow einstellt, wird sich jedoch täuscht sehen: Hermanis’ Konzept ist unkonventioneller als es zunächst scheint. Die Schauspieler spielen nie frontal ins Publikum, dafür sprechen sie immer wieder mit dem Rücken zum Zuschauerraum.  Platonov ist ein als zynischer Dorflehrer in der Provinz gestrandeter Intellektueller, der sämtliche Frauen der Gegend unruhig macht. Martin Wuttke spielt ihn als Weichtier von einem Alphamännchen. Grenzenlos müde schlurft er durchs Leben; für all die attraktiven Frauen, die dauernd um ihn herumschwirren – Dörte Lyssewski, Johanna Wokalek und Yohanna Schwertfeger – scheint er sich nicht wirklich zu interessieren, für die langweiligen Herren der Gesellschaft sowieso nicht.

Die innigste Beziehung unterhält dieser Platonov ganz ohne Zweifel zum Alkohol, aber der macht ihn nur noch lebensmüder. Sympathieträger ist dieser Held nicht, was man auch von den anderen Figuren nicht behaupten kann. Der Regisseur scheint es nicht unbedingt darauf angelegt zu haben, dem Publikum das Stück und seine Menschen nahezubringen.
Die fünf Stunden lange Aufführung ist mehr Tschechow-Installation als Inszenierung. Was wir sehen, scheint wie zufällig ins Blickfeld geraten zu sein. Diese Bühne ist kein naturalistischer Illusionsraum, sondern ein künstliches Gefängnis: Keiner kommt hier lebend raus. Diese Figuren sind zu Tschechow verurteilt, lebenslänglich. Üblicherweise beziehen Tschechow-Inszenierungen ihren Witz nicht zuletzt daraus, dass die Menschen auf der Bühne ständig betonen, wie langweilig ihr Leben sei – während das Theater alles tut, um eben keine Langweile aufkommen zu lassen. Hermanis hingegen nimmt die Langweile ernst; er will uns spüren lassen, wie sich diese Menschen mit ihrem ständigen Gequassel quälen und wie mühsam dieses Leben tatsächlich ist.
Dieser „Platonov“ ist ein spannendes Experiment, das allerdings nur bedingt aufgeht. Nicht die Wirkung ist das Problem, sondern die Ursache: Dass die Inszenierung manchmal durchaus langweilig ist, liegt in der Natur der Sache. Die entscheidende Frage lautet, warum sie langweilig ist – und da lassen sich kühne Konzeption und biedere Konvention nicht immer voneinander unterscheiden. 

Text: Wolfgang Kralicek
Foto: Georg Soulek

Unser Gastautor Wolfgang Kralicek ist Feuilleton­redakteur beim Wiener „Falter“.

Platonov
Haus der Berliner Festspiele,
Sa 19.,  21.5., 18 Uhr,  So 20.5., 16.30 Uhr,
Karten-Tel. 25 48 91 00

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 21.05.2012

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