Rezension: "Das Himbeerreich" am Deutschen Theater

Rezension: "Das Himbeerreich" am Deutschen Theater  

HimbeerreichDer Vorberichtshype zog sich bis in die „Tagesthemen“: Andres Veiel, der in Filmen wie „Black Box BRD“ oder dem Theaterstück „Der Kick“ überdurchschnittliche Recherchequalitäten bewiesen hatte, versprach in seinem neuen Bühnenwerk „Das Himbeerreich“ spektakuläre Innenansichten aus dem Finanzsektor. 25 „intensive Gespräche mit ehemaligen und aktiven Bankern aus den Führungsetagen der großen Finanzinstitute“ hatte der Regisseur laut Programmheft über ein ganzes Jahr geführt – und stolze 1 400 Interview-Seiten letztlich zu 40 anonymisierten, bühnentauglichen verdichtet: Ein verheißungsvolles Unterfangen! Jetzt ist die Produktion nach der Stuttgarter Uraufführung im koproduzierenden Deutschen Theater angekommen – und zeigt vor allem, dass die Finanz-Insider keine Idealkandidaten für dramatische Überraschungen sind: Viele Informationen, die das hochkarätige Schauspieler-Sextett zur Finanzkrise über die Rampe transportiert, sind im Parkett bereits relativ gut bekannt.

Veiel hat die Banker-O-Töne zu fünf unterschiedlichen Positionen kompiliert, wobei der Experte mit Gewissen (Ulrich Matthes), der neben profunder Marx-Lektüre die kollektive Empörung empfiehlt, und die tough-abgezockte Jungkarrieristin (Susanne-Marie Wrage) wohl die extremsten Gegenpole verkörpern. Jürgen Huth sorgt als Fahrer Hans Helmut Hinz ausdrücklich für dramatische Bodenhaftung in Julia Kaschlinskis hierarchisch gegliedertem Firmen-Szenario, in dem man gern in gläsernen Fahrstühlen symbolisch auf- und abfährt. Neben der ebenfalls nicht sonderlich überraschenden Erkenntnis, dass es in den Topetagen der Finanzbranche nicht direkt altruistisch zugeht, bringt diese Bühnenbild-Maßnahme kalkulierte Dynamik in den ansonsten relativ statischen, monologlastigen Statement-Abend.

Als praktisch besonders schwierig erweist sich bei alledem leider Veiels theoretisch nachvollziehbare Idee, den Menschen hinter dem vermeintlich pokerfacigen Funktionsträger zu zeigen: Auf abgedunkelter Bühne werden mittels chorischer Passagen immer wieder frühkindliche Prägungen in die Banker-Gegenwart hineingespült; nach dem Motto: Mein Vater war Kunsthistoriker und litt zeitlebens daran, dass die schlechte Entlohnung seinen Wert an sich in Frage zu stellen schien. Die kausalen Zusammenhänge, die sich auf diese Weise unter der Hand herstellen, wirken – gemessen an Veiels sonstigem Schaffen – überraschend unterkomplex.     

Text: Christine Wahl
Foto: Arno Declair
tip-Bewertung: Zwiespältig

Das Himbeerreich: Termine
Deutsches Theater,
Karten-Tel. 28 44 12 21

 

Interview mit Regisseur Andres Veiel und dem Ex-Banker Otto Steinmetz

 

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 11.02.2013

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