Sommertheater in Berlin

Sommertheater in Berlin  

Der_Diener_zweier_HerrenDie großen Berliner Bühnen sind im Sommerschlaf versunken. Erstens wurde das ja auch Zeit, und zweitens kann von Pause trotzdem keine Rede sein. Es geht ja weiter mit dem Theater, nur eben draußen. Zumeist in jener hitzeresistenten, volksfröhlichen Variante, die weder Prätentionsverdacht noch Debatten über den tieferen Sinn der Veranstaltung aufkommen lässt. Kann ja sehr erholsam sein. Der Klassiker unter den Berliner Freiluft-Vergnügungen ist dabei das Hexenkessel Hoftheater, das in seinem Amphitheater im Monbijou-Park seit Jahren wacker das Erbe der Commedia dell’Arte hochhält. In dieser Saison mit Carlo Goldonis unverwüstlichem Schwank „Der Diener zweier Herren“, der vom Hexenkessel-Stamm-Regisseur Jan Zimmermann mit gewohnter Verve über die Treppen der mehrgeschossigen Balustraden-Bühne gejagt wird. Ensemble-Zugpferd Carsta Zimmermann spielt Truffaldino, den titelgebenden Diener, der sich heimlich bei gleich zwei Brotgebern verdingt: bei Florindo und bei Beatrice, die als Mann verkleidet Florindo nachstellt, weil der ihren Bruder auf dem Gewissen haben soll. Im Zuge von allerlei Crossgender- und Situations-Wirren bringt Truffaldino die beiden zusammen; eine Lovestory, die der Regisseur mit derbem Witz, grellbunten Kostümen und einem moonwalkmäßig im Hintergrund schippernden Gondoliere aufzieht.

Als Nächstes hat sich die Hexenkessel-Truppe Molières "Der eingebildete Kranke" vorgenommen, die Farce über den Hypochonder Argan, dem eine ganze Schar von Ärzten teuren Unfug verschreibt. Worin man unschwer "ein Gesundheitssystem, das wir alle lieben", wiedererkennen könne, wie der Regisseur spottet. Den Argan vergleicht er mit einem ADS-Kind, das um Zuneigung heischt, "und weil er die nicht bekommt, wird er immer kränker". Zimmermann hat die Geschichte ein bisschen umgeschrieben. Im dritten Akt, sagt er, trete der Tod ein, und das sei wörtlich zu nehmen. Happy-End-Garantie könne er trotzdem geben. Die Tragödien-Grundversorgung mag im Sommer nicht gewährleistet sein, aber an Komödien, Kabarett und Kinderstücken herrscht kein Mangel.

petersonAuf der Open-Air-Bühne im schönen Sommergarten der Ufa-Fabrik tritt der Wortakrobat Marcus Jeroch mit internationalem Ensemble und dem Programm "Frack Mente" auf, was die zirzensische Variante der Performancekunst verspricht. Und auf der Freilichtbühne der Zitadelle Spandau können die jüngeren Zuschauer "Das Beste von Petterson und Findus" erleben, ein Stück, das aus den wunderbaren Kinderbüchern von Sven Nord­qvist um Kater Findus und seinen Ziehvater Petterson gemixt ist. Das Sommertheater in der Ruine der Klosterkirche, das die Künstlerin Nelly Eichhorn zwei Spielzeiten lang überwiegend auf eigenes finanzielles Risiko betrieben hat, gibt es in diesem Jahr nicht mehr. Dafür hat die Shakespeare Company Berlin, die nach wie vor vom Bau eines Globe-Theaters in der Hauptstadt träumt, einen neuen Freiluft-Spielort erschlossen: den Naturpark Schöneberger Südgelände.

Im Wechsel mit der italienischen Commedia dell’Arte-Truppe Lazzo Mortale, die Molières Käuflichkeits-Schwank "George Dandin oder Der bestürzte Ehemann" gibt, spielen die Shakespearianer hier den Klassiker der Open-Air-Saison schlechthin: "Ein Sommernachtstraum". Regisseurin Doris Harder bringt Shakespeares Liebeseselei im Skulpturen-Garten des ehemaligen Rangierbahnhofs mit Spielwut und Kalauerfreude auf die Bühne. Da gesellt sich schon mal der Puck unter die Zuschauer ("Ich bin das Puck-likum") und trinkt vom Weißwein des Sitznachbarn. So was erlebt man drinnen nicht. Schon wegen des lästigen Getränkeverbots im Saal.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Bernd Schöneberger (oben), BKT/Döring

Hexenkessel Hoftheater
Monbijou-Park, Mitte
Der Diener zweier Herren
Di–Sa, 19.30 Uhr; bis Sa 3.9.
Der eingebildete Kranke, Premiere Do 21.7., 21.30 Uhr; Di–Sa, 21.30 Uhr; bis Sa 3.9.

Naturpark Schöneberger Südgelände
S-Bahnhof Priesterweg, Schöneberg
Shakespeare Company Berlin: Ein Sommernachtstraum, wieder Mi 17.–Fr 19.8.;
Mi 24.–Fr 26.8.; Mi 31.8., 20 Uhr
Lazzo Mortale: George Dandin, Do 21.–Sa 23.7.; Mi 27.–Fr 29.7.; Mi 3.8., 20 Uhr

Ufa-Fabrik
Viktoria-Straße 10-18, Tempelhof
Marcus Jeroch und Ensemble: Frack Mente
Do 21.–Sa 23.7., 20 Uhr

Freilichtbühne an der Zitadelle
Am Juliusturm, Spandau Das Beste von Petterson und Findus, So 24.7., 16 Uhr; Mi 27.7., So 31.7., Mi 3.8., 10.30 Uhr

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 27.07.2011

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