Tschüß, Matthias Lilienthal!

Tschüß, Matthias Lilienthal!  

WeltausstellungMit rund einer Million Euro von der Kulturstiftung des Bundes, dem Hauptstadtkulturfonds, der Lotto-Stiftung und aus anderen Töpfen, sind die beiden Abschlussprojekte, die HAU-Chef Matthias Lilienthal sich und den Berlinern zum Finale seiner neun Jahre am HAU gönnt, eigentlich komfortabel ausgestattet. Lilienthal hätte es sich und den Künstlern also gemütlich machen können. „Aber irgendwie stelle ich immer Situationen her, in denen wir mehr machen, als wir uns leisten können“, sagt Lilienthal. Also veranstaltet er im Juni eine leicht größenwahnsinnig wirkende Bespielung der Stadt mit zwei Projekten, die alle Beteiligten,  Team, Künstler und Publikum überfordert.

Das ist konsequent: Überforderung war von Anfang an eine zielsicher eingesetzte HAU-Strategie. Mit „The World Is Not Fair“, der Großen Weltausstellung auf dem Flughafen Tempelhof, die das HAU-Team parallel zum 24-stündigen Theatermarathon „Unendlicher Spaß“ veranstaltet, stehen die Chancen gut, das HAU-Spiel der Überforderung wie der Vermischung von Theater und Event im öffentlichen Raum noch ein paar Umdrehungen weiter zu treiben: Zwei Großprojekte mit 30 beteiligten Regisseuren und Kollektiven bei waghalsigem logistischen Aufwand, mit anderen Worten:  Typischer HAU-Irrsinn.
„Unendlicher Spaß“ klingt mindestens selbstironisch angesichts der Zumutung, den gleichnamigen Roman von David Foster Wallace in einen 24-stündigen Theatermarathon quer durch dem Westen Berlins zu übersetzen. Der 1996 in den USA erschienene Kult-roman montiert Familiensaga, Science-Fiction-Parodie, Agententhriller, Sport- und Drogenreportage zu einem Buchmonster von 1 410 kleingedruckten Seiten und 388 Anmerkungen. Eine kilogrammschwere Realsatire auf eine abgelebte Leistungsgesellschaft, die ihre Absturzängste mit Tennisranglisten, Drogenkonsum, Medienrausch und grotesker System-Paranoia füttert: unendlich trist, maßlos, und darin absurd komisch. Ein deprimierendes Panorama scheiternder Roman-Existenzen, denen der Leser fern jedes Überblicks durch Situationen und Handlungsfragmente hinterhertreibt. Konsequent übersetzt das HAU das in 24 Stunden Dauertheater, also so viel Lebenszeit, dass sich der Theaterbesuch nicht mehr in den Alltag eintakten lässt.

Beim „Unendlicher Spaß“-Parcours durchs alte West-Berlin begegnet man vielen vertrauten  HAU-Bekannten. Gob Squad, Constanza Macras, She She Pop, Philippe Quesnes, Richard Maxwell oder Anna Viebrock verwandeln die imaginären Orte des Romans in konkretes Berliner Sozialambiente: den legendären Tennisclub Rot-Weiß Berlin, die US-amerikanische Abhörstation auf dem Kreuzberger Teufelsberg oder das Institut für Mikrobiologie und Hygiene auf dem Benjamin Franklin Campus sind einige der Schauplätze. Undeutlich bleibt erst einmal, wa­rum ausgerechnet West-Berlin zum Setting für Wallaces US-amerikanischen Osten wird. „Ich bin ja scharlatanhafter Collageur“, grinst Lilienthal, „oder besser: ein Theaterchemiker, der fünf Substanzen zusammenkippt und hofft, dass sie aufeinander reagieren.“
Eine der Substanzen ist dabei die anachronistisch wirkende Technologie-Science-Fiction des Romans, der für Lilienthal in der utopischen Architektur West-Berlins der Sechziger- und Siebzigerjahre seine Entsprechung findet. Die Gebäude, die im kalten Stellungskrieg zwischen Ost und West architektonische Zeichen der Moderne produzieren sollten, tragen heute Patina und sind als Sanierungsfälle zusehends vom Abriss bedroht. Was Lilienthal, der vor Jahren gegen den politischen Fehler ankämpfte, mit dem Palast der Republik die sozialistische Nachkriegsmoderne auszulöschen, vielleicht sogar mehr interessiert als ihr symbolischer Gehalt. „Die Bebauung des Pariser Platzes ist ein solcher Großskandal an verbrecherischer Totallangeweile, dass ich mich über die architektonische Schönheit des Steglitzer Bierpinsels einfach nur freue“, erklärt er, „zumindest ist er grandios geschmacklos.“
Die Nutzung von öffentlichen Räumen, der Umgang mit historischen Bauwerken, Fragen der Berliner Stadtentwicklung sind auch der Link zum zweiten finalen HAU-Projekt. „Die Stadt hat sich extrem umsortiert,“ erklärt Lilienthal. „Der Westboulevard ist total abgeschifft, Unter den Linden und Friedrichstraße auch. Das eigentliche Stadtzentrum ist mittlerweile der Herrmannplatz und der größte Bummelboulevard: die Start- und Landebahn des stillgelegten Flughafens Tempelhof.“ Drei Juni-Wochen lang können die Berliner dort nun unter dem Motto „The World Is Not Fair“ durch die „Große Weltausstellung“ bummeln. Gemeinsam mit dem Architekturkollektiv raumlaborberlin haben 15 internationale Künstler sie als Parodie der echten Weltausstellungen anlegt.

Unendlicher_SpassDie 15 Pavillons verstehen sich programmatisch natürlich nicht als „Agenten der Markenbildung von Nationalstaaten“, sondern als subjektive Auseinandersetzung mit der Welt: Der japanische Regisseur Toshiki Okada zeigt in einer Architektur, die mit zwei übereinander gebauten Pavillons an die havarierten Reaktorblöcke von Fukushima erinnert, wie die Explosion katastrophischer Ereignisse zur Implosion bei den Menschen führt. Rabih Mroué aus Beirut verlangsamt in einem 42 Meter langen Tunnel Handy-Videomaterial aus dem syrischen Bürgerkrieg zu einzelnen Bildern. Die letzten Lebenssekunden eines Protestierenden, der seine eigene Erschießung durch Scharfschützen filmt. Die südafrikanische Videokünstlerin Tracey ­Rose inszeniert eine Seifenoper mit Laiendarstellern, die drei Wochen dauert, und im Bühnenbild eines riesigen Schwarz-Weiß-Fernsehers der Marke Blaupunkt spielt, der im Township zu Apartheid-Zeiten den Zugang zur Welt bedeutete.

Hans Werner Kroesingers dokumentarische Klanginstallation erzählt die ortsspezifischen Geschichten von militärischer Nutzung und Zwangsarbeit, das Performancekollektiv andcompany&Co. behandelt im „World Freud Center“ gestörte psychosoziale Zusammenhänge und die Computer-Spezialisten von machina eX entwickeln ein neues apokalyptisches Theater-Game. Neben der temporären Architektur können die Berliner auch viele der Bestandsgebäude auf dem Flughafen zum ersten Mal begehen: die Antennenmasten-Station, das ehemalige Hundezwinger-Gebäude („Little Guantanamo“ genannt), den Bunker und die große Ballonhalle, wo Olafur Eliassons UdK-Klasse einen Dauerworkshop durchführt. Wahrscheinlich wird sich die Lilienthal-Intendanz auch bei HAU-fernen Publikumsschichten als Ära der eigentümlichsten und aufregendsten Volksfeste in Berlin einprägen. 

Text: Anja Quickert
Fotos: Raumlaborberlin, Thomas Bruns

Unendlicher Spaß
2.–27. Juni, verschiedene Orte im Stadtraum, Beginn 9.30 Uhr S-Bahnhof Grunewald
The World Is Not Fair – Die Große Weltausstellung 2012
1.–24. Juni, Flughafen Tempelhof
Durchgehend geöffnet,  Do+Fr 16-22 Uhr, Sa+So 14-22 Uhr

Infos zu beiden Veranstaltungen unter: www.hebbel-am-ufer.de
Ticket-Reservierungen für beide Veranstaltungen erforderlich: 030 25 90 04 27

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 18.06.2012

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