Wolfgang Rihm und sein "Dionysos"

Wolfgang Rihm und sein "Dionysos"  

Wolfgang_Rihm_c_EricMarinitsch_UniversalEditionSind alle Modernen konservativ? "Ich habe keinen Computer, weil mir dessen Bedienung nicht gelingen will", gesteht Wolfgang Rihm. "Schreibprogramme würden mich nur psychisch belasten", so der bekennende Handarbeiter. Selbst Telefonaten steht er ablehnend gegenüber. Wer sich mit dem 60-Jährigen verabreden will, wird von ihm auf "die Methode Nabokov" verpflichtet. Interview per Fax! Gut, dass wir das staubige Gerät noch nicht weggeschmissen haben. Wer mit Neuerern in der Musik umgeht, tut gut daran, sich mit älterem "Konversationsbesteck" (so Rihm) zu wappnen. "Zur Arbeit schreite ich untrunken, Wasser begleitet mich", so Rihm, der auf mittlerer Distanz zwischen mehreren Weingegenden im Zen­trum von Karlsruhe lebt. "Was nun der angenehmste Teil meiner Arbeit ist?", fragt er sich selbst, faxend. "Wenn ich die abgeschlossene Partitur zu meinem Copy-Shop trage. Dann schwebe ich zwischen den Welten!" Auf diese schwebende, schön abgehobene Weise hat er inzwischen an die 500 Kompositionen in die Welt geschickt.

"Glauben Sie, ich sei versteckbar?", erkundigt er sich auf die Frage, ob er sich hinter hochgebildeten Opernvorlagen von Hölderlin bis Paul Celan verstecken will. Dem Vorwurf, seine Musik sei klebrig, begegnet er mit rührender Herablassung: "Wie Sie von vielen Eingeweihten wissen, bin ich eigentlich dumm und neige zum Kitsch." Es sei ganz klar, dass ein bekannter Autor, der "nicht durch die Schutzsphäre eines Kultstatus beatmet werde, Verdikte aller Art auf sich zieht", so Rihm. "Naturgemäß sind die jeweils gegenteiligen Urteile gleich mitgesprochen." Und gleich wahr?

Der 1952 in Karlsruhe geborene Rihm brachte das Kunststück fertig, die Hochkultur des muffigen Zirkels, in dem sich Neue Musik gerne luftdicht abschließt, zugleich zu bedienen und zu foppen. Die Walzer, die er komponierte, zeigen der Avantgarde ironisch den Hintern. Und das, obwohl Rihm selber der vornehmste und erfolgreichste Vertreter des avantgardistischen Establishments ist, seit Werken wie "Tutuguri" und "Oedipus. Diese Werke komponierte er übrigens für Berlin, wo er ab 1984 als "musikalischer Berater" der Deutschen Oper fungierte. Es handelte sich um einen "Honorierungsmodus für den Kompositionsauftrag ´Oedipus´", so Rihm heute. Rihm-Werke kamen schon immer prall bildungsschwanger bis blasiert vergeistigt daher. Dabei vermochte es Rihm, seine Sachen so opulent zu orchestrieren und klangsinnlich aufzufächern, dass sie als Starvehikel sogar für Künstler wie Anne-Sophie Mutter bis Christoph Prégardien taugten. Früh wurde der Vergleich mit Richard Strauss angestellt. Mit ihm teilt Rihm das Talent, das Publikum nicht zu vergraulen, sondern es bei der Stange zu halten. Er komme sich immer "wie ein Hochstapler" vor, wenn die Analogie mit Strauss wieder einmal losgelassen wird. Und: "Ich warte gespannt auf den nächsten Vergleich."

Dionysos_c_RuthWalzDer ist schon längst ausgesprochen worden. Es gäbe keine bessere Besetzung als ihn, wenn man je einen Film über Georg Friedrich Händel drehen wollte, so Altkritiker Klaus Geitel über den zur Fülle neigenden Barock-Lockenkopf. Auch Händel indes hat Rihm längst im Film verkörpert. Rihm, dem im letzten Jahr das Berliner Musikfest gewidmet war, ist sogar die höchste Auszeichnung im internationalen Uraufführungszirkus zuteilgeworden. "Meine Werke werden zum zweiten Mal aufgeführt!", freut sich der Komponist. Durchaus ungewöhnlich ist das tatsächlich. Und zwar angesichts der grassierenden Wegwerfmentalität heutiger neuer Musik. Was uraufgeführt wird, ist fast schon wieder entsorgt. Von dieser widerwärtigen Regel bildet Rihm eine der wenigen, beneidenswerten Ausnahmen.

Mit flexibler Hand, polystilistisch unberechenbar und mit Sinn für Theaterluft hat Rihm den Erwartungen getrotzt und immer wieder Haken geschlagen, die es ihm erlaubten, dem akademischen Mainstream auszuweichen. Er wusste, dass die atonal verfestigte Avantgarde in der Nachfolge Adornos eine letzte Bastion war, in welcher Freund-Feind-Bilder aus der Zeit des Kalten Krieges munter fortwesen. Und ist nicht in die Falle der damit verbundenen Dogmatik gegangen. Vergegenwärtigen wir uns: Man darf in der Literatur längst wieder erzählen. Im Theater wird lange schon wieder psychologisiert, in der Malerei illustriert, in der Architektur geklinkert, gebogen und getürmt. In der Neuen Musik dagegen gilt immer noch Uniformzwang: das harsche Diktat offener Formen, das Gesetz dissonanter Klänge. So als seien Schönberg, Stockhausen und Boulez taufrische Knaben, die ihre Werke wie frisches Brot eben zu Markte tragen. Dass Kunst Unterhaltungs- und auch Showaspekte hat, ahnt man bei den auf der Stelle tretenden Zeitgenossen Rihms kaum. Bei ihm selber schon. Das ist das vielleicht größte Lob, das man einem Komponisten in Europa heute machen kann.

Von Heiner Müllers "Hamletmaschine" (1983/86) über die Artaud-Oper "Die Eroberung von Mexiko" (1987/91) bis zu den Zyklen "Über die Linie" und "Fetzen 1–8" bleibt Rihm – bei aller geistigen Schwebelust – ein Theaterzampano, der den Ausdruck über das Konzept stellt. "Was ich ‚darf‘ oder was nicht, entscheide ich eigentlich – wie jeder andere ernst zu nehmende Künstler – höchstselbst." "Neue Einfachheit" nannte man seine Stilrichtung, die sich vom Serialismus der Musik-Durchplaner und Turing-Maschinisten bewusst absetzte. Das Etikett, das man seinen Schülern wie Jörg Widman und Rebecca Saunders angeklebt hat, war in Wirklichkeit Ausdruck der Verlegenheit, Rihm überhaupt einer Schule zuzuordnen. "Das Gebarme ums Dürfen", orakelt der Meister, "dringt aus der Zaungast-Herberge herüber. Substanziell wird davon niemand und nichts berührt."

Mit anderen Worten: Dieser Mann fand einen vornehmen, auf- und abgeklärten Weg, allen Dogmatikern Stöckchen zwischen die Beine zu werfen und bisweilen in die Waden zu beißen – indem er sie hüpfend überholte. Das alles war Arbeit. "Das ewig lange Sitzen und Schreiben, dieses elende Durchhaltenmüssen, um zu einer Gestalt zu gelangen", faxt Rihm, "es ist wirklich Mühe und Arbeit." Hinter jedem Unterhaltungskünstler steckt – auch bei Rihm – nichts als beharrliche Plackerei. Wenn in der Berliner Staatsoper zum Saisonschluss Rihms ­"Dionysos" aus Salzburg importiert wird (in der Uraufführungs-Inszenierung von Pierre Audi, 2010), wird der Komponist gewiss anwesend sein. "Allerdings sitze ich bei Bühnenwerken meist hinter der Bühne – im Saal ist mir die psychische Anspannung zu hoch." Doch ein Nervenbündel! Obwohl er so jovial gesettelt wirkt. Die Nietzsche-Oper wird dirigiert von Ingo Metzmacher. Und ist eingebettet in einen Rihm-Schwerpunkt des Staatsopern-Festivals "Infektion!". Hier ehrt man Rihm neben dem Werk von John Cage, dessen sechs "Song Books" und "Europeras 4" exhumiert werden (5.–15.7.)

Fragt sich, ob Rihm überhaupt noch selber durchblickt bei seinen 500 Werken. Und ob er nicht fürchtet, sich dauernd zu wiederholen. Auf die Frage, warum er nicht mal was ganz Dreistes tut und eine Operette oder eine komische Oper schreibt, wird er sofort weich. Und legt exklusiv gegenüber dem tip ein Gelöbnis ab. "Hiermit sei’s versprochen bzw. angedroht: Ich schreibe eine komische Oper! Und dann lache, wer wolle!"

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Eric Marinitsch (Wolfgang Rihm), Ruth Walz / Universal Edition


Dionysos Staatsoper im Schiller Theater, So 8.7., Di 10.7., Fr 13.7., So 15.7.,
19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 10.07.2012

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