Aktion des Zentrums für Politische Schönheit

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Aktion des Zentrums für Politische Schönheit  

Aktion des Zentrums für Politische Schönheit

Kleine Ursache, große Wirkung: Mit der Entfernung von 14 Kreuzen, die an die Mauertoten erinnerten, und einer Busfahrt an die bulgarisch-türkische Grenze hat das "Zentrum für Politische Schönheit" jede Menge Aufregung ausgelöst. Die Aktionskünstler setzten gezielt einen Kontrapunkt zu den Festivitäten zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls, indem sie einfach einige Symbole versetzten: von der beseitigten innerdeutschen Grenze zu den militärisch gesicherten europäischen Außengrenzen. Schon im Vorfeld ihrer Aktion hatten sie Kopien der weißen Holzkreuze für die Mauertoten an Grenzzäune gebracht, die in Griechenland, Bulgarien und der spanischen Exklave Melilla in Marokko die Migrations­ströme stoppen sollen.
Die Symbolkraft ist stark, die Fragen, die die Aktion stellt, sind beunruhigend: Weshalb trauern wir nur um die 138 Toten, die in den 28 Jahren an der innerdeutschen Grenze umgekommen sind – und nicht um Menschen, die beim Versuch, nach Europa zu kommen, ihr Leben lassen? Ist ein Menschenleben wertvoller als ein anderes? Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl schätzt, dass jedes Jahr etwa 50 000 Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder Hunger nach Europa fliehen wollen, bei ihrer Flucht sterben. Mindestens so interessant wie die symbolische Aktion waren die hysterischen Reaktionen darauf. Die Volksgemeinschaft wollte sich die National- und Selbstfeier zum Mauerfall nicht verderben lassen.
Die zweckentfremdeten Kreuze wirkten wie eine Bildstörung, eine Irritation im Bild, das sich das feiernde Deutschland von sich selbst als einem liberalen, toleranten, demokratischen Land macht. Die "BZ" hyperventilierte auf einer empörten Titelseite. Der Staatsschutz ermittelte, obwohl die Täter längst feststanden, schließlich hatten sie sich mit einer Presseerklärung zur Entwendung der Kreuze bekannt.
Als die Aktivisten sich versammelten, um in zwei Bussen Richtung Bulgarien aufzubrechen, marschierte eine halbe Einsatzhundertschaft Polizei vor dem Maxim Gorki Theater auf, als wären Leute, die sich nicht mit Europas Umgang mit Flüchtlingen abfinden wollen, gefährliche Gewalttäter. Philipp Ruch, Regisseur und Kopf des Zentrums für Politische Schönheit, erklärte die Staatsschützer in voller Montur prompt zu "Statisten" seiner Kunstaktion. Der Berliner CDU-Innensenator Henkel, immer gut für Law-and-Order-Gebell, sah die Würde der Mauertoten durch die Aktion gefährdet. Ihm war entgangen, dass die Aktivisten die Kreuze nicht von Gräbern, sondern von öffentlichen Anlagen entwendet hatten. Philipp Ruch sagt, dass er vor der Aktion mit Angehörigen der 14 Mauertoten, an die die Kreuze erinnern, gesprochen hätte, auf keinen Fall habe er deren Gefühle verletzen wollen. Einer der Angehörigen solidarisierte sich in einem "taz"-Interview mit der Aktion.
Weil die zum größten Teil durch Crowdfunding-Spenden finanzierte Aktion vom Maxim Gorki Theater unterstützt und mit 10 000 Euro aus dem Hauptstadtkulturfonds subventioniert wurde, blieben auch die üblichen dumpfen Reflexe gegenüber politischer Kunst nicht aus. Das muss man wohl als Beweis dafür verstehen, dass die Aktion gewirkt hat. CDU-Henkel war sich nicht zu schade, das Eingreifen der Staatsanwaltschaft zu fordern. Vielleicht sollte ihm jemand erklären, was die Verfassung unter Kunstfreiheit versteht. Das Maxim Gorki Theater geriet unter massiven politischen Druck. Shermin Langhoff, die Intendantin, hat sich vorbildlich integer und geradlinig verhalten – und sich natürlich nicht von der Aktion distanziert. Weil es in solchen Konflikten immer einen gibt, der gerne den Kampfhund gibt, kommentierte ein Theaterkritiker im Springer-Blatt "Die Welt" die Aktion mit Schaum vorm Mund: "Der hirnrissigste Dreck, der in der jüngsten Zeit aus deutschen Theater gekommen ist." Weshalb nennt er die Aktion nicht gleich "entartete Kunst"?
Ziel der Aktion, sagt Philipp Ruch, sei Erkenntnis, Aufklärung. Durch die massiven Gegenreaktionen wurde sichtbar, wie robust die Abwehrreflexe gegen unangenehme Wahrnehmungen sind. Jeder weiß, dass jede Woche im Mittelmeer Menschen ertrinken. Es ist bequemer, das auszublenden oder schulterzuckend die Schuld bei den Schleppern und den Flüchtlingen zu suchen. Dass unsere Abwehrreflexe so robust sind, hat Gründe – gute und weniger gute. Wir wollen unseren Wohlstand ungern teilen. Wir wollen vernünftigerweise die Konflikte, zum Beispiel der arabischen Welt, nicht nach Berlin importieren. Allem Wunschdenken zum Trotz sind die Aufnahmekapazitäten der EU-Staaten begrenzt. Selbst wenn Europa wollte, könnte es nicht die Kriegs- und Armutsopfer der Welt einbürgern. Nur: Mehr als Europa jetzt tut, um Menschen in Not zu helfen, ist möglich.
Philipp Ruch, promovierter Politologe, ist nicht naiv. Was er mit seiner Aktion bewirkt hat, ist ein Beitrag zur Selbstaufklärung dieses Landes. Seine Aktion behauptet nicht, dass es einfache Lösungen gäbe. Aber sie macht einen nicht gelösten Konflikt sichtbar zwischen moralischen Ansprüchen und demokratisch gewollter und legitimierter Realpolitik, die den massenhaften Tod von Menschen in Kauf nimmt.
Kurz bevor Deutschland sich selbst am Brandenburger Tor feierte, erklärte übrigens unser Frontex-Partner Italien, dass die Marine ihr Programm zur Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge beenden wird – es wurde zu teuer. Schließlich ist es am billigsten für die EU-Staaten, wenn die Flüchtlinge einfach ertrinken.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Patryk Witt / Zentrum für Politische Schönheit / www.patrykwitt.com

Mehr Informationen unter www.politicalbeauty.de

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 21.11.2014

tip Ausgabe 11/2016

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