Berlin ist ein Bauernhof

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Berlin ist ein Bauernhof  

Berlin ist ein Bauernhof

Wenn Berliner Fabrikarbeiter mit ihren "Armengärten" Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Kartoffelvorräte auffüllen wollten, mussten sie sich rigiden Regeln und strengen Aufsehern beugen. Dennoch waren diese Vorläufer der Schrebergärten vor allem für Familien oft überlebenswichtig. Gut 150 Jahre später ist der städtische Kartoffel- und Gemüseanbau wieder in der Diskussion – nicht nur in Berlin. Den Vereinten Nationen zufolge werden im Jahr 2050 zwei Drittel der wachsenden Weltbevölkerung in urbanen Räumen leben. Die damit verbundenen Herausforderungen sind gewaltig. Auch die urbane Landwirtschaft, zuletzt Domäne der Klein- und Schrebergärtner, bekommt neue Bedeutung. Was Städte wie Havanna, New York oder São Paulo bereits vormachen, könnte künftig mit neuen Formen innerstädtischer Lebensmittelproduktion verschmelzen, etwa mit als vertikalen Farmen geplanten Hochhäusern, in denen neben vegetarischer Kost auch Hühner oder Fische gezüchtet werden.
So könnten nicht nur Transportwege minimiert und Ernährungssouveränität hergestellt, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Außerdem wäre urbane Landwirtschaft eine Blaupause für Stoffkreisläufe: Städtische Biodiversität würde gefördert, der Klima- und Wasserhaushalt verbessert und Gemeinsinn gestiftet. Urban Farming – die eierlegende Wollmilchsau der Nachhaltigkeit?
"Urbane Landwirtschaft hat auf viele Megatrends eine Antwort", sagt Kathrin Specht vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF). "Die allein stehende Universallösung ist sie jedoch nicht." Man müsse regional differenzieren, sagt auch die Agrarwissenschaftlerin Andrea von Allwörden von der Humboldt-Universität. "In den Megacitys der Entwicklungsländer werden Subsistenzwirtschaft und hoch technisierte Formen wesentlich zur Ernährung beitragen, schließlich geht es dort ums Überleben." In hiesigen Breiten stünden dagegen vorerst andere Aspekte im Vordergrund.
Berlin ist nicht der schlechteste Ort, um zu ergründen, welche das sind – ist die Stadt doch neuem Bevölkerungswachstum unterworfen und zugleich der deutsche Hotspot, was das städtische Gärtnern moderner Prägung angeht. Denn ob es um das Anlegen innerstädtischer Kinderbauernhöfe oder um Guerilla-Gardening-Aktionen geht – in der Bundesrepublik gehört die Hauptstadt zu den Pionieren, wenn es gilt, Landwirtschaft in die Metropolen zu holen. Zu nennenswerten Erträgen, die auch wirtschaftlich eine Rolle spielen, reicht es in Berlin dabei nicht. Laut der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist die Versorgung "ohne die Produkte der urbanen Gärten gesichert".
Indes: Auch in der Hauptstadt entwickeln immer mehr Unternehmen neue Geschäftsmodelle der Lebensmittelproduktion, erforscht die Wissenschaft Anbaumethoden, mögliche Schadstoffbelastungen und wie Landwirtschaft in und auf Gebäuden realisiert oder Fisch- mit Gemüsezucht gekoppelt werden kann.
Freilich sind viele Fragen noch ungelöst, die Datenlage ist schwierig. "Das Thema hat nach wie vor Experimentiercharakter", sagt Kathrin Specht vom ZALF. Entsprechend vorsichtig teilt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit, "dass Raum begrenzt ist und flächenhafte Nutzungen immer im Spannungsverhältnis zu anderen Nutzungen stehen".
Das bekommen auch die Schrebergärtner zu spüren, deren Areale über die Jahre stark zurückgegangen sind: Standen 1925 in Berlin noch rund 5 800 Hektar für Kleingärten zur Verfügung, sind es aktuell nur 3 000 Hektar. Allerdings steigt die Produktivität pro Quadratmeter wieder deutlich. Immer häufiger, so Günter Landgraf, Präsident des Landesverbandes Berlin der Gartenfreunde e. V., würde nicht nur das vorgeschriebene Drittel der Parzellenfläche der "kleingärtnerischen Nutzung", also des Anbaus von Obst und Gemüse, zugeführt. Sondern statt Rasenflächen legten die Pächter inzwischen zunehmend wieder mehr Beete an und pflanzten Beerensträucher und Obstbäume statt Blumen. Günter Landgraf: "Der Verbraucher weiß, woher die Lebensmittel kommen und wie sie hergestellt wurden."

Text: Roy Fabian und Eva Apraku

Foto: Tammo Ganders

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 04.09.2014

tip Ausgabe 13/2016

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