Berliner Tanzschulen

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Berliner Tanzschulen  

Tanzschulen

Ferse, Flick, Drehen, Chassé, Wiege – die Kommandos, die Helge Vorthaler seiner Tanztruppe erteilt, klingen für einen Laien zunächst wie Fachchinesisch. Doch seine Schülerinnen wissen genau, welche Schritte sich hinter den Ausdrücken verbergen. Seit sechs Jahren tanzen Marina und ihre Freundinnen begeistert Line Dance, ein Formationstanz, bei dem die Teilnehmer in einer Reihe oder im Kreis synchron eine feste Schrittfolge ablaufen. Die Choreografien sind exakt auf bestimmte Country- und Popsongs zugeschnitten. Sprich: Wann immer ein Line Dancer ein bekanntes Stück hört, kann er automatisch mittanzen. Nicht nur in Deutschland – weltweit!
Marina schätzt den Tanz aber noch aus einem ganz anderen Grund: "Mein Mann und ich haben zehn Jahre lang Standard getanzt. Jetzt hat er keine Lust mehr. Da bin ich auf Line Dance umgestiegen, weil es ein Einzeltanz ist, man aber trotzdem in der Gruppe tanzt", erklärt sie. Außerdem gefalle ihr die Musik. Für Vorthaler ist das einer der Hauptgründe, weshalb Leute das Tanzen beginnen: "Wer gerne Salsa-Musik hört, möchte Salsa tanzen können. Wer Tango mag, will Tango lernen." Ein weiterer Aspekt sei der Wunsch, einer Szene anzugehören, meint er. "In meinen Boogie-Woogie-Kursen beobachte ich oft, dass Teilnehmer ein Accessoire aus den 1950ern mitbringen. Sie identifizieren sich mit der damaligen Zeit und suchen Gleichgesinnte." Viele beharren auch auf der Originalmusik, erzählt er weiter. Junge sowie Ältere.
Katharina Schwenkner, Inhaberin der Tanzschule weRK36, beobachtet unter ihren Swing-Kursteilnehmern Ähnliches. "In der Lindy-Hop-Szene machen viele auf Retro", sagt sie. Generell sei dieser Swing-Stil der 1920er- bis 1930er-Jahre momentan sehr gefragt. Während Lindy Hop bisweilen etwas komödiantisch anmutet, präsentiert sich sein Nachfolger – der West Coast Swing (WCS) – um einiges geschmeidiger. "In den USA, Eng­land und Frankreich ist er schon längst ein Riesentrend; Deutschland hinkt noch etwas hinterher", meint Schwenkner.
Ein Tanz, der auf dem besten Weg ist, den Status des hippen Geheimtipps zu verlieren, ist Zouk. Charakteristisch für die Variante, die hierzulande verbreitet ist – der Brasil-Zouk –, sind Schwungfiguren, mit denen sich die Partner hin und her ziehen. Optisch ergibt sich dadurch der Eindruck, als würde die Energie um das Paar herumgeleitet.
Als gelernter Ethnologe zeigt sich Juan D. Lange wenig erfreut von solchen Adaptionen. 1982 brachte er den Tango argentino nach Deutschland. Seitdem gilt Berlin als europäische Tango-Metropole. In seinem Estudio Sudamerica unterrichtet er ausschließlich die originalen Tanzversionen. Im Fall von Zouk bedeutet das jene Form, die in Guadeloupe und Martinique getanzt wird. Statt auf Show setzt sie auf Intimität. Ziel ist es, die Körper in eine gemeinsame Schwingung zu versetzen. Ganz ähnlich wie bei Kizomba, einem sinnlichen und komplexen Tanz aus der urbanen Kultur Angolas. "Kizomba wird aus dem Zentrum heraus getanzt, aus Wirbelsäule, Brustkorb und Becken", erklärt Lange. "Wir Europäer tun uns da allerdings schwer, weil wir eher mit unseren Extremitäten tanzen." Dies sei womöglich der Grund, weshalb die Nachfrage trotz der medialen Trenderklärung gering sei. "Kizomba verlangt ein enormes Körpergefühl, viel mehr als Salsa oder Tango."
Aufgrund ihrer relativ leichten Beherrschbarkeit führen die beiden zuletzt genannten Latin-Tänze die Beliebtheitsskala nach wie vor an. Doch Berlin steht eben auch auf Nische. Auf historische und außergewöhnliche Tänze wie Kizomba, Irish Dance oder Paso doble, die einen die eigene Individualität ausleben lassen. Diese Ausdifferenzierung der lokalen Tanzszene hat einen netten Nebeneffekt: Sie wirkt bewahrend. Denn ausgestorben ist dem Deutschen Tanzsportverband zufolge in den letzten Jahren kein einziger Tanz.

Text: Henrike Möller

Mehr zum Thema "Tanzen in Berlin" finden Sie hier und ein Interview mit dem Musikwissenschaftler Gunter Kreutz können Sie hier lesen. 

Adressen:

Angolana ­Kizomba Berlin
Nirgends lernt man Kizomba authentischer als bei Paolo. Der Angolaner war einer der Ersten, der diese langsame Version von Semba nach Berlin brachte.
Kaiserdamm 113, 
Charlottenburg, 
Tel. 0157-88 74 85 81, www.angolana-kizomba-berlin.de


Artdance 
Company
Samba, Zouk, Forró, Samba de Gafieira, Kizomba, Salsa, Bachata und Samba-Reggae – die Artdance Company bildet das komplette Spektrum des brasilianischen Tanzes ab.
Rungestraße 20, Mitte, 01522-300 83 26, artdance-berlin.blogspot.de

Atelier Sircle
Ein orientalisches Tanzzentrum, bei dem auch Männer das Hüftekreisen lernen können. In speziellen Workshops wird zudem der choreografische Umgang mit Accessoires wie Schleier und Stock gelehrt.
Neuendorferstraße 69 (auf dem Gewerbegelände), Spandau, Tel. 36 28 82 15 oder 361 27 63, www.atelier-sircle.de

Estudio Sudamerica

Tango argentino, Salsa cubana und Kizomba de Angola – Tanzschulbesitzer Juan D. Lange unterrichtet nur die Originale. Seit 1986 wurden hier mehr als 100 Tanzlehrer ausgebildet.
Heidestraße 46, Mitte, Tel. 434 45 78, www.estudiosudamerica.de

Hula ’Olapa
Hula ist eine Art hawaiianisches Kulturgut, das Tanztheater mit Kampfkunst verbindet. Begleitet von Gesängen und Percussion stellen die Tänzer traditionelle Geschichten expressiv dar.
An diversen Orten, Infos über Tel. 31 16 57 30, www.hula-makahikina.de

Life is Rhythm
Zu Live-Percussion unterrichtet Claudia Gärtner in Kursen und Workshops African Dance aus Ghana, Guinea und Mali.
Verschiedene Orte, Infos unter Tel. 22 01 67 69 oder 0179-662 46 07, www.life-is-rhythm.de

Queer Tango
Lesben, Schwule, Transgender, Heteros – bei Astrid Weiske kann jeder die Magie des Tangos kennen- und, egal ob Mann oder Frau, führen oder folgen lernen.
Hasenheide 54 (Höfe am Südstern), Kreuzberg, Tel. 0174-944 47 88, www.queertango-berlin.de

Swingstep Berlin
Viele der Lindy-Hop- und Charleston-Kurse der Tanzschule SwingStep können ohne Voranmeldung besucht werden.
Rudolfstraße 1-8, Friedrichshain, Tel. 0157-85 10 73 03, www.swingstep.com/berlin

Tanzakademie 
Cifuentes
Orientalischer Tanz und Burleske sind die beiden Schwerpunkte der Inhaber Beata und Horacio, die auch für den Friedrichstadtpalast choreografieren.
Kurfürstenstraße 3, Tiergarten, Tel. 893 55 66, 
www.oriental-fantasy.com

Tanzschule 
Vorthaler
Unter dem Namen Tango 2.0 bietet Helge Vorthaler eine einfache Variante des argentinischen Tanzes an. Auch Milonga, Boogie-Woogie, Line Dance und Paso doble sind Teil seines Programms.
Ringbahnstraße 70, Tempelhof, Tel. 75 70 67 57, www.tanzschule-vorthaler.de

Tanzschule weRK36

Eine der wenigen Tanzschulen, in denen West Coast Swing unterrichtet wird. Aber auch Lindy Hop, Tango argentino, Salsa und alle Gesellschaftstanzarten kann man hier lernen.
Ambeg-Höfe, Tempelhofer Weg 70, Ecke Sachsendamm, Schöneberg, Tel. 75 45 61 86, www.werk36.de

TanzZwiet
Neben Klassikern wie Jazz­dance, Ballett und Modern Dance lehrt TanzZwiET auch Tanzstile wie Flamenco und Stepptanz.
Strausberger Platz 19, Friedrichshain; Danziger Straße 101, Prenzlauer Berg; Strausberger Platz 1, Mitte, Tel. 525 15 22, www.tanzzwiet.de

Tap Beat
Ein Stepptanz-Programm, das dank intensiver Kontakte zur internationalen Stepptanz-Szene zeitgemäß und vielseitig ist. Angeboten werden Kinder-, Erwachsenen-, Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse.
Dieffenbachstraße 33, Kreuzberg, Tel. 88 62 41 58, www.tapbeat.de

Traumtänzer
Von seltenen, traditionellen Tanzstilen wie Bachata, Mambo oder Texas Two Step bis hin zu aktuellen Trends wie Line Dance, Zumba und HipHop ist in dieser Tanzschule alles vertreten.
Columbiadamm 8-10, Tempelhof, Tel. 69 04 13 29, www.traumtaenzer.de

Studio 64

Neben einer Salsa-Fitnesstanz-Variante wartet das Studio 64 mit Zumba-, West-Coast-Swing- und Streetdance-Kursen auf. Auch der Trend-Tanz Brasil-Zouk kann hier erlernt werden.
Epiphanienweg 6, Charlottenburg, studio64berlin.de

Walzerlinksgestrickt
Neben verschiedenen Walzer­arten kann man hier auch Cha-Cha-Cha, Rumba, Samba, Quickstepp, Slowfox oder Foxtrott lernen.
Am Tempelhofer Berg 7 d, Kreuzberg, Tel. 0170-806 77 03, www.walzerlinksgestrickt.de

 

 

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 23.01.2015

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