Das Guggenheim Lab im Pfefferberg

Das Guggenheim Lab im Pfefferberg  

Guggenheim_LabNachdem so viel geschrieben und geredet wurde – was genau wird eigentlich ab dem 15. Juni im Pfefferberg passieren?
Maria Nicanor Wir haben über 100 Veranstaltungen geplant, darunter Diskussionen, Touren, Workshops und Vorträge. Jede Woche bis zum 29. Juli wird von einem anderen Lab-Team-Mitglied betreut. Alle vier setzen sich mit Stadtentwicklung auseinander, aber jeder auf eine andere Art, von einem anderen Gesichtspunkt aus.

Im Programm der ersten Woche „Empowerment Technologies: Technologien zum Mitgestalten von Städten“ geht es um Bewegung und Technik?
Nicanor Für dieses Programm ist José Gomez-Marquez zuständig, der als Arzt viel in Entwicklungsländern unterwegs ist. Ihn interessiert, wie mit intelligenter, aber einfacher Technik lebensnotwendige Dinge entwickelt und verbessert werden können. Gesundheit und Umwelt werden bei ihm im Fokus stehen.

Was wird das praktisch bedeuten?
Lutz Henke José hat eine einfache Methode entwickelt, Wasserqualität zu messen. Es sind Teststreifen, auf denen entsprechend der Wasserqualität ein QR-Code sichtbar wird, das heißt kann jeder Wasserproben aus der Spree entnehmen und diese ortsspezifischen Codes hochladen. Gemeinsam kann man dann mit den Messergebnissen eine Karte erstellen. Dabei geht es natürlich auch darum, wie große Städte wie Berlin mit ihren Flüssen umgehen.

In der zweiten Woche stehen dann unter dem Titel „Dynamic Connections: Dynamische Verbindungen“ Transport und Verkehr auf der Agenda?
Nicanor Rachel Smith gestaltet die zweite Woche. Sie ist Verkehrsexpertin und interessiert sich insbesondere für Radfahren in großen Städten. Ihre Fragen sind beispielsweise: Wie werden Städte aussehen, falls Autos tatsächlich immer mehr verschwinden? Wie werden die Menschen damit umgehen? Wie werden sie sich fortbewegen? Rachels Programm wird ebenfalls mehrere Rad- und Fußtouren durch verschiedene Berliner Bezirke bieten.

Für ein Lab, das den Sponsornamen BMW im Titel trägt, wird viel gelaufen und Rad gefahren ...
Nicanor Wir haben keine Absprachen mit dem Sponsor, was wir machen und was nicht. Sie müssen unsere Programminhalte bestimmt nicht absegnen, die Themen setze ich als Kuratorin gemeinsam mit dem Lab-Team.

Finden Sie es erstaunlich, dass viele andere ganz genau zu wissen scheinen, was Sie machen, bevor Sie die Inhalte überhaupt präsentiert hatten?
Nicanor Jetzt erstaunt es mich nicht mehr so sehr, nachdem wir ja auch eine öffentliche Anhörung zu unserem Programm hatten. Was ich übrigens auch großartig finde. In anderen Städten hätten wir unsere Absichten sicher nicht erst dem Bürgermeister erklären müssen. Es zeigt ja auch, dass man sich für unsere Arbeit interessiert. Schlimmer ist es, wenn man ignoriert wird.

NicanorMariaWas ist denn ganz grundsätzlich das Ziel des Labs? Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit hier vor Ort erreichen?
Nicanor Das Lab soll ein Ort sein, an dem alle eingeladen sind, über die Stadt zu sprechen. Unser Ziel ist es, herauszufinden, welche Wünsche die Bewohner von Großstädten weltweit bezüglich Ihrer städtischen Umgebung haben. Welche Visionen gibt es? Welche Konflikte? Wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Wir hoffen, durch das Lab diesen Diskurs aktiv anregen und positiv wirken zu können. Wie dies konkret aussehen wird, können wir vorher nicht sagen, da das ganz von der Beteiligung abhängt. Wir kommen nicht in Städte und haben eine Agenda von Dingen, die wir ändern möchten. Wir kommen mit Ideen und Überlegungen und diese wollen wir teilen und weiterentwickeln. Was in Berlin passieren und bleiben wird, entscheiden die Berliner.
HENKE Ich mache ja schon seit einiger Zeit Kunstprojekte mit Stadtbezug, u.a. seit Jahren im Ausstellungsraum im Senatsreservenspeicher in der Cuvrystraße. Das Lab ist für mich auch eine Fortsetzung und Teil dieser Arbeit. Viele Fragestellungen überschneiden sich, und wir arbeiten ja auch mit lokalen Gruppen zusammen. Ich hoffe, dass das Lab helfen kann, bestimmten Initiativen und ihren wichtigen Themen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Corinne Rose, die die dritte Woche gestaltet, arbeitet auch mit Open Berlin, Jürgen Breiter und Florian Schmidt an einem Projekt zum Potenzial der Berliner Liegenschaften.

Waren Sie eigentlich sehr überrascht von dem Ausmaß an Auseinandersetzungen am geplanten Standort in Kreuzberg?
Nicanor Es war sehr interessant, denn alles, worum es im Lab gehen soll, wurde ja hier schon einmal durchgespielt. Das Lab hat in Berlin somit eigentlich schon lange vor der Eröffnung begonnen. Diese kritische Auseinandersetzung und die Tradition für Eigeninitiativen in Berlin waren ja mitunter die Gründe, wieso wir Berlin als zweiten Ort für das Lab nach dem Auftakt in New York gewählt haben. Wir denken, dass man hier auch viel lernen kann.

Haben Sie eine Erklärung, warum gerade Ihr Projekt so heftig angegangen wurde?
Nicanor Es scheint mir eher der letzte Tropfen gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Wobei man sagen muss, dass es auch in New York Proteste von ehemaligen Hausbesetzern gab, die wir dann in das Programm integrieren konnten.

Befürchten Sie weiteren Ärger während des Labs?
Nicanor Nein, ich fürchte mich nicht. Ich freue mich. Jetzt öffnen wir, und wir hoffen, dass möglichst viele Leute kommen und sich selber eine Meinung bilden. Das Lab ist offen für alle − und wenn es einem dann nicht gefällt, ist das ja auch vollkommen okay, aber dann weiß derjenige zumindest, worüber er redet.  

Interview: Iris Braun

Fotos: Harry Schnitger, C. Nicanor

Guggenheim Lab
Pfefferberg, Hof 3, Schönhauser Alle 167, Prenzlauer Berg,
15.6.-29.7.,
Mi–Fr 14–22 Sa+So 12–22 Uhr
Programm unter www.bmwguggenheimlab.org,

KOMMENTAR VON ERIK HEIER ZUM GUGGENHEIM-LAB-VORFALL IN KREUZBERG

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 18.06.2012

Kino-Newsletter

Sie wollen das Kinoprogramm stets aktuell nach Hause geliefert bekommen? Einfach auf den Button klicken, anmelden und Sie erhalten von uns wöchentlich die aktuellen Termine und Filmprogramme aller Kinos.

Zur Anmeldung

tip Ausgabe 16/2014

Reportage: Der allnächtliche Taxi-Wahnsinn || Spaß am Lesen: Wie Berlin in Kinderbüchern aussieht || Blockbuster: Planet der Affen: Revolution || Nachbarn: Schweizgenössisch-Festival im Radialsystem V || Dotschy Reinhardt: Musikerin, Autorin, Sinteza ||…