Der Berliner Startup-Boom

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Der Berliner Startup-Boom  

Der Berliner Startup-Boom

Der Junge vibriert, er brennt, er hat dieses Quäntchen Wahnsinn in den Augen. Bastian Knutzen ist 23. Ein wenig ähnelt er einer jüngere Ausgabe des Schauspielers ­Robert Stadlober, wie er durch die dritten Etage des alten Umspannwerkes Humboldt nahe des Mauerparks federt. Flirrender Geräuschpegel. 80 meist junge Leute, dicht an dicht. Sie rollen den Online-Umzugsservice von Knutzens Startup Movinga über Europa aus. 
Vor gerade mal einem Dreivierteljahr schlugen Knutzen und sein Kumpel Chris Maslowski (24) als Zwei-Mann-Umzugsfirma aus dem rheinischen 9000-Einwohner-Städtchen Vallendar in Berlin auf. Jetzt drehen sie mit ihrer Gründung Movinga am großen Rad.
Anfang 2015 hatten die damaligen Studenten ihre Firma an der privaten Wirtschaftsschule WHU – Otto Beis­heim School of Management in Vallendar gegründet. Erst Schreibtische dort an der Uni, dann in Berlin bei Investoren am Mauerpark, am E-Werk. Sechsmal ist die Firma umgezogen, in immer größere Räume, immer schneller die steile Wachstumskurve hinauf. Derzeit sind es 345 Mitarbeiter. "Wir haben allein am 4. Januar fast 60 Leute eingestellt", sagt Knutzen.
Das Portal Deutsche-Startups.de kürte Movinga zum Startup des Jahres 2015.
Woche für Woche wetteifern die Sales-Teams  in der dritten Etage um den Pokal für den größten Umsatz. Motivationsdonnernd schon ihre Titel: Team Alpha, Close Factory, Born To Win. "Du spürst richtig, wie hier alle mitziehen, was Großes zu schaffen", sagt Knutzen.
Er stoppt beim Team Movinga Global, bei einem jungen Schlacks mit struppigem Bart und ebensolcher Haartracht, unter dessen Hoodie-Ärmeln (es ist tatsächlich ein "Movinga"-Hoodie) tätowierte Handrücken hervorlugen – und der allein um die 150.000 Euro im Monat reinholt. "Vorher hat er Schuhe verkauft", sagt Kuntzen trocken.
Die Idee hinter Movinga ist, freie Kapazitäten der vielen kleinen Umzugsunternehmen mit einem Software-Algorithmus zu nutzen. Leere Transporter bei der Rückfahrt von einem Auftrag in einer anderen Stadt etwa. Alles online buchbar. Umzug 2.0.
Das alte Umspannwerk war bis vor zwei Jahren, apropos Schuhe, Sitz des Online-Versandhändlers Zalando. Acht Milliarden Euro Börsenwert. Eines der Berliner Vorzeige-Startups. Nicht gerade unumstritten. Geht aber durch die Decke. Knutzen will auch da hin. Ganz nach oben.
Gerade hat Movinga 25 Millionen Euro Wagniskapital unter anderem beim Technologie-Fonds Index Ventures eingesammelt. Insgesamt investierten 20 Business-Angels, zum Beispiel der sehr umtriebige Christian Vollmann – von dem in dieser Geschichte noch die Rede sein wird – und diverse Venture-Capital-Fonds in Movinga. Wie Earlybird oder auch Global Founders Kapital. Das ist der Fonds der Samwer-Brüder, die die beinharte Firmenklonfabrik Rocket Internet mit einem 100-Länder-Aktionsfeld steuern – der Gigant der Startup-Szene, der zuletzt offenbar arg dahinstolperte: halbierter Aktienkurs, Zoff mit Investoren, eine Ich-bin-dann-mal-weg-Stimmung bei mehreren Führungskräften.
Auch Knutzen war mal bei Rocket. Seine Arbeitstage beginnen um neun Uhr morgens und enden selten vor Mitternacht. "Jetzt heißt es: Kopf runter und immer weiter voran", sagt er. "So lange, bis wir das Thema Umzug in ganz Europa gefixt haben."
Höher, größer, schneller, geiler. Die Attitude passt so gar nicht zum Halligalli-Klischee der lustigen Nerds mit Club-Mate-Suchtproblematik, die in die Startup-Haupstadt Europas strömen, irgendwas mit Internet aufziehen und ihre Social-Media-Butzen mit Kneipenjobs querfinanzieren. Es ist ja noch gar nicht lange her, dass 
Peter Thiel – amerikanischer Starinvestor mit deutschen Wurzeln, einer von der legendären "PayPal-Mafia", die mit den dort verdienten Kapital reihenweise neue Technologie-
unternehmen wie Tesla, LinkedIn oder Youtube aufzogen – über die "pessimistischen Nichtstuer" und das "sozialdemokratische Denken" der europäischen Gründer lästerte. Mittlerweile wächst die Liste der Berliner Startups, in denen Thiels Geld steckt, stetig.
Es war 2014, als Berlin beim investierten Wagniskapital erstmals London überholte. Allein im ersten Halbjahr 2015 bezifferten die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young das Investitionsvolumen in Berliner Startups auf die Rekordsumme 1,4 Milliarden Euro, London kam in dem Zeitraum auf 1,1 Milliarden Euro.

 EyeEm

Zwei- oder sogar dreistellige Millionen-investitionen haben beispielsweise das Männermode-Startup Outfittery, das Finanz-Startup Number26, die Foto-App EyeEm, das Freizeitportal GetYourGuide oder die Lieferdienste Delivery Hero und Foodpanda klargemacht. Das Gebrauchtwagen-Startup Auto1, lange ziemlich unter dem Radar, soll bei einer Finanzierungsrunde in den USA mit einer Milliarde Dollar bewertet worden sein.
Der Boom beim Wagniskapital zeigt sich auch in der steigende Zahl von Venture-Capital-Fonds, die entweder Büros in der Stadt eröffnen oder sich, wie kürzlich der 120-Millionen-Euro-Fonds Blue Yard, gleich hier gründen. "100-Millionen-Euro-Fonds sind schon Alltag, 500-Millionen-Euro-Fonds nicht", sagt Alexander Hüsing, Chefredakteur des Branchendienstes Deutsche-Startups.de.
Und dass im Sommer Microsoft für 
geschätzte 100 bis 200 Millionen Euro die gehypte To-do-listen-App-Firma 6Wunderkinder kaufte, die die "Wunderlist" gemacht hat, war "eine Auszeichnung für den Standort Berlin", glaubt er. Es sei gut für das hiesige Ökosystem, weil es zeigen würde, dass in Deutschland solche "Exits" – wenn die Gründer ihr Unternehmen verkaufen – möglich seien. "Denn ab einer bestimmten Investitionshöhe muss es für die Investoren auf einen Exit hinauslaufen", sagt Hüsing. "Aber hier ist genug Geld vorhanden, um zu experimentieren. Das geht nur in Berlin."

Lesen Sie auch den zweiten Teilunserer Titelgeschichte "Der Berliner Startup-Boom"

Text: Erik Heier

Foto: Franz Brück/ www.franzbrueck.de; EyEm

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 04.02.2016

tip Ausgabe 11/2016

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