Der Traum vom ersten Buch

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Der Traum vom ersten Buch  

Kat Kaufmann

Die Geschichte, sagt Kat Kaufmann, habe ihr gesagt: Ich bin so weit. Du musst mich jetzt erzählen. Und dann hat sie sie aufgeschrieben. Irgendwann war "Superposition" fertig, ihr erstes Buch. 2015 das Romandebüt des Jahres, hat eine Jury für das ZDF-Magazin "Aspekte" befunden.
Klingt einfach. Ist es natürlich nicht. Nie. Es gibt Schreibseminare, da erzählen die Dozenten den Schriftstellerträumern: Wenn du deinen ersten Roman anfängst, siedel ihn dort an, wo du dich auskennst. Wo dir der ­echte Geruch der Dinge noch in der Nase steht, ihr Sound noch im Ohr liegt. Lies dir deinen ­Debütstoff nicht an. Lebe ihn dir an.
Der Traum, ein Buch zu schreiben. Schriftsteller werden. Viele träumen ihn. Die Berliner Cafés sind voll mit Menschen, die an ihrem ersten Buch schreiben. Manche ein Leben lang. Einige werden demnächst auf der Buchmesse sein. In der Tasche einen Packen Manuskripte.
– "Mein erstes Buch ist ein Projekt des Herzens", sagt Veso Portarsky, dessen Debüt im Herbst erschien, muntere Kurzgeschichten eines Bulgaren in Berlin mit dem schönen Titel "Der größte Orgasmus auf dem Balkan."
– "Dieser Erzählstoff musste raus, ich wäre sonst innerlich geplatzt", sagt Andreas Trölsch, Kriminalpolizist, der kürzlich seinen ersten Roman "Die Wanderung" als Book on Demand hochgeladen hat.

Katharina Flick

– "Es gibt nichts Schöneres, als ein eigenes Buch in der Hand zu halten", sagt Katharina Flick, Foodbloggerin und Creative Consultant, die  gerade das Ende ihres ersten Buches, ein Kinderbuch, geschrieben hat.
Manchmal nimmt der Traum von ersten Buch eine Abkürzung, manchmal geht er ­lange Umwege. Oder er kommt nie an, verreckt ­irgendwo am Rande des Wegs. Aber manchmal erfüllt er sich tatsächlich.
Kat Kaufmann hat das Schwarze Café für ein Treffen vorgeschlagen, dort hat sie große Teile von "Superposition" geschrieben. Hin und wieder zum Rauchen raus auf den kleinen Balkon. Kantstraße zu Füßen. Dann weiter im Text.
Als die 34-Jährige gebürtige St. Petersburgerin nach Deutschland kam, sprach sie kein Deutsch. Ein Jahr in einer Flüchtlingsunterkunft in Sachsen-Anhalt, eine Baracke in einem alten Braunkohleabbaugebiet. Dann eine Wohnung in Leipzig, an der Hauswand stand "Ausländer raus!", aber die Schule lag direkt gegenüber. Dort war sie nur: "die Russin".
Ein paar Monate vor dem Treffen im Schwarzen Café. Im November liest Kat Kaufmann in der Buchhandlung Uslar & Rai in Prenzlauer Berg,  zweimal im Jahr richten Katharina von Uslar und Edgar Rai dort den "Debütantenball" aus (wieder am 27. Mai), sie prüfen pro Frühlings- und Herbstsaison jeweils um die 20 Debüts.
Kat Kaufmann wird vorgestellt, da ist sie gerade irgendwo hinter der kleinen Bühne. Sie stolpert fast rein, wirft das in die Stirn drängende Haar nach hier und nach da und albert herum, als sei sie versehentlich eine spätabendliche Comedy-Show geraten.
Als sie aber zu lesen beginnt,  ihre Stimme um eine halbe Oktave runterzieht,  ändert sich etwas, man kann das schwer beschreiben. Nur so viel, dass es es völlig und ausschließlich und total ihr Raum, ihr Moment ist. Als würde ihre Protagonistin Izy Levin mit am Tisch sitzen. Izy, 26 Jahre alt,  "MigrationsVOR-DER-GRUND!", Jazzpianistin, an ihrer Hilflosigkeit inmitten der "Beschissenheit der Dinge" leidend. Und besonders an Timur Hertz.
Izy, die Timur liebt, der Izy liebt.
Izy,  die Timur fickt, der Astrid fickt.
Izy und Timur, die vom selben Blut sind.
Blut all der Ahnen, die durch die Weltgeschichte gezeichnet sind. Wie Babuschka Ella, einzig Überlebende der ihren im großen Krieg. Was in diesem Buch passiert, passiert mit ganzem Herzen. In einer Sprache voller  Wucht und Härte, Sehnsucht und Zartheit. Mal Melancholie, mal Mittelfinger.
Nicht alle Kritiker mochten das Buch. Aber die, die es mochten, mochten es sehr.
"So wie es Rimbaud gesagt hat: Ich ist ein Anderer", sagt Kat Kaufmann im Schwarzen Café. "Wer schreibt, muss hochgradig emphatisch und interessiert an der Geschichte der anderen sein. Nicht nur der eigenen."
Bis sie Ende 20 war, hat sie nie daran gedacht, ein Buch zu schreiben, sagt sie. Theaterregisseur der Vater, Ballettänzerin die Mutter. So ist sie aufgewachsen. Das Glitzern der Bühne, der Tumult dahinter. Immer Geschichten um sie herum."Bühne, Buch, Film: Geschichten waren von Anfang an meine Welt", sagt sie.
In Leipzig belegte sie den Deutsch-Leistungskurs, wollte die Sprache nicht bloß lernen, sondern sie besser als alle anderen können. Spielte mit 16 am Theater. Studierte Jazzgesang, dann auch Komposition, Dirigieren. Ab 2005 dann: Berlin. Wo sie Filmmusik schreibt, als Fotografin arbeitet.
Dann dieser Moment, als sie fühlte, dass das Deutsch-Lernen, erledigt war. Wie sie dachte: "Niemand kann dir etwas vormachen, du bist endlich frei."  Auf dem Heimweg von einem Geburtstag kamen ihr die ersten Sätze der Geschichte in den Sinn. Keinen Notizblock dabei, Handy mit Notierfunktion ging auch nicht, "ich bin die Meisterin im ,Handy leer’".
Jetzt schreibt sie an zwei Büchern gleichzeitig, jeweils 60 Seiten bisher, "ich bin gern schnell, das Leben ist zu kurz".
Eine der beiden Storys wird sich durchsetzen. Die, die am meisten erzählt werden will.
Rund 74.000 Neuerscheinungen bringen deutsche Verlage pro Jahr heraus, das ist zumindest die Zahl von 2014. Davon knapp 10.000 Übersetzungen ausländischer  Bücher. Bleiben weit über 60.000 deutschsprachige Bücher. Ein Riesenmarkt. Eine Riesenkonkurrenz. Und ein schweres Geschäft: Zwischen 8 und 12 Prozent des Nettoverkaufspreises bekommen die Autoren. Bei einem Taschenbuch heißt das ungefähr: pro Buch ein Euro  – und 4.000 verkaufte Bücher gelten bei Debütanten schon als Erfolg.
Ungefähr 50 Manuskripte bekommt der Suhrkamp-Verlag pro Woche unaufgefordert geschickt, erzählt die Lektorin Doris Plöschberger, die bei Suhrkamp deutschsprachige und neue Literatur betreut. "Das steigert sich auch gern vor und nach den Feiertagen, ich weiß nicht, warum", sagt sie. "Interessantes Phänomen." Tendenziell sei die Neugier auf neue Stimmen, auf neue Talente groß. Doch mehr als ein Debüt pro Saison sei bei Suhrkamp selten drin, zwei Debüts würden sich gegenseitig "kannibalisieren", wie sie sagt: "Wir schließen mit jedem Debüt eine Art Wette ab." Im Frühjahr ist es Katharina Winklers grandiose Gewaltstudie "Blauschmuck" (tip 5/2016).
Längst suchen Lektoren oder Literatur­agenten auf ähnlichen Pfaden nach dem nächsten großen Talent. Haben Schreibschulen wie das Deutsche Literaturinstitut Leipzig oder der Studiengang für Kreatives Schreiben in Hildesheim im Blick.  Und Wettbewerbe wie den Open Mike in Berlin oder den Bachmannpreis in Klagenfurt, inklusive der begleitenden Schreibkurse, in Klagenfurt nennt man den gern: "Hässchenwerkstatt". Und Blogs, Autorenforen, Online-Schreibwerkstätten. Gerade plakatiert die Hamburger Schule des Schreibens Berlin mit "Schreib! Dein! Buch!" zu.
Und all die Lesorte für junge Literaten in Berlin, vom Literarischen Colloqium am Wannsee über die Literaturwerkstatt in Prenzlauer Berg bis zu den vielen kleinen Bühnen.  
Zu schade allerdings, dass mit  "Kabeljau & Dorsch" eine ganz wunderbare Reihe für jüngere Literatur im Alter Roter Löwe Rein in Neukölln derzeit wegen fehlender Förderung keine Lesungen veranstalten kann.
Julia Eichhorn von der Agentur Graf & Graf, einer der Vorreiter-Agenturen in Deutschland, sagt: "Vor 20 Jahren war Karin Graf die einzige Agentin beim Open Mike, da reichte es noch, interessante Autoren eine Woche später anzurufen. Karen Duve wurde damals sogar erst Monate später von Karin Graf kontaktiert. Heute sind alle  Agenturen und Verlage dort."

Veso Portarskys

Ein gutes Jahrzehnt, bevor Veso Portarskys erstes Buch im vergangenen Herbst erschien, war sich der Bulgare sicher, kurz vor seinem Durchbruch als Schriftsteller zu stehen. Danach schrieb er viele Jahre keine Zeile Literatur mehr.
Potarsky, 1973 in Sofia geboren, kam ­Anfang der 90er-Jahre zum BWL-Studium nach Berlin. Wenn man ihn in seinem Lieblingscafé in Wedding am Laptop sitzen sieht, denkt man unwillkürlich an Antonio Banderas. Beim Burda-Verlag absolvierte er ein Management-Trainee-Programm, kam dabei nach Moskau,  kannte dort niemanden. Er setzte sich abends an den Computer, schrieb "einen Frauenroman", wie er lacht, 250 Seiten.
Als 2005 die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller den Literaturpreis Berlin erhielt und deshalb eine damals in Deutschland einmalige Autorenwerkstatt für junge Autoren leitete, bewarb er sich, wurde eingeladen, 20 Jungautoren waren es insgesamt. "Ich dachte, das wird mein Durchbruch", sagt er.
Dort las Potarsky aus seinem Text vor. Und Herta Müller, er hat es immer noch im Ohr, habe ­gelacht. Nicht aus Spaß. Überhaupt nicht. Es fühlte sich an "wie verbales ­Auspeitschen".
Davon, erzählt Veso Potarsky, habe er sich jahrelang nicht erholt. Hauptberuflich verkauft er seit zehn Jahren bei großen Fußballereignissen die VIP-Plätze in ganz Osteuropa.
Der Traum vom Buch ließ ihn nie ganz los. Auf Reisen schrieb er kurze, lustige Geschichten. Vor einem Jahr hatte er einen Story-Band zusammen. Ging auf die Leipziger ­Buchmesse. Ließ einigen Verlagen sein Manuskript da. Hörte von den meisten nie wieder. Fand doch noch einen Aachener Verlag, der "Der größte Orgasmus auf dem Balkan" veröffentlichte.
Sein Wunschverlag, Diogenes, hatte das Buch zwar abgelehnt, druckte aber eine Weihnachtsgeschichte in einer Anthologie ab. In der Autorenliste: Martin Walser, Rolf Dobelli, Anton Tschechow, E.T.A. Hoffmann. Und Veso Portarsky. Er hat jetzt das zweite Buch fertig, die Agentur Graf & Graf prüft gerade sein Manuskript. Arbeitstitel des Buches: "Capitalism Cures Love." Die Dinge nehmen langsam Fahrt auf. Veso Potarsky hofft, er bangt, er brennt.
Und Vater wird er bald übrigens auch.
Die Liste der erfolgreichen jüngeren Schriftsteller, die im Deutschen Literaturinstitut Leipzig, 1995 als Nachfolge des fünf Jahre zuvor geschlossenen DDR-Instituts für Literatur "Johannes R. Becher" gegründet, ist beachtlich. Nora Bossong, Hanna Lemke, Clemens Meyer, Bov Bjerg, Saša Stanišić, Juli Zeh. Die Vitrine, in der ihre Bücher aufgereiht sind, heißt dort: "Gläserner Sarg".  Höchstens 20 Bachelor- und acht Master-Studenten pro Jahr. "Rund ein Drittel derer, die hier ihren Abschluss machen, bringen ein Debüt raus", schätzt Institutsgeschäftsführer Jörn Dege.
Zwar sei durch E-Books und Selfpublishing die Möglichkeit zur Veröffentlichung eines eigenen Buches "nur ein, zwei Klicks entfernt", sagt Dege. "Mein Eindruck ist aber, dass gerade deshalb viele Nachwuchsautoren bei einem klassischen Verlag ihr erstes Buch machen wollen. Da arbeiten die jahrelang drauf hin."
Die größten Fehler beim ersten Buch? "Dass man die ganze Zeit für sich allein schreibt, sich keine Rückmeldung von anderen holt." Und zwar nicht nur von Freunden, Bekannten. Oder über Autorenforen im ­Internet. Ein Rat für die Verlagssuche: "Nicht zuviel Hoffnung in einen einzelnen Kontakt, eine einzelne Anfrage setzen." Die Gefahr der Enttäuschung sei dann groß, sagt Dege. "Man muss sich darauf einstellen: Die erste Antwort ist meist erstmal ein Nein."
Ein Anruf bei der Berliner Schriftstellerin und E-Book-Verlegerin Zoë Beck. Sie ist auch als Übersetzerin tätig und sagt: "Der Markt ist seit Jahren leider so, dass die Verlage sehr genau wissen, was sie wollen, und so die Vielfalt einschränken." Den Grund sieht sie in den Buchhandelsketten mit den großen, nach Genres sortierten Verkaufstischen, wo ein Trend nach dem anderen abgearbeitet wird. Bei Frauenromanen zum Beispiel. "Ich rede da von Subgenres: freche Frauen, Hera-Lind-artige Superweiber, Wanderhure-Bücher,  Liebe und Landschaft, Shades of Grey."
Bei den Krimis ist Zoë Beck vor ein paar Jahren mit ihrer "Rostock-Trilogie" fast aus Versehen in das Subgenre Regionalkrimi geraten: "Späte Rache", "Zum Töten nah", "Blutsünde". Fremdenführer mit ein bisschen Mord dabei – nicht ihr Ding. "Ich wollte da wirklich nicht zugehören." Sie wechselte ins Triller-Genre. Politischer, härter. Landete Bestseller mit Büchern wie "Das alte Kind".
Einerseits, sagt Zoë Beck, sei es heute so leicht wie noch nie, als Schriftsteller zu starten: "Blog einrichten, Self-Publishing, sich vernetzen, sich gegenseitig helfen, gegenlesen." Aber gerade Debütanten außerhalb der Genreliteratur wollten ihren ersten Roman eben immer noch gedruckt sehen, "am besten mit Lesebändchen!"
Gegen allzu viel Optimisus hat die 41-Jährige aber auch ein gutes Mittel: "Auf die Leipziger Buchmesse gehen. Gucken, wie viele Neuerscheinungen es gibt: erster Herzinfarkt. Wie viele deutsche Bücher darunter sind: zweiter Herzinfarkt. Aber nicht mehr so schlimm!"
Ein überaus herzliches Lachen am anderen Ende der Telefonleitung.
Aber es gibt sie, die Erfolgsgeschichten, die beim Self-Publishing oder beim E-Book ihren Anfang nehmen. Und durch die Decke gehen.
Geschichten  wie die von Nele Neuhaus, die 2005 bei der Selbstverlaggruppe Monsenstein und Vannerdat ihren ersten Thiller "Unter Haien" hochlud, deren Taunus-Krimi-Bestseller mittlerweile bei Ullstein erscheinen und vielfach verfilmt wurden.
Oder wie die "Berlin Gothic"-Bücher des Berliner Journalisten Jonas Winner, die er in Eigenregie als E-Book-Reihe begann, ehe dtv 2011 sein Debüt noch mal gedruckt auf Papier herausbrauchte.
Oder die Geschichte von Nika Lubitsch aus Berlin, deren erstes E-Book eines Tages plötzlich in der E-Book-Bestsellerliste von Amazon auf Platz eins stand – und dabei ein gewisses Werk namens "50 Shades of Grey" verdrängte.
Ku’damm, Café Reinhard im Hotel Kempinski, ein Platz am Fenster. Draußen: das alte West-Berlin, wie es purer nicht geht. Nika Lubitsch ist pünktlich. "Da drüben", sie deutet gut gelaunt über den Damm, "spielt meine Kudamm-216-Krimi-Reihe".

Nika Lubitsch

Bis Monika von Ramin, wie Nika Lubitsch bürgerlich heißt, mit 60 unversehens zur Bestseller-Schriftstellerin wurde, schien ihr Schriftstellertraum auch genau das zu bleiben: ein Traum. Mit 26 hatte sie, damals PR-Frau in einem Musikverlag, einen Rockstar-Krimi geschrieben, der "Backstage" hieß. Die handkopierten Manuskripte, die sie an 20 Verlage schickte, kamen alle zurück. Einer schrieb: "Anbei Backs-Tage zurück. Wir verlegen keine Kochbücher". Das stand da wirklich so.
Mit 21 hatte sie zwei Berliner Theater geleitet, führte später eine gut gehende PR-Agentur am Kurfürstendamm. War aber immer überzeugt, irgendwann Schriftstellerin zu werden. Schrieb 1999 noch einen Krimi, "Der 7. Tag". Wieder Absagen von allen Verlagen. Wechselte ins Sachbuch-Genre, verfasste ein launiges Frauenbuch, "Mein letzter Tampon". Bekam sofort einen Verlag dafür. Fand das seltsam. Hatte einen Agenten, der irgendwann mit ihren Bucherlösen durchbrannte, einer ihrer Verlage , Eichborn, ging auch noch pleite.  "Da hatte ich die Schnauze voll", sagt sie.
Im Internet fand sie eine Schreibgruppe, zwei Jahre hielt die. Sie schrieb kurze Geschichten, mehr für sich. Stellte später verblüfft fest, dass sich auch solche Geschichten bei Amazon im Selbstverlag prima verkauften. Schaffte sich mühsam das Grundwissen drauf, "ich kannte keinen, der auf Facebook war!", ruft sie im Café aus. "In meinen Kreisen ist man nicht auf Facebook!"  Im August 2012 lud sie "Der 7. Tag", den alten, etwas upgedateten Krimi  aus den spätern 90er-Jahren hoch. Wenige Tage später, an einem Sonnabend: Platz 1 bei Amazon. Vor "50 Shades of Grey". Schnell wieder runter von der Eins, die Fortsetzung von "50 Shades of Grey" kam gerade raus. "Egal, dachte ich. Jetzt kann ich für den Rest meines Lebens sagen: Ich bin Bestsellerautorin."
Einige Zeit später ist sie auf Kreuzfahrt mit ihrem Mann. In Halifax geht sie mit ihrem Laptop ins Netz. Wieder Platz 1. "Ein Schrei durch den Hafen von Halifax".
Sechs Monate bleibt "Der 7. Tag" ganz oben. 350.000 Bücher werden verkauft. Oliver Berben hat die Filmrechte. Die anderen Bücher ­waren nicht mehr so erfolgreich. Aber erfolgreich genug. Bestseller immer noch, immer wieder.
– Wie kamen Sie auf "Nika Lubitsch"?
Und Nika Lubitsch lacht ihr unfassbar ansteckendes Lachen, dass es nur so durch das Café weht: "Ich hatte Angst, dass ich mir meinen Autorennamen kaputtmache. Meine Krimis mag doch keiner, dachte ich."
Im "Spiegel" las sie einen Artikel über die Plattform "Second Life", die vor langer Zeit mal das ganze große Internetding war. Da gibt es einen Namensgenerator. Sie gab ihren richtigen Namen ein. Was rauskam: "Nika Lubitsch".
Klingt gut, dachte sich Monika von Ramin.
Wer E-Books veröffentlicht, dem geht es glaubhaft um die Sache", sagt die Berliner Digitalisierungs-Vordenkerin Christiane Frohmann, die in ihrem E-Book-Verlag fünf bis zehn Titel pro Jahr herausbringt. "Beim gedruckten Buch bewegt  Autoren auch das Prestige-Denken und das physische Gefühl." Eben auch per Print-Self-Publishing: "Manche sagen sich: Einmal im Leben gönne ich mir so ein Projekt."
"Durch das Internet seien schließlich viele an eine Art Autorengefühl gewohnt. Überall wird geschrieben, was die Tastaturen hergeben. Twitter, Facebook, Onlinekommentare. Und dann kriegt eben auch so ein Twitterer mit besonders vielen Followern sogar von einem klassischen Verlag das Angebot, ein Buch zu schreiben. Kann gut gehen, muss aber nicht. Kann auch richt daneben gehen.
"Da habe ich schon einige Autoren dran kaputtgehen sehen", sagt Christiane Frohmann. "Und hinterher hatten sie oft auch noch den Spaß an Twitter verloren."
Auch Katharina Flick bewegt sich im Netz mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit. Auf ihrer Webseite balanciert die 32-jährige Wahlberlinerin einen Holzlöffel auf ihrer Nase. Muss man mögen. Es ist aber auch ein Food-Blog. Unter anderem. Sie verantwortet auch ein Online-Magazin für Food und Lifestyle. Für ein großes Möbelhaus, wo einen alle permanent duzen, hat sie zum Beispiel Schritt-für-Schritt-Anwendungen für Rezepte zusammengetragen. Blaubeersirup unter anderem. Sieht lecker aus.
Ihr erstes Buch aber, für das sie gerade das Ende geschrieben hat, soll nicht einfach als E-Book im Internet veröffentlicht werden.
Es ist ein Kinderbuch, bei dem sich ein Junge in eine Zauberwelt verirrt. 180 Seiten. Verlage hätten es sicher besser gefunden, wenn sie ein Kochbuch geschrieben hätte, sagt sie. Aber da war dieser Moment, als sie in einem Café in der Schönhauser Allee einen kleinen Jungen sah, der in ein Buch vertieft war, schier unreichbar für die Außenwelt.
"So ein Buch wollte ich schreiben!", sagt sie.  Für Leser wie den Jungen, der den Kakao vor sich vergaß, und den Kuchen auch.
Eine erste Version hat sie sechs Testlesern gegeben. "Nach dem ersten Entwurf war ich mir nicht sicher, ob das alles nur in meinem Kopf fabelhaft ist." Aber schon die ersten Rückmeldungen seien "extrem positiv" gewesen. Jetzt ist sie auf Verlagssuche, sie hat sich auch auf ein Kinder- und Jugendbuch-Stipendium in Niedersachsen beworben.
Egal was mit ihrem ersten Buch passiert: Beim Schreiben habe sich schon eine neue Geschichte herauskristallisiert, erzählt Katharina Flick. Das nächste Buch. "Und wenn ich es nur für mich allein schreibe - ich schreibe es!"
Dass Andreas Trölsch gerade sein erstes Buch geschrieben hat, wissen selbst unter seinen Kollegen bei der Kriminalpolizei nur wenige.  Ein paar Leuten hat er es zugeschickt. Die waren durchaus angetan. Doch, liest sich gut.  "Wenn man der Welt etwas mitzuteilen hat, dann muss man das auch machen", sagt er.
Trölsch ist seit 30 Jahren bei der Kripo. Viel gelesen hat er immer. Henry Miller, Kerouac, Ginsberg, Böll, Brecht. Vor vier Jahren hat er sich im Internet das "Trollhaus" zusammengezimmert. Darin wohnt seine Karikatur-Figur Emmes, ein launiger Berliner Kommissar und Kneipenphilosoph.  Emmes hat sogar eine eigene Facebookseite.
Trölschs erstes Buch ist aber kein Karikaturenband, sondern eine Erzählung. Von zwei Polizisten, die gemeinsam durch die Pyrenäen wandern, immer den GR10-Wanderweg entlang, und über Vergangenheit und Gegenwart im Dienst sinnieren. Und wie ihr Leben durch diesen Beruf geformt wurde, bis hin zur Zerstörung ihrer Ideale.
"Niemand ist schlimmer als ein desillusionierter Idealist", sagt Trölsch.
Die Wanderung gab es wirklich. Ist schon ein paar Jahre her. Irgendwann, viel später,  hatte er das Gefühl, das müsse alles mal niedergeschrieben werden.  Er fuhr zu einer Freundin in die Schweiz, setzte sich mit dem Laptop an den Zugersee, schrieb einfach mal los. Das Manuskript schickte er an einige Verlage, manche antworteten nicht einmal. Eine Autoren-Brokerin aus der Schweiz wusste auch nicht weiter. Jetzt hat er seine Erzählung bei Book on Demand hochgeladen. Auf seiner Webseite schreibt er: "Also Leute, ich bin nicht sauer, wenn es sich jemand kauft."
- Will er mit dem Schreiben reich werden?
"Nee!", lacht Trölsch. "Ich hab das Buch bisher dreimal verkauft. An meine Freundin und zwei Freunde!"
Er guckt jetzt mal, wie die Eigenverlag-Methode so läuft. Ein zweites Buch ist schon in der Mache. Es soll "Das Interview" heißen. "Ich will das alles forcieren, weiterentwickeln".Trölsch hat sich vorgenommen, zwei Stunden pro Tag zu schreiben. Er freut sich drauf.
Kat Kaufmann, das zielstrebige Multitalent mit der Attitüde eines fulminant-lässigen Derwischs, ist längst einen Schritt weiter. Sie weiß noch nicht, welches ihrer beiden Bücher, an denen sie gerade schreibt, das nächste wird. Was sie aber weiß: Es wird ihr nächstes Debüt. Diesmal das Regiedebüt. "Am liebsten wäre mir: Ich schreibe das Buch, führe Regie, habe Eingriff auf die Filmmusik und die Kameraführung."
– Und dann auch noch die Hauptrolle?
"Nein", sie lacht. "Ich bin diejenige, die Sachen in Szene setzt. Aber nicht sich selbst." Auf ihrer Visitenkarte steht "Special Agent".  Und wenn sie 37 ist, will sie ein Kind. Am liebsten hätte sie zu Hause eine Frau, die das für sie erledigt, fabuliert sie fröhlich weiter. "Nein, warte! Schreib: Kat Kaufmann will mit 37 Vater werden, sagt sie."  Special Agents können alles.
"Ja, schreib das genau so rein!"

Text: Erik Heier

Fotos:
Jules Villbrandt, Harry Schnitger, Rebekka Kaufmann, Nina Hall

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 17.03.2016

tip Ausgabe 13/2016

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