Das Betahaus am Moritzplatz öffnet seine Pforten für die digital Boheme

Das Betahaus am Moritzplatz öffnet seine Pforten für die digital Boheme  

BetahausFreitagmittag im August. Das sonnige Badewetter scheint in der dritten Etage im Betahaus am Moritzplatz niemand wahrzunehmen. In den riesigen Räumen herrscht reges Treiben: Es wird telefoniert, eifrig getippt, leise dis­kutiert. Im Hintergrund blubbert eine Kaffeemaschine. An den großen Schreibtischen, schlichte schwarze Platten auf Bö­cken, sitzen sommerlich gekleidete junge Menschen, alleine oder in kleinen Grüppchen, vor sich einen Laptop, das Handy griffbereit. Von der Decke baumeln lange Kabel mit Glühbirnen oder Mehrfachsteck­dosen.
Ein ganz normales Büro, an einem ganz normalen Arbeitstag. Keine Frage, das Betahaus ist ein Großraumbüro, aber es ist ein ganz besonderes. Und das nicht nur wegen seiner auffälligen Einrichtung. Wer hier arbeitet, hat sich einen der Schreibtische gemietet. Das Betahaus ist ein analoger Arbeitsraum für die digitale Boheme. Hier findet das statt, was Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch „intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“ genannt haben: Grafiker, Designer, Architekten, Schriftsteller, Journalisten und Fotografen hocken hier vor ihren Bildschirmen – alles Freiberufler und Selbstständige, ohne feste Arbeitszeiten, ohne Verträge. Kreative Leute mit vielen Ideen für eigene Projekte und großer Affinität zur virtuellen Welt. Die digitale Boheme, das sind Leute, die überall arbeiten können, die dazu nur ihren Laptop und einen Internetzugang brauchen.
Zwei von diesen Kreativen mit den vielen Ideen für eigene Projekte sind Tonia Welter, 30 Jahre, und Madeleine von Mohl, 28 Jahre. Tonia ist Produktdesignerin, sie verkauft ihren USB-Schmuck in die ganze Welt. Madeleine hat Germanistik und Geschichte studiert und ist fester Bestandteil der Politikfabrik, eine Agentur für politische Kommunikation. Vor allem aber gehören die beiden zum sechsköpfigen Gründerteam des Betahauses. Die anderen vier sind gerade im Urlaub. Beide haben sie schon länger von einem Ort, an dem sie jenseits vom Nine-to-five-Jobprofil, aber auch jenseits der Einsamkeit im Home-Office selbstbestimmt arbeiten können. „Ich wollte ein Café, das mehr ein Büro ist, und ein Büro, das wohnlich ist. Man sollte sich in einer Gemeinschaft fühlen, ohne in einer zu sein“, erklärt Tonia. „On­line sind wir alle gut vernetzt, aber offline nicht. Dafür fehlte bisher ein Raum“, ergänzt Madeleine. Mit ihrem Betahaus haben sie in Berlin genau einen solchen Ort geschaffen. Überall im Haus ist WLAN, es gibt Dru­cker, Kopierer, Scanner, Meetingräume, Briefkästen, Schließ­fächer und ein Café. Ende März fand die Eröffnungsfeier im Erdgeschoss des grauen, von außen eher unscheinbar wirkenden Gebäudes in der Prinzessinnenstraße statt. Kurz darauf zogen die ersten Mieter mit ihren Laptops ein. Zurzeit sind 81 der rund 120 Plätze ausgebucht, im Durchschnitt kommt ein User pro Tag dazu.
Was hier tagtäglich an einem Tisch passiert, hat nichts mit dem zu tun, was an einem anderen gedacht und besprochen, geplant, organisiert und ausprobiert wird. Christine, 34 Jahre, die sich an einem der Fensterplätze ausgebreitet hat, nennt sich Diskursdesignerin. Sie hat einen Doktortitel in Philosophie und bietet Workshops im Bildungsbereich an. Markus, 35 Jahre, schreibt an einem Roman, und Matthias, 27 Jahre, bearbeitet die Aufträge seiner E-Mail-Marketing-Firma. In der Ecke auf einem der Sofas hält jemand ein Mittagsschläfchen. Schräg gegenüber sitzt eine Konzertagentur.
Das Betahaus ist ein Co-Working-Space auf mehr als 1000 Quadratmetern, ein vergleichbares Haus gibt es nur noch in Montreal. Von überall her bekommen Tonia und Madeleine Anfragen. Geplant sind weitere Häuser auf der ganzen Welt, eine offline und online vernetzte Betahaus-Community. Auch wenn das für das Betahaus-Team bisher nur ein Traum ist, sie haben gezeigt, dass sie ihre Träume mutig realisieren. Gerade erst hat das Statistische Bundesamt die immer größer werdende Gruppe der Selbstständigen wieder mit neuen Zahlen bestätigt. Orte, wie das Betahaus, werden zukünftig gebraucht.
Text: Katharina Wagner

Betahaus Prinzessinnenstraße 19/20, Kreuzberg, www.betahaus.de,
Anfragen zum Probearbeiten an kontakt@betahaus.de,
Führungen Di, Do 17 Uhr,
Anmeldungen an fuehrung@betahaus.de, Preise: Tagesticket: 12 €,
Wochenticket: 49 €, Monatstickets zwischen 79 und 229 €

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 14.09.2009

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