Du bist Berlin: Danielle de Picciotto - Die Ruhelose

Du bist Berlin: Danielle de Picciotto - Die Ruhelose  

DanielleDePicciottoWill man dieser Tage Danielle de Picciotto erreichen, muss man Glück haben. Die Frau, die zu den umtriebigsten Geistern des Berliner Kunst-Undergrounds zählt, ist derzeit selber nur Gelegenheitsgast in der Stadt. Den Großteil ihrer Zeit lebt sie aus dem Koffer, an der Seite von Neubauten-Bassist Alexander Hacke. Das Szenepärchen tourt momentan durch die Welt.
"Wir wollen bei dieser Reise mal wieder ein frisches Bild von Berlin bekommen", erzählt Picciotto mit sanfter Stimme. "Dafür muss man sich mal komplett rausnehmen und reisen. Verrückt, dass ich das ausgerechnet tue, indem ich dabei mein Buch über Berlin vorstelle." Die Frau, die mit langen schwarzen Haaren und dem Faible für romantisch-surrealen Modefreistil ein wenig aussieht wie einem Musical von Tim Burton entstiegen, liest nun Abend für Abend aus "The Beauty Of Transgression – A Berlin Memoir". Es ist ein persönliches Porträt einer goldenen Ära.

Die gebürtige Amerikanerin, die 1987 aus New York via Köln in die Stadt mit der Mauer zog, erzählt aus dem Herzen einer brodelnden Szene, knüpft ihre Geschichten entlang an prägenden Köpfen und Orten. "Dr. Motte" oder "Jim Avignon" heißen die Kapitel, oder "Tresor" und "90 Grad", nicht zu vergessen: "Alexander Hacke". Zudem erinnert sich die Kostümbildnerin, Malerin, Kuratorin und frühere Space-Cowboys-Sängerin an eigene Kunstinitiativen, etwa den mit Gudrun Gut einst als Party-Event initiierten "Ocean Club" – der heutigen Radiosendung – oder das Konzept "Kunst oder König", bei dem sie Gruppenausstellungen von Nachtleben- und "Cheap-Art"-Künstlern mit Konzerten und DJ-Sets zusammenführte.

Gestartet hatte die Szene-Kennerin ihren Pop-Art-Reigen einst in einem maroden Schloss im Havelland. Anfang der Nullerjahre war das, als es viele stadtmüde Künstler raus in die Natur zog. So fügen sich Picciottos "Memoiren" zum erstaunlich lückenlosen Kompendium der Berliner Underground-Historie, von der Mauerstadt bis zur Gentrifizierung im Turbo-Tempo.
"Als ich aus New York nach Berlin kam, war die Stadt das Paradies für mich", erzählt sie, "die Kreativität, dass du quasi umsonst leben konntest, dass es nicht gefährlich war. Das war für mich wie die große Liebe! Und wenn man etwas Perfektes gefunden hat und es verändert sich, erinnert man sich daran, wie‘s mal war. Du hast eine persönliche Messlatte."

Was die 46-Jährige heute an Berlin vermisst, ist das Mysteriöse. "Es war mal alles total geheim", sagt sie. "Es gibt ja auch so gut wie keine Dokumentationen vom Beginn der 90er oder dem Ende der 80er. Heute ist es das Gegenteil: Alles wird gehypt."
Von ihrer Weltreise erhofft sie sich, dass die alte Flamme wieder zündet. Also gaben Picciotto und Hacke im Sommer 2010 ihr Haus auf, wählten für zwei Jahre das Dasein "on the road": zwischen musikalischen Lesungen und Konzerten mit Songs aus dem gemeinsamen Cabaret-Rock-/Americana-Album "The Hitman's Heel". Eine Wohnung in Berlin haben sie behalten. Ansonsten gehe man dort hin, wohin die Kunst ruft – zuletzt etwa nach Prag, ins Atelierhaus von David Cerný. "Es ist eine Reise ins Unbekannte", bekennt Picciotto. "Wir wissen noch nicht, wohin das führt, aber wir wollen es rausfinden. Denn Berlin hat sich schon so extrem verändert, dass wir uns teils etwas verloren fühlen." Ein weiteres Jahr des Vagabundierens folgt, in dem das Duo viele Künstlerfreunde treffen wird, vor allem in den USA. "Wir möchten auch herauszufinden, ob es einen anderen Ort gibt, der uns genauso inspirieren würde wie einmal Berlin. Wir machen also eine Art internationale Prüfung!", sagt Picciotto lachend.

Dass sie vielleicht nie wieder zurückkehren wird, ist jedoch unwahrscheinlich. Bewegung sei nun mal typisch für Berlin, aber auch für sie selbst. "Wenn du als Künstler gut bleiben willst, suchst du immer neue Ansatzpunkte. In dem Moment, wo Stagnation in der Kunst stattfindet, ist sie vorbei. Darin ergänzen Alexander und ich uns gut: Wir sind beide ruhelos, wollen immer Neues kennen lernen, Widersprüche entdecken."

Aus Gegensätzlichem hat Picciotto bisher noch immer Ideen gezogen. Und wer weiß: Vielleicht brechen im Berlin der hohen Mieten und schrumpfenden Fördertöpfe wieder Zeiten an für radikalen Erfindergeist an. Zeiten, in denen sich geheime Pfade öffnen – abseits des Mainstreams.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Alexander Hacke

Danielle de Picciotto: "The Beauty Of Transgression – A Berlin Memoir" Gestalten Verlag, 288 Seiten, 20 €

Lesung mit Musik von Alexander Hacke Schokoladen, Ackerstraße 169, Mitte, Mo 20.6., 20 Uhr

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 14.06.2011

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