Strandbäder im Test: Riviera in Berlin

Strandbäder im Test: Riviera in Berlin  

Ein Kleinkind mit weißblondem Haar buddelt im hellen Sand, der Wind rauscht sanft durch die Wipfel der ufersäumenden Bäume, ein Reiher sitzt regungslos auf einem Holzstamm. Das ist das eine Gesicht des Strandbads Müggelsee. Das andere: Die Uferkante bröckelt, ein Schild warnt: „Betreten verboten!“, zerbrochene Betonstücke ragen kantig in die Luft, vergilbte Plastikeimer fangen Brachwasser unter einer verlassenen Restaurantterrasse auf. An diesem Ort trifft Idylle auf den morbiden Charme des Zerfalls. Die marode Badeanlage steckt in einer Art Notbetrieb. Sie kann seit 2006 – auf eigene Gefahr – besucht werden. Das Bad ist von morgens bis abends geöffnet, es fehlt aber das Geld, um sie für mehrere Millionen Euro denkmalgerecht zu sanieren.

Nur wenige Kilometer westlich am Ufer des Müggelsees: Ein paar Männer stehen neben Palmen unter einem beigen Sonnenschirm, Musik dudelt leise aus den Lautsprechern eines kleinen Imbisses, ein Rettungsschwimmer schaut von einem gepflegten Holzsteg auf den weißen Sand, hölzerne Flöße schaukeln sanft auf den Wellen. Das Seebad Friedrichshagen hat im Gegensatz zum Strandbad Müggelsee nur dieses eine Gesicht. Das Erfolgsrezept: Zwei junge Männer haben die kleine Oase, die zwischen den Stadtvillen von Friedrichshagen versteckt liegt, 2009 von den Berliner Bäderbetrieben gepachtet.
„Wir sind damals auf das Seebad aufmerksam geworden und haben uns mit einem ausgearbeiteten Konzept beworben“, erklärt Geschäftsführer Tino Walter, der schon in der Nähe der Badestelle und an der Jannowitzbrücke in Mitte die Strandbars Gestrandet betreibt. Denn ein Problem steht beim Betrieb eines fast jeden Bades im Mittelpunkt: Nur mit dem Schwimmen allein ist es schwer zu überleben. Schon ein mittelmäßiger Sommer reicht aus, um finanziell den Gürtel enger schnallen zu müssen.

„Darum haben wir uns mehrere Standbeine geschaffen“, erklärt der Mittdreißiger. Neben dem Sandstrand-Badebetrieb, der Rettungsschwimmer und einen Nichtschwimmerbereich einschließt, können Besucher selbst gebaute Flöße mieten. Oder SUP-Boards, auf denen man im Stehen paddelt und mit denen die Betreiber am Puls der Zeit liegen. Historische Räumlichkeiten auf dem Gelände können für Hochzeiten, Feiern oder Partys gemietet werden. „Die perfekte Symbiose aus Saal und Sand“, grinst Walter und zeigt, dass er sein Geschäft versteht.
Das durchdachte Konzept geht auf. In der Woche spazieren hauptsächlich Kinder und Friedrichshagener die ruhigen Straßen des Köpenicker Ortsteils entlang, um sich im Seebad in den Sand zu legen, zu schwimmen oder eine Runde Beachvolleyball zu spielen. Aber am Wochenende ist das Publikum kunterbunt gemischt. „Es kommen alle möglichen Menschen aus dem Umkreis, auch schon mal Touristen, Wochenend-Besucher aus Baden-Württemberg oder Bayern, die in einer der Pensionen am Müggelsee übernachten“, erzählt Walter.

Sie alle geben dem geordneten Strandbad-Leben den Vorzug und springen nicht von einer semi-geheimen Badestelle in einen der vielen Berliner Seen, an denen man sich mittlerweile durch „Lonely Planet“ und andere Reiseführer eh nicht mehr im Einklang mit der Natur entspannen kann. „Die meisten unserer Besucher kommen wegen des Angebots“, meint Walter, der selber am Müggelsee aufgewachsen ist. Das fängt mit Basics wie den Umkleidekabinen und Toiletten an, geht weiter über Eis, Kaffee, Cola und Bier bis hin zu einem sauberen Badestrand mit Rettungsschwimmern und Extraangeboten wie Volleyballnetz, Sprungturm oder eine Wasserrutsche.

Mittlerweile wurden fast alle elf Berliner Strandbäder, die in öffentlicher Hand und über die ganze Stadt verteilt liegen, verpachtet. „Der Senat verlangt von uns, dass wir Kosten einsparen“, erklärt Hans-Joachim Sell von den Berliner Bäderbetrieben, die für die Hallen-, Frei- und Sommerbäder in Berlin zuständig sind. Tatsächlich wird das Budget des Zuschussbetriebs seit Jahren kontinuierlich um Millionenbeträge zurückgeschraubt. Vor einigen Jahren entschloss man sich daher, die Bedingungen für Pachtverträge zu ändern. War es vorher nur möglich, Strandbäder für ein bis zwei Jahre zu pachten, so wurde die Frist mittlerweile erheblich verlängert. „Damit die privaten Betreiber uns wirklich entlasten und auch Investitionen vornehmen, bieten wir Verträge über fünf Jahre mit der Option auf Verlängerung für weitere fünf Jahre an“, erklärt der Regionalleiter die Spar-Strategie.
Aus diesem Grund wird in verpachteten Strandbädern meist mehr als nur der sommerliche Sprung ins kühlende Nass geboten. Sei es das Seebad Friedrichshagen oder aber das Strandbad Lübars, in dem Berliner nach der Arbeit Cocktails trinken und zu Chill-out-Musik entspannen können. Dort werden Grillabende veranstaltet, zur Fußball-EM Public Viewing. Auch das Strandbad Weißensee bietet ein ähnliches Programm. Der Trend geht hin zu Bädern, die sich zu einem Pendant zu den urbanen Strandbars entwickeln, die die Ufer der Spree oder der Kanäle im Zentrum Berlins säumen. Mit einem bedeutenden Vorteil: Statt nur den Blick auf seichtes Wasser zu genießen, kann man hier nach Lust und Laune auch in den See springen.

Außerdem konzentrieren sich fast alle Strandbäder auf Veranstaltungen – in den Sommer- genauso wie in den Wintermonaten–, um ganzjährig im Geschäft bleiben zu können. Das Strandbad Lübars setzt unter anderem auf ein großes Feuerwerk im August, im Strandbad Orankesee findet im September das Seenfest mit einer Bühne und verschiedenen Liveacts statt. Im Seebad Friedrichshagen gibt es im Juli das 2. SUP-Race, in den kalten Monaten treten zahlreiche Bands auf.
Einzig auf den alten Seebad-Chic setzen – das kann sich tatsächlich zurzeit eigentlich nur noch eine Anlage leisten: das Strandbad Wannsee, weiterhin in den Händen der Berliner Bäderbetriebe. „Es ist unser Flagship und ein Selbstläufer“, so Sell. Die denkmalgeschützte Anlage erfreue sich seit über hundert Jahren einer „Riesen-Bekanntheit, die viele Gäste anlockt“. Selbst ein durchschnittlicher Sommer reiche, um erfolgreich zu wirtschaften. Zwar werden nicht mehr die Besucherrekorde der 20er- und 30er-Jahre des letzten Jahrhunderts getoppt, aber nach wie vor ist das Strandbad Wannsee das bestbesuchte Bad in Berlin.

Anders ergeht es seiner Schwester im Osten der Stadt – nämlich dem zerfallenden Strandbad Müggelsee. Laut Sell hat auch diese Anlage das Potenzial, allein durch seine hundertjährige Historie erfolgreich zu sein. Es war einst eines der renommiertesten Bäder Berlins und wurde etwa zeitgleich mit dem Strandbad Wannsee erbaut, sogar von demselben Architekten, der seine Neubauten im Stil der Neuen Sachlichkeit hielt. Heraus kamen dabei lange geschwungene Betonbauten mit einer 160 Meter langen Terrasse, die durch eine Freitreppe in der Mitte gespalten wurde. In dieser Zeit wurde das Bad am Müggelsee als „Riviera des Ostens“ bekannt. Bauten aus DDR-Zeiten kamen dazu, wie zum Beispiel der „Würfel“, der als Disco diente.

2005 mussten die Berliner Bäderbetriebe die Anlage allerdings schließen. Die Diagnose: Unwirtschaftlichkeit. „Wir hatten nicht das Geld, um die denkmalgeschützte Anlage sanieren zu können“, erklärt Sell. Gegen die Schließung des riesigen Geländes, das nicht nur aus Badestelle, sondern auch einem großen Park besteht, gab es großen Widerstand unter den Anwohnern. Gion Voges, Vorsitzender des Vereins „Bürger für Rahnsdorf“, war der Initiator: „Wir haben erst als Bürgerverein und dann mit einer enormen Bürgerbewegung 2006 dafür gesorgt, dass das Strandbad wieder öffentlich zugänglich ist. Und zwar kostenlos.“
Von dieser Errungenschaft will der Leiter des runden Tisches Strandbad nicht wieder abweichen. „Gemeinsam mit dem neuen Bürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel, ziehen wir an einem Strang: Wir wollen das Bad für alle frei zugänglich halten.“ Zurzeit wird daher ein Investor gesucht, der diese Bedingung akzeptiert und das marode Strandbad saniert. Geld solle durch Einkünfte aus Verpachtung des Bades, des Restaurants und der Sauna verdient werden. Die Ausschreibung findet noch in diesem Sommer statt.

Übrigens würde der freie Eintritt bedeuten, dass die Anlage sich nicht mehr Strandbad nennen dürfte. „Wo keine Rettungsschwimmer sind, darf man nur von einer Badestelle sprechen“, so Voges. Das schreibt die Nomenklatur vor. Den Tausenden von Besuchern, die schon jetzt an schönen Wochenenden an den Strand und in den Park kommen, wird das wohl ziemlich egal sein. „Im Volksmund wird der Name sowieso weiterleben!“ Davon ist der engagierte Vereinsvorsitzende überzeigt. 

Text: Wiebke Heiss
Foto: Christian Brodack

Im Test:

STRANDBAD WANNSEE

STRANDBAD TEGEL

SEEBAD FRIEDRICHSHAGEN

STRANDBAD KALLINCHEN

STRANDBAD STRAUSSEE

STRANDBAD WANDLITZ

STRANDBAD ORANKESEE

STRANDBAD WEISSENSEE

STRANDBAD PLÖTZENSEE

STRANDBAD LÜBARS

 

Mehr:

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STRANDBARS IN BERLIN

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 03.09.2012

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