Stadtentwicklung: Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit

Stadtentwicklung: Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit  

KunstrePublikZwischen Westhafen, Birken- und Beusselstraße liegt der ehemalige Güterbahnhof Moabit, umrahmt von einem frisch bepflanzten Stadtgarten. Familien sitzen zwischen Obstbäumen, ein paar Halbstarke klettern auf den zahlreichen Spielgeräten herum. Von der Terrasse des stillgelegten Bahnhofs aus blickt man in Richtung Norden auf das monumentale Behala-Gebäude.
Seit vergangenem Sommer dient das instandgesetzte Bahnhofshaus dem Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZKU) als Residenz und Aktionsbasis. Ein Erbpachtvertrag sichert den Betreibern für 40 Jahre die Nutzung des Geländes. Nach diversen Umzügen und einem Eiertanz durch die Bezirksämter hat man über ein Interessenbekundungsverfahren jetzt einen langfristigen Standort in Moabit gefunden, der vom Bezirk Mitte teilfinanziert wird.

Den Akteuren geht es um ein wechselseitiges Bedingungsverhältnis von Stadt und Kunst und ganz konkret vor allem um die Zukunft Berlins. Wer bestimmt, wie der urbane Raum genutzt wird? Was geschieht mit den noch zahlreichen Brachflächen? Wie können die Verantwortlichen dazu gebracht werden, sich im Hinblick auf öffentliche Liegenschaften vom rein ökonomischen Diktat zu befreien? Solche Fragen beschäftigen die Betreiber des ZKU, das man gewissermaßen als Institutionalisierung des Künstler-Kollektivs KUNSTrePUBLIK bezeichnen kann, auch wenn Mitgründer Matthias Einhoff den Begriff nicht gerne hört.
Das Kollektiv hatte vor ein paar Jahren eine große Brachfläche am ehemaligen Mauerstreifen südwestlich des Alexanderplatzes in den Skulpturenpark Berlin_Zentrum verwandelt. KunstrePublikAuf dem Gelände, das insgesamt 16 verschiedene Eigentümer zählt, realisierte die Gruppe temporäre Kunstprojekte. Zum Beispiel wurde in einer fensterlosen, mit Reklame plakatierten Blackbox ein echtes Zwei-Sterne-Hotelzimmer eingerichtet, in das man sich für eine Nacht einmieten konnte. Ein anderes Projekt bestand aus Lautsprechern, die in den Überresten von im letzten Jahr in Berlin niedergebrannten Autos installiert wurden und aus denen man diverse Statements – von Investoren und Immobilienmaklern bis hin zu Künstlern und Aktivisten – zum Thema Stadt hören konnte. Und das in Form von Operngesängen.

Inzwischen ist man aus dem Osten nach Moabit gewandert, der eingeschlagene Weg soll jedoch beibehalten werden. Was macht die Kunst mit dem vorgefundenen Ort?
Die offenkundige Frage nach dem politischen Impetus beantwortet Matthias Einhoff mit einem Hinweis auf die erst mal neutrale Perspektive der Kunst. Es geht nicht um Wertung, sondern darum, ein Stimmenprisma abzubilden, also den verschiedensten Akteuren Gehör zu verschaffen.
Das ZKU ist ein Ort, an dem interdisziplinär über die Stadt und ihre Zukunft, über Eigentum, Wohnraum und Landnutzung diskutiert werden soll. Deshalb werden laut Einhoff nicht nur Künstler und Stadtforscher zu Wort kommen, sondern auch die Seite, die „die Immobilien vertritt“. Damit Anwohner, Kunst und Wissenschaft eine gemeinsame Sprache finden, organisiert das ZKU Veranstaltungen aller Art, auf denen wissenschaftliche Diskurse und Kunstprojekte mit lokalen Kiez-Praktiken konfrontiert werden. Zur Eröffnung gab es eine Kooperation mit dem Verein Moabiter Ratschlag zum Thema Müll, inklusive Kochen mit abgelaufenen Lebensmitteln und Fragen zur Sperrmüllverwertung.

KunstrePublikFür einen regulären Mietpreis wird Künstlern und Stadtforschern auf dem Gelände auch Arbeits- und Wohnraum zur Verfügung gestellt. In den insgesamt 13 Wohnateliers leben und arbeiten derzeit neun Künstler und zwei Wissenschaftler für jeweils maximal acht Monate. Denn Fluktuation ist ein Schlüsselbegriff im Konzept von KUNSTrePUBLIK. Weder können sich die Leute hier dauerhaft installieren, noch sollen die Projekte über temporäre Aktionen hinausgehen.
So sind das Hotel und die ausgebrannten Autos als Opernkulisse inzwischen Geschichte. Und das ist auch gut so, sagt Matthias Einhoff. Und gut sei auch, dass das ZKU trotz einer Perspektive von immerhin 40 Jahren nicht der endgültige Eigentümer des Geländes sei. Die Stadt selbst, also ihre Bewohner, sollen immer wieder neu entscheiden können, was mit einer Liegenschaft passiert. „Wir müssen diese spezielle Dynamik erhalten, sonst droht Berlin irgendwann das Schicksal von Paris. Dort ist in der Innenstadt alles veräußert und gesetzt – und das Kulturleben quasi tot.“
Matthias Einhoff wünscht sich mehr Erbpachtverfahren für öffentliche Liegenschaften. Es geht also darum, dem drohenden Stillstand entgegenzuwirken, die Bewegung zu bewahren. So ganz neutral ist die Kunst freilich nie.

Text: Christoph David Piorkowski

Fotos:
Harry Schnitger

ZKU – Zentrum für Kunst und Urbanistik

Siemensstraße 27, Moabit, 
Tel. 39 88 58 40,
www.zku-berlin.org

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 26.12.2012

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