Stadtleben und Kids in Berlin

Mein Kreuzberg: Kampf um den Kiez

Sie setzen sich für mehr Grün ein, wollen das Gespräch zwischen den Generationen und Kulturen beleben, machen Jugendlichen Mut, an ihre Potenziale zu glauben, oder inspirieren ihre Mitmenschen durch Kunst-Events für jedermann.

Adrian_Nabi_c_david_von_beckerEs ist das Engagement der vielen Kreuzberger Aktivisten, die diesen Bezirk gleichermaßen vielfältig wie einzigartig – und zu einer ganz besonderen Heimat – machen.

MEIN BLOCK
Die Toreinfahrt in der Kreuzberger Adalbertstraße, Verabredungsort mit dem international vielleicht kundigsten Streetart-Kurator Adrian Nabi (Foto), wirkt, als wäre der Bezirk seit 20 Jahren unverändert geblieben: Konzert-Poster haften in mehreren Schichten an dem bröseligen Putz, es müffelt ein wenig nach Urin – ein ideales Biotop für einen Streetart-Experten? Wobei – mit dem Begriff Streetart sollte man Adrian Nabi lieber nicht kommen. Seine Gesichts­züge verhärten sich dann, der Ton wird ungemütlich. Streetart – das sei in der Kunstwelt doch immer noch ein Witzbegriff. Die Ausdrucksformen, angefangen von Graf­fitis über Paste-ups bis hin zu Videoprojektionen, für die sich Nabi einsetzt, sind in seinen Augen ganz einfach: Kunst. Wie facettenreich diese Kunst ist, das will der streitbare Kopf einmal mehr im Rahmen eines zweitägigen Festivals demonstrieren. Rock The Block heißt seine mit dem Kunstraum Kreuzberg organisierte Veranstaltung, innerhalb der das Wohn- und Gewerbeviertel zwischen Skalitzer, Mariannen-, Oranien- und Adalbertstraße mithilfe von rund 80 Künstlern „visuell therapiert“ werden soll, wie Nabi es nennt. Denn ungeachtet der Bandbreite der von Nabi propagierten Kunst: Gemeinsam ist den meisten dieser Werke, dass mit ihnen öffentliche Räume, die sich – etwa über großflächig angebrachte Werbeplakate – zunehmend der Kommerzialisierung unterordnen müssen, zurückerobert werden sollen.

In seinem Eifer schreckt Adrian Nabi dabei auch nicht vor der Stinky Corner zurück, einer verwahrlosten Passage an der Adalbertstraße, in der sich sonst Junkies herumdrücken, einem Ort, der während der Rock-The-Block-Tage zum Workshop-Areal für den kreativen Nachwuchs werden soll. Überhaupt lädt das Festival dazu ein, gerade die unbeachteten oder nur Insidern bekannten Ecken in dem zentralen, auch bei Touristen beliebten Ausgehkiez zu entdecken. Brandfassaden in Gewerbehöfen werden etwa mit der zauberhaften Videoarbeit „Die Neonorangene Kuh“ von Matthias Wermke und Mischa Leinkauf bespielt. Ein abgelegener, dürftig ausgestatteter Spielplatz soll mit fliegender Kunst, sogenannten Pilz- und LED-Throwies, zum Aktionsraum werden. Und der Festsaal Kreuzberg lockt mit Ghetto-Wrestling, Spielgeld und der Aussicht, Kunstexponate zu gewinnen.
Auch Hinterhöfe, Bars, Internet-Shops, Galerien, das SO36 und eine Treppe neben Kaiser’s werden entweder mit Projektionen, Installationen, Aktionen, Performances, einer Party oder mit gestalteten Leinwänden bespielt. Selbst Kreuzberg-Kennern dürfte sich Adrian Nabis Block – er wohnt hier auch selbst – zu den Festivaltagen in einem ganz neuen, überraschenden, poetischen, wilden oder subversiven Licht präsentieren. Was für Nabi aber auch ein Dilemma ist: Dem zunehmenden Gentrifizierungsdruck, unter dem seine Gegend leidet, will er eigentlich nicht Vorschub leisten. Kürzlich hatte er sich sogar überlegt, ob er sich einen mit ungeschickter Hand auf die Wand gekritzelten Graffiti-Spruch auf sein T-Shirt drucken lässt: „Miete zu teuer? Entwerte deinen Kiez!“, stand da. Mit seinem Rock-The-Block-Festival dürfte sich Adrian Nabi von diesem Vorsatz allerdings recht weit entfernt haben. Text: Eva Apraku, Foto:David von Becker

Adrian Nabi
Seit rund 25 Jahren setzt sich Adrian Nabi, 42, für eine im öffentlichen Raum wirkende Kunst ein, die, wie Graffiti, lange als Vandalismus galt. Erst seit er 2003 das von ihm herausgegebene Kunstmagazin „Backjumps“ als „Live ­wIssue“ im Kunstraum Kreuzberg inszenierte, spürten angesichts des Besucherandrangs auch Skeptiker, welche Kraft von dieser Kunst ausgeht. Zu den internationalen, inzwischen längst renommierten Künstlern, die der Kurator zu Ausstellungen nach Berlin holte, gehörten auch der Brite Banksy oder der Amerikaner Brad Downey.
Rock The Block, Skalitzer-, Mariannen-, Oranien- und Adalbertstraße, 2.10., ab 19 Uhr, 3.10., 12–19 Uhr, Programm: www.backjumps.info 

Isabella_Mamatis_c_david_von_beckerDIE LANGE TAFEL
Isabella Mamatis ist Expertin dafür, Berührungsängste zwischen Menschen abzubauen. Sie setzt ganz unterschiedliche Leute zusammen an einen langen Tisch und fördert das gemeinsame Gespräch.

Bei einem nächtlichen Spaziergang durch ihren Bergmannkiez hat Isabella Mamatis eine Vision: Sie sieht eine Tafel vor sich, die sich über die Bergmannstraße erstreckt und an der der ganze Kiez – alt und jung, alle Kulturen, alle Schichten – gemeinsam Spaghetti isst. Das Bild lässt sie nicht mehr los. In leidenschaftlicher Arbeit entwickelt sie ein Konzept. Mit Erfolg: 2006 findet die erste 200 Meter Lange Tafel in der Bergmannstraße statt. Die Lange Tafel ist für die gelernte Schauspielerin Mamatis eine Bühne, bei der die Zentralperspektive aufgelöst wird. In Kreuzberg bewegt sie vor allem die Frage: Wie kriegt man alle Kulturen an einen Tisch? Bei der Langen Tafel klappt das: Die russische Ladenbesitzerin isst neben dem türkischen Pizzabäcker; die Mieterin einer teuren Ferienwohnung sitzt neben einem Bedürftigen, der für eine kostenlose Mahlzeit kommt. Noch wichtiger ist das Miteinander der Generationen. Schüler sind die Gastgeber der Tafel. Sie laden Senioren aus Seniorenheimen ein. Mamatis versteht die Tafel als Inszenierung in drei Akten.

Im ersten Akt gehen Schüler auf die Straße und in Seniorenheime, um ältere Mitbürger zu interviewen. Die Geschichten, die sie dabei erzählt bekommen, sind wertvolle Stücke Zeitgeschichte, in denen es auch um Krieg geht – mit seinem Schrecken, aber auch mit skurrilen Anekdoten. Die Schüler lernen so den Dialog und erfahren Geschichte hautnah. Im zweiten Akt essen die Akteure, die sich bereits kennengelernt haben, gemeinsam an der Langen Tafel, die Eltern und Kiezbewohner werden dazu eingeladen, Künstler bespielen das Szenario. Die gesammelten Geschichten hängen als Chroniken an Wäscheleinen entlang der Tafel – für alle lesbar. Der Spaß dauert rund drei Stunden. Der dritte Akt ist Reflexion. Die Schüler sehen in Fotos und Dokus den Prozess und bekommen anschließend Urkunden für die sozialen Kompetenzen. Ehrengast und Schirmherr ist der Bürgermeister des Bezirks. Mamatis und ihr Verein – darunter der Autor Ulf Mailänder – haben bereits weitgreifende Pläne: Eine Tafel, die um die ganze Welt geht. In Berlin gab es bereits 40 Tafeln in acht Bezirken und auch außerhalb. Athen und Venedig sind bereits angekurbelt. Text: Annika Sesterhenn, Foto: David von Becker

Isabella Mamatis
Dass die Schauspielerin, Regisseurin, Choreografin und Autorin ein Faible für (Lebens-) Geschichten hat, mag auch an ihrer Herkunft liegen: Sie ist die Tochter eines griechischen Vaters und einer deutsch-holländischen Mutter, und weiß, dass unterschiedliche Leute unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Experimentierfreudig, wie sie auch in ihren schauspielaffinen Tätigkeiten ist, gründete sie nicht nur die Langen Tafeln, sondern entwickelte auch die Idee zu einem virtuellen Denkmal für Migration. In kurzen Statements oder Interviews erzählen dort Einwanderer und deren Kinder über die Wege, die sie zurückgelegt, und die Erfahrungen, die sie gesammelt haben. Eine Schatzkiste der Berliner Alltagsgeschichte.
www.lange-tafel.com; www.denk-mal-fuer-migration.com

 

weitere Initiativen:

MEIN KREUZBERG: PRINZESSINNENGARTEN

MEIN KREUZBERG: UNSER GÖRLI

MEIN KREUZBERG: 36BOYS

MEIN KREUZBERG: JugendKunst- und Kulturhaus Schlesische27    

MEIN KREUZBERG: SÜDBLOCK

MEIN KREUZBERG: KOTTI & CO

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