Club Commission Berlin will mehr Mitspracherecht

Club Commission Berlin will mehr Mitspracherecht  

ClubCommission__JensBergertip Beobachten Sie ein neues In­teresse an politischen Themen in­nerhalb der Clubszene?


Markus Ossevorth (Foto mitte) Ja, es rumort wieder. Die Szene merkt natürlich auch, dass ihr ihre Lieblingsorte genommen werden, und sie hat inzwischen keine Lust mehr, das kampflos hinzunehmen. Mediaspree war sicherlich ein ganz großer Auslöser. Die Leute wollen sich nicht ständig Vorschriften machen lassen: Hier dürft ihr nicht rauchen, hier nicht laut sein und, und, und. Ich glaube, da ist ein großes Widerstandspotenzial. Und das ist auch gut so!


Olaf "Gemse" Kretschmar (Foto links) Mediaspree ist auch ein symbolischer Konflikt, bei dem es um die Weichenstel­lung für die Zukunft Berlins geht. Beton oder urbane Spon­­taneität? Verbaute Stadt oder krea­ti­ver Freiraum? Unser Angebot: Sollte Mediaspree wie versprochen 40.000 neue Arbeitsplätze ge­schaf­fen haben, erhalten die Inves­toren lebenslang freien Eintritt in die Clubs, wenn nicht, wird alles wieder abgerissen.


Ossevorth Ich finde es schade, dass die Clubbetreiber nicht zu den Planungsgesprächen eingeladen werden. Denn die sind es, die diese Gegend in den letzten Jahren aufgewertet haben.

 

tip Welche Bedeutung hat die Clubkultur für Berlin?


Ossevorth Gerade in Städten mit vielen kreativen Möglichkeiten gibt es Wirtschaftswachstum. Diesen Zusammenhang hat der Stadtforscher Richard Florida untersucht. Entsprechend muss man stadtplanerisch umdenken und statt gigantischer Investorenprojekte Freiräume für Kreativität schaffen und zum Beispiel Zwischennutzungen erleichtern.


Kretschmar Es ist, als hätte Florida beim Verfassen seiner Theorie Berlin vor Augen gehabt: Liberales Klima, Multikulturalität, hoher Ausländeranteil, hoher Schwulenanteil, hoher Anteil von Bohemiens – das sind Indikatoren, die auf eine Stadt deuten, die für Kreative attraktiv ist. Die Industrie zieht den Kreativen hinterher – nicht umgekehrt. Das muss die Politik verstehen und die Freiräume in der Stadt schützen. Die Clubszene gehört zur kreativen Infrastruktur und prägt das internationale Image Berlins.

Clubprotest_André_C. Herchertip Wie kann man denn diese krea­tive Stadt weiter fördern?


Ossevorth Zwischennutzungen freier Immobilien sind da zum Beispiel wichtig: Um einen Club ein halbes Jahr zu betreiben, ist keine Hightech-Lüftung oder eine edle Toilettenanlage nötig. Wir setzen uns für eine zeitlich begrenzte Konzession ein.
tip Der Wirtschaftsenat hat bei Ihnen eine Studie zur wirtschaftlichen Bedeutung der Clubszene Berlins in Auftrag gegeben. Wie ist das Ergebnis?


Kretschmar Durch die Umfrage haben wir zum ersten Mal Zahlen ermittelt, die beweisen, welch hohen Stellenwert die Clubwirtschaft in der Stadt hat. Mit etwa 8000 Arbeitsplätzen rangiert sie unter den größten Arbeitgebern der Stadt, vergleichbar mit der Deutschen Telekom oder Deutschen Post World Net in Berlin. Der hochgerechnete Umsatz betrug 2005 170 Millionen Euro, und im Gegensatz zur stagnierenden wirtschaftlichen Lage der Stadt und zur rezessiven Gas­tronomie stieg der Umsatz der Clubwirtschaft um vier Prozent.
Rupert Höß Wie viel Geld die Partytouristen in die Stadt bringen, ist noch nicht ermittelt worden. Wir sind heute eine entscheidende Tourismusattraktion. Die Clubkultur ist ein Wirtschaftsfaktor, der ernster genommen werden sollte.



tip
Ist die Studie auch eine Legitimation für Sie, sich in politische, clubrelevante Themen einzumischen?


Kretschmar Fakten verschaffen Gehör bei denen, die den Standortfaktor Clubkultur noch nicht auf dem Schirm haben. Klassische Lobbyarbeit machen wir seit Jahren, wir treffen uns mit Politikern, bauen gegenseitige Vorurteile ab und versuchen Entscheidungsspielräume zu erkennen und zu nutzen. Unsere Erfolge kann man in der Öffentlichkeit häufig nicht als rauschenden 100-Prozent-Sieg verkaufen, oft haben sie die Arbeit der Club­betreiber aber nachhaltig erleichtert. Das Bundesverfassungsgericht hat gerade Teile des Nichtraucherschutzgesetzes gekippt und sich dabei explizit auf den von der Club Commission in Berlin ausgehandelten Deal bezüglich der Raucherräume in Clubs bezogen.

 

tip Sie kritisieren häufig den Regulierungswahn des Gesetzgebers, der es vielen Clubbetreibern schwer macht. Was ist damit gemeint?


Höß (Foto rechts) Das neue Thema heißt Schallpegelbegrenzung. Bundesweit gibt es eine neue DIN-Vorschrift, die vorsieht, Musik in Clubs und auf Konzerten unter 100 db zu halten. Die Berliner Behörden sind hier bislang kooperativ und setzen auf Aufklärung und Freiwilligkeit. Sollte es zum Gesetz werden, kann das für viele kleine Veranstalter das Aus bedeuten, und das würde uns auf die Barrikaden rufen.


Ossevorth Genauso wie beim Nichtraucherschutzgesetz soll hier unter dem Deckmantel des Gesundheitsschutzes der Mensch absur-derwei­se vor seinem Leben geschützt werden.

Interview: Alexis Waltz und Laura Ewert

 

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von  tip-Redaktion
Veröffentlicht: 14.08.2008 , Zuletzt aktualisiert: 14.08.2008

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