Amanda Palmer im Roten Salon

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Amanda Palmer im Roten Salon  

Amanda Palmer

Wer sich in letzter Zeit fragte, was eigentlich Amanda Palmer so macht – ganze zwei Jahre nach ihrer Burlesk-Sideshow namens Evelyn Evelyn –, der trifft die Songschreiberin im Internet an. Hier kann man die Frontfrau der verblichenen Dresden Dolls in einem Video in verschiedenen Crowdfunding-Portalen sehen. In dem Stummfilm, der an Bob Dylans Clip zu "Subterranean Homesick Blues" erinnert, hält sie eine Reihe handgeschriebener Botschaften in die Kamera. Darauf kündigt die empfindsame Diva mit Faible fürs Weimar-Cabaret ihr neues Album mit brandneuer Band an. Zudem beschwert sie sich über die Unverhältnismäßigkeit, mit der ihre alte Plattenfirma Profit aus ihr gequetscht habe. In digitalen Zeiten und dank Kommunikationswegen wie Twitter ist der Sinn von Plattenfirmen ohnehin fraglich; da wollte Palmer ihr nächstes Album lieber gleich selbst finanzieren, noch dazu ihre Musiker ordentlich bezahlen. Bloß bedurfte es hierfür der Unterstützung ihrer Fans.
The Grand Theft Orchestra heißt die neue Truppe, die mit E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug wohl das rockigste Line-Up darstellt, das man von der singenden Pianistin kennt. Erste Lieder, die die Bostonerin im Netz zugänglich machte, gehen teils weit hinaus über die rhythmusbetonte Minimal-Ästhetik der Dresden Dolls, Palmers stilprägendem Duo mit Drummer Brian Viglione. Wo der Fokus einst auf akustischem Instrumentarium lag, wird es auf dem neuen Album gern episch und laut; bei Stücken wie "Pictures Or It Didn‘t Happen" denkt man an eine "Magical Mystery Tour" mit Punk-Infusion; in der epischen Ballade "Berlin" schließlich schlüpft die 36-Jährige in ihre Lieblingsrolle als Drama-Queen am Klavier.
100.000 Dollar hatte die Pop-Idealistin, die ihre ersten Gagen einst als "Living Doll" in Bostons Innenstadt verdiente, als Ziel angepeilt. Davon sollte die Produktion des neuen Albums in Melbourne mit Indie-Feingeist John Congleton gestemmt werden. Palmer, die seit Jahr und Tag ein Social-Media-Fan ist und einen der fleißigsten Blogs der Indierockwelt schreibt, bekam die runde Summe in nur einer einzigen Woche zusammen. Spender rissen ihr die liebevoll ausgedachten Dankeschön-Aktionen aus den Händen: vom Download-Album bis zu Freiplätzen bei exklusiven Akustik-Konzerten samt Bewirtung und warmem Händedruck der Sängerin.
Als vor ein paar Tagen die mehrwöchige Sammelaktion zu Ende ging, hatten Supporter weltweit eine volle Million überwiesen. Davon wird Palmer ein weiteres Wunschprojekt realisieren – und die anstehende Welttournee mit einer Ausstellungstour befreundeter Maler verkuppeln. Rund 30 Geistesverwandte, darunter kunstsinnige Songschreiber wie Conrad Keeley von Trail Of Dead, Kristin Hersh oder Songwriter Robyn Hitchcock fertigten zu den neuen Songs Bilder an. Nun wird ein feines Kunstbuch gedruckt: ein Luxus, der bei Palmers alter Plattenfirma kaum auf Gegenliebe gestoßen wäre. In den Händen von Freispielern wie ihr klingt die digitale Zukunft erfreulich familiär.

Text: Ulrike Rechel

Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra, Roter Salon, Do 14.6., 21 Uhr (ausverkauft)

Ausstellung: Platoon Kunsthalle, Schönhauser Allee 9, Öffnungszeiten Mi 13.–Fr 15.6., 12–20 Uhr

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 13.06.2012

Kommentare

Amanda Fucking Palmer-- WE LOVE YOU!!!!

Wer hätte es mehr verdient als diese geniale Frau,dass dieses Konzept aufgeht!Freut mich ungemein.Endlich wird einer regelrecht bösartigen Industrie nicht nur ein Schnäppchen geschlagen,sondern…Lesen »

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