Neuer Club im Wedding: Brunnen 70

Neuer Club im Wedding: Brunnen 70  

Brunnenstr. 7071Ist ein neuer Club in der Stadt überhaupt noch einen Bericht wert? Es gibt sie zu Dut­zen­den, darunter in Elektrizitätswerken, Bahnunterführungen, historischen Ballsälen oder ehemaligen Parteigebäuden – und der neueste kommt auf den ersten Blick so unspektakulär daher, dass man dem Betreiber sagen möchte: "Komm, lass gut sein – braucht kein Mensch."
Vis à vis vom U-Bahnhof Voltastraße steht der schnöde Siebziger-Jahre-Bau in unmittelbarer Nachbarschaft vom Hostel Amadeus, OBI-Baumarkt und Alkan-Möbelkaufhaus mit beeindruckend hässlichen Sitzgarnituren im Schaufenster. Nicht mal einen Namen hat der neue Club im Untergeschoss, nur eine Adresse: Brunnenstraße 70/71.
20 Sekunden dauert die Fahrt mit dem Fahrstuhl, die Tür öffnet sich, und Farbgeruch steigt in die Nase. Größer als erwartet sind die Räume, hell und weit, mit Bären und Vögeln an den Wänden, bunte Sofas stehen kreuz und quer. Betreiber Maarten de Jonge und sein Team, ausschließlich Männer, warten schon. Es folgt eine Führung über 800 Quadratmeter Clubbaustelle. Wir passieren immer wieder neue Türen, hinter denen sich weitere Räume auftun, den Überblick zu behalten fällt nicht leicht. Zwischendurch steigen wir über Plastikvögel, Schirme und golden angesprühte Zweige, schieben Leitern und Vorhänge zur Seite und inspizieren eine ehemalige Sauna – vieles davon Überbleibsel des Festivals Wild Wedding, das hier als Testlauf schon vor zwei Jahren stattfand. Damals gab es neben Partyprogramm auch Hörspielvorführungen, ein Labyrinth, Schauspielperformances und Kino, mehrere hundert Leute kamen und sollen auch zur Eröffnung wiederkehren. So wünscht es sich zumindest Betreiber Maarten de Jonge, und der kommt nicht unvorbereitet in den Wedding. Seinen Kunstverein Zur Möbelfabrik e.V. gibt es seit 1998, er zählt mittlerweile über 8000 Mitglieder. Veranstaltet werden neben Ausstellungen und Partys auch Gue­rillakino an un­ge­wöhn­lichen Orten oder hippieske Open-Air-Events in Wäldern am Rande der Stadt. Mit dem Mainstream hat der gebürtige Niederländer und selbsternannte Experte für "Low-Budget-Lösungen" allerdings nicht viel am Hut. Bei ihm legen keine Star-DJs auf, die ausstellenden Künstler sind meist unbekannt. Trotzdem ist im ZMF-Vereinslokal in Mitte beinahe täglich was los – dabei musste man sich seit neuesten Auflagen der Behörden räumlich von zirka 250 auf 75 Quadratmeter beschränken.
Der neue Name "RIP – Rotlicht im Park" ist übrigens eine Anspielung auf ein Missverständnis zwischen dem neuen Hauseigentümer und de Jonge. Der hatte sein Lokal beim Hausherrn etwas missverständlich als Amüsierstätte vorgestellt. Der Besitzer ist seither überzeugt, sein Mieter würde einen Puff betreiben. De Jonge trägt’s mit Fassung. De Jonge: "In Mitte ist nicht mehr viel zu machen" – die Gentrifizierung ist so gut wie abgeschlossen, der Umzug in den Wedding, wo günstige Mieten locken und Hausverwaltungen noch Kompromissbereitschaft signalisieren, ist die logische Konsequenz. Angesprochen auf Medienberichte zum neuen, vermeintlichen "Szenekiez" Wedding lächelt de Jonge nur müde. Allerdings freue es ihn, dass im alten Stadtbad neuerdings gute Partys gefeiert werden, dass Fateclub und Mauersegler nur ein paar Straßen weiter sitzen. Das Festival Wild Wedding möchte man in Zukunft einmal im Monat ausrichten. Zudem haben er und sein Team viel Arbeit sowie einen sechsstelligen Betrag in den neuen Club investiert. De Jonge: "Das hätten wir nicht getan, würde der Wedding keine Perspektive bieten."

Brunnen 70 Grand Opening
Brunnenstraße 70/71
Freitag 5.3., 22 Uhr
Zugang über den Fahrstuhl
www.brunnen70.de

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 19.02.2010

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