Nach zweijähriger Auszeit beschäftigt sich die Band auf ihrem vierten Album "Bring mich nach Hause" nun lieber mit sich selbst als mit Politik und Gesellschaft.
Judith Holofernes stiefelt in Ballerinas durch den Morast, die Kollegen waten knietief im Schlamm, wischen sich schnaufend die Stirn, derweil robbt Gitarrist Jean-Michel Tourette weiter, bäuchlings im Matsch. Das neue Video von Wir Sind Helden sieht nach Knochenarbeit aus. Auch im Text von "Alles" geht es darum, sich durchzukämpfen – dem sanft laufenden Gitarrenpop des Songs zum Trotz. "Du kriechst auf allen Vieren", singt Holofernes, "Eine Stimme an deinem Ohr sagt: Du sollst nicht lamentieren."
Das klingt ziemlich nachdenklich für eine Band, die zurückgekommen ist, um uns erneut zu überzeugen. Zwei Jahre Auszeit hatten sich Wir sind Helden zuvor selbst erteilt: die längste Pause in zehn Jahren. "Wir hatten alle Lust, mal was anderes zu machen", erzählt Tourette. Er selbst nutzte die Zeit, um sich einem Seitenprojekt zu widmen, sich ins eigene Studio in Hannover zurückzuziehen und dort mit Tour-Trompeter Christoph Van Hal Songs zu schreiben. "Das hat großen Spaß gemacht; und es war auch wichtig, dass sich nicht alles ausschließlich um Wir Sind Helden dreht", sagt er. Seit Ende des Jahres ist der 35-Jährige zudem Vater; wenige Monate, nachdem auch Judith Holofernes und Pola Roy – das Paar in der Band – ihr zweites Kind bekamen. Die kollektive Elternzeit kam somit allen gelegen. Pola Roy: "Das wurde irgendwann zum Problem, mit Kind auf Tour zu gehen , wenn man nächtelang nicht schlafen kann und dann aber auf so große Bühnen raus muss. Manchmal würdest Du dann viel lieber für dich sein und einfach nur ’ne DVD gucken."
Ohnehin wirkte die Band vor ihrer Ruhepause recht eingefahren: Mit "Soundso", dem dritten Album, schipperte das einstige Prachtschiff des deutschen Indiepop auf allzu berechenbarem Kurs. Leading-Lady Holofernes schien sich festgelegt zu haben auf die Rolle als musikalische Klassensprecherin der Antiglobalisierungsbewegung, als Sprachrohr einer Generation ohne Sammelbegriff. "Der Krieg kommt schneller zurück als Du denkst" hießen die Songs oder "Die Konferenz": Sie lieferten wohltemperierten Agitpop, den die Band in ausgewogenen Popschönklang tauchte – weit entfernt von jedem schrillen Unterton, wie er früher mal in den Ohren klingelte und weit entfernt auch von den Erfolgen, die die Band zuvor mit "Die Reklamation" und "Von hier an blind" gefeiert hatte.
"Wir haben uns schon Gedanken gemacht, warum das Album nicht so viel Anklang gefunden hat wie die davor", sagt Tourette. "Dabei mag ich es immer noch. Ein Album soll ja immer eine Momentaufnahme sein und widerspiegeln, was dir zu einer bestimmten Zeit richtig erschien, was du gefühlt hast." Musikalisch entdeckt der Teilzeitproduzent dagegen Dinge, "die würde ich heute nicht mehr so machen. Wir dachten damals zum Beispiel, es wäre heilsam, wenn wir uns sehr viel Zeit im Vorhinein nehmen, um Songs miteinander zu schreiben. Später aber beim Aufnehmen saß dann im Grunde jeder allein mit dem Produzenten im Studio, und wir haben alle unsere Parts separat eingespielt". Auch Pola Roy findet, dass sich im Lauf der Jahre Routine eingeschlichen hatte: "Das Musikmachen an sich ist viel zu kurz gekommen", sagt der Drummer.
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Das komplette Album kann man ab sofort auf der MySpace-Seite der Band im Stream anhören: Wir sind Helden auf MySpace
Text: Ulrike Rechel
Foto: Sven Sindt
Wir sind Helden: Bring mich nach Hause (Reklamation Records/Columbia Records) ab Fr, 27.08.2010 im Handel
Wir sind Helden, C-Halle, Di 26.10., 20 Uhr