Dr. John im Astra Kulturhaus

Dr. John im Astra Kulturhaus  

Dr. John

Es war Mitte der 1950er, als der junge Mac Rebennack seinen Mentor Professor Longhair, den exzentrischen Urvater des New-Orleans-R&B, in einem kleinen Club kennenlernte. Mac, ein aufmüpfiger 14-Jähriger, der lieber alten Jazzaufnahmen im Schallplattenladen seines Vaters lauschte als zur Schule zu gehen, trieb sich schon früh in der Musikerwelt umher. Er spielte Gitarre, schrieb Songs und mit 16 produzierte er Singles für lokale Labels. Auftritte für die spontan zusammengewürfelten Bands gab es meist in Bordellen und Nachtclubs, manchmal in Kirchen oder bei Straßenfesten und überall dort sog er die Gerüche, Klänge und Rituale seiner geliebten Stadt auf.
Dr. JohnVon Professor Longhairs Funk befeuert, vom Voodoo der karibischen Priester beseelt, vom Heroin berauscht und dabei ständig knapp bei Kasse, kam der junge Musiker bald auf Abwege und landete schließlich in einem texanischen Gefängnis. Nach der Entlassung, 1965, zog er überstürzt nach Los Angeles und machte sich als Session-Musiker einen Namen. Sonny & Cher engagierten ihn, genauso Canned Heat und Frank Zappa. Mittlerweile spielte Mac Rebennack vornehmlich Klavier und Orgel, da er infolge einer Schießerei an der Hand verletzt wurde und mit der Gitarre Schwierigkeiten hatte. Eine weitere Veränderung kam hinzu, der neue Name, mit dem er sich fest in den Kanon der Musikgeschichte einschreiben sollte: Dr. John. Entliehen von einem obskuren Heiler und Reptilien-Liebhaber senegalesischen Ursprungs, der im New Orleans des 19. Jahrhunderts lebte.
Währenddessen war die Sixties-Revolution der Hippies und Freaks voll im Gange. In Kalifornien sehnte sich Dr. John jedoch nach seiner Heimatstadt und vor allem seiner Musik. So trommelte er 1968 eine wilde Truppe von Musikern zusammen, die es wie ihn von "Big Easy" an die Westküste verschlagen hat. Mit ihnen erschuf er eine düstere, spirituelle Abart des Psychedelic Rock, einen nie zuvor gehörten Sound aus hypnotischen Percussions, stampfenden Bässen, flirrenden Orgeln, rituellen Stammesgesängen und verhallten Gebeten über Drogen, Göttinnen, Schrumpfköpfe und Zauberknochen. Vier Alben entstanden in jener "Night Tripper"-Ära zwischen 1968 und 1971, als die Band in exotischen Schamanenkostümen auftrat und ihre Konzerte in ausschweifende Voodoo-Orgien mit Schlangenbeschwörungen und Nackttanz verwandelte und der Song "I Walk On Guilded Splinters" zum Underground-Klassiker avancierte. Die kreativste Phase in der über fünf Jahrzehnte andauernden Karriere des Doktors.
Bis heute begeistern sich nachwachsende Generationen für "Gris Gris", "Babylon", "Remedies" und "The Sun, Moon & Herbs". Auch Dan Auerbach von den Black Keys erkennt in diesen Platten visionäre Werke. 2010 stattete der 40 Jahre jüngere Sänger und Gitarrist seinem Idol einen Besuch ab, er beschwor den alten "Night Tripper"-Geist und erörterte eine mögliche Zusammenarbeit. Es klappte. Als im April dieses Jahres das gemeinsame Album "Locked Down" erschien, überschlug sich die Kritik. Ein Alterswerk oder gar ein Comeback ist es aber keineswegs, eher die geglückte Rückkopplung auf eine Zeit, als Rockmusik noch Geheimnisse barg.

Text: Jacek Slaski

Fotos: Michael Wilson

Dr. John, Astra Kulturhaus, Do 12.7., 21 Uhr, VVK: 25 Euro zzgl. Gebühr

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 11.07.2012

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