Ein Interview mit Adele

Ein Interview mit Adele  

Adele

Die 22-jährige redet irrsinnig schnell und laut, dass man es noch durch die Zimmertür hört. Herrlich ordinär kann ihre Stimme sein, mit einem Cockney-Akzent. Dann aber auch wieder sehr zärtlich.

tip Adele, Ihr erster Langspieler hieß "19", der zweite jetzt "21". Ist es nicht fantasielos, jedes Album nach Ihrem jeweiligen Alter zu benennen?
Adele Das war auch mein erster Gedanke, und d­a­rum fand ich die Idee erst mal ziemlich bescheuert. Andererseits ist 21 für jeden ein prägendes Alter – da gilt man sogar in den USA als volljährig. Doch das allein hat nicht den Ausschlag für den Albumtitel gegeben. Ich habe gemerkt, wie sehr ich mich in der Zeit zwischen den beiden Platten verändert habe. Auch wenn ich das früher für undenkbar hielt: Ich bin wirklich erwachsen geworden.

tip Woran machen Sie das fest?
Adele Ich bin jetzt geduldiger, mit mir selber und mit anderen. Weder Kritik noch Ablehnung werfen mich aus der Bahn. Das war vor ein paar Jahren völlig anders. Da hatte ich mich zu einem sturen Teenager entwickelt, der alles zu wissen glaubte. Ich habe jeden gut gemeinten Rat in den Wind geschlagen. Inzwischen bin ich für die Meinung meiner Mitmenschen sehr viel offener. Mir ist klar, dass ich nicht perfekt bin und einige Fehler habe. Zum Beispiel kann ich einem Mann das Leben ganz schön schwer machen.

Adeletip Wollten Sie Ihre Beziehungsdefizite in den neuen Liedern aufarbeiten?
Adele "21" ist definitiv ein Trennungsalbum. Okay, das war "19" auch. Aber jetzt betrachte ich die Dinge aus einer etwas anderen Perspektive. Ich meine nicht jeden Satz todernst, die Stücke sind ein bisschen humorvoller, manchmal auch selbstironisch. Wenn ich in "Rolling In The Deep" mit meinem Ex-Freund abrechne, dann habe ich natürlich einiges extrem überzogen.

tip Trotzdem scheint das Songschreiben für Sie einen therapeutischen Effekt zu haben, oder?
Adele Ja. Vor allem ist es weniger kostspielig als ein Psychoanalytiker (lacht). Im Ernst: Ich bin geschickt mit Worten, die ich zu Papier bringe. Das ist in einer direkten Konfrontation nicht unbedingt so. Ein Gespräch kann bei mir schon mal in einer Schlammschlacht enden. Die Gemüter erhitzen sich, jeder will noch eins draufsetzen, zack, eskaliert das Ganze.

tip Sind Sie im Studio genauso unberechenbar?
Adele Ich denke, ich habe es meinen Produzenten Rick Rubin und Paul Epworth ziemlich leicht gemacht. Rick ist eh die Ruhe selbst. Mit ihm kann man wunderbar schweigen. Doch hinter dieser Gelassenheit verbirgt sich ein Mann mit ganz präzisen Vorstellungen. "Wir müssen die Energie deiner Liveshows in deine CD einbringen", sagte er zu mir. Damit stand also der übergeordnete Plan. Die Zusammenarbeit mit Paul war völlig anders. Er ist schnell, verrückt, will ständig etwas Neues ausprobieren. Deswegen haben wir viel experimentiert.

Adeletip Wollten Sie sich nicht mehr nur auf Retrosoul festnageln lassen?
Adele Tatsächlich ist mein Sound jetzt vielschichtiger. Es gibt Blues-, Country-, Rock- oder Pop­einflüsse. Ich habe mir woanders Anregungen geholt – bei Tom Waits, Mary J. Blige, Wanda Jackson... Meine Musik soll all das verbinden, dahingehend war ich zielstrebig.

tip Sie haben es in einigen Ländern auf Platz eins der Albumcharts geschafft. Hat Sie dieser Erfolg nicht umgehauen?
Adele Ich blieb recht gelassen. Ich werde auch bestimmt nicht in ein schwarzes Loch fallen, dafür bin ich zu bodenständig. Gott sei Dank wüten in mir keine finsteren Dämonen. Ich halte mich von Drogen fern, weil ich gut mit der Realität klarkomme. Bloß 2008 musste ich mich neu orientieren. Ich war überwältigt von dem, was plötzlich mit mir und meiner Musik passierte. Diese Phase hat vielleicht einen Monat gedauert. Danach wusste ich, wie ich Karriere, Familie und Freunde in Einklang miteinander bringen kann.

tip Bei der Grammy-Verleihung 2009 waren Sie aber noch nicht so weit…
Adele Dieser Abend war für mich eine surreale Erfahrung. Als ich aufgerufen wurde, kam das total überraschend. Ich kaute Kaugummi, meine Schuhe standen irgendwo unter meinem Stuhl, eine Rede hatte ich gar nicht vorbereitet. Wie in Trance bin ich auf die Bühne gegangen, ich erinnere mich nur noch verschwommen an die Übergabe der Preise.

Adeletip Sängerinnen wie Amy Winehouse oder Duffy haben Sie dabei längst hinter sich gelassen. Was bedeutet Ihnen das?
Adele Offenbar denkt jeder, zwischen uns tobt ein gnadenloser Konkurrenzkampf. Das stimmt nicht! Wir gehen äußerst höflich miteinander um, wenn wir uns treffen. Ich verfolge nicht manisch die Höhen oder Tiefen meiner Kolleginnen mit, sondern konzentriere mich lieber auf meine eigene Karriere. Alles andere wäre reine Energieverschwendung.

tip Wollen Sie mit dieser Einstellung ein Vorbild sein?
Adele Das werde ich andauernd gefragt. Ich glaube, ich muss meiner Generation gar nichts vorleben. Ob ich mir meine Geschwister oder meine Freunde angucke, da ist keiner auf irgendwelche Marken fixiert. Und will auch nicht um jeden Preis superdünn sein. Das sind eh bloß Oberflächlichkeiten, keine echten Werte. Deshalb lasse ich mich nicht zum Abnehmen zwingen. Schließlich möchte ich mein Publikum mit meiner Stimme und meinem Talent überzeugen. Dafür brauche ich weder gebleichte Zähne noch eine Brustvergrößerung.

Interview: Dagmar Leischow

Adele, Huxleys, So 27.3., 20 Uhr (ausverkauft)

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 25.03.2011

Kino-Newsletter

Sie wollen das Kinoprogramm stets aktuell nach Hause geliefert bekommen? Einfach auf den Button klicken, anmelden und Sie erhalten von uns wöchentlich die aktuellen Termine und Filmprogramme aller Kinos.

Zur Anmeldung

tip Ausgabe 26/2014

Glauben ohne Gott - Vom Sinn des Lebens || June Newton im Interview || Sebastian Fitzek - Berliner Thriller-Autor || Ridley Scott über "Exodus" || Neue Clubs im Check || 100 Jahre Volksbühne || Die besten Silvester-Partys || Programm- und TV-Kalender: Termine vom 18.12. - 31.12.2014.